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Es gibt den Erfolgstypen, der vor allem in der Politik gut ankommt: der Opportunist. Dieser Typ Mensch ist schon jedem einmal begegnet: Er bleibt in dem, was er sagt, immer etwas vage, legt sich nicht eindeutig fest und liebt es, sich auch als sehr tolerant darzustellen, „für alles offen“ zu sein. Jesus mochte diesen Typ nicht, denn in der Offenbarung Johannes sagt er: „Ich kenne euer Tun: Ihr seid weder warm noch kalt. Wenn ihr wenigstens eins von beiden wärt! Aber ihr seid weder warm noch kalt; ihr seid lauwarm. Darum werde ich euch aus meinem Mund ausspucken.“ (Offb. 3, 15-16) und an anderer Stelle: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5,37).

Er war also für Eindeutigkeit in den Aussagen und im Leben. Ihm kam es auf die Übereinstimmung an zwischen dem was jemand sagt und dem, was er tut. Die Heuchelei war ihm ein Gräuel.

Er ging dabei das Risiko ein, sich selbst in Gefahr zu bringen, in dem er diese Eindeutigkeit von anderen einforderte und diejenigen bloßstellte, die es an dieser Eindeutigkeit fehlen ließ. Dies hat  auch letztendlich zu seinem Tod geführt hat, denn er hatte sich sowohl mit der weltlichen Macht als auch mit der mit ihr kooperierenden geistlichen Macht (Priesterschaft) angelegt. Prinzipientreue statt Opportunismus war seine Devise. Er verlangte sie auch von seinen Anhängern.

Aber kann nicht auch diese Prinzipientreue übertrieben werden? Hier hilft vielleicht das Wertequadrat, das von dem Psychologen Schulz von Thun weiterentwickelt wurde (es stammt ursprünglich von dem Philosophieprofessor Nicolai Hartmann - https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-werte-und-entwicklungsquadrat, der von 1882 bis 1950 gelebt hat). Nach seiner Auffassung entspricht ein Wert in seiner Übertreibung immer ein entsprechender „Unwert“. In diesem Falle wäre also der Unwert zur Prinzipientreue die Prinzipienreiterei (Haarspalterei, Rechthaberei), die auf keine Situation oder eigene Befindlichkeit und auch die des Gegenübers Rücksicht nimmt. Kinder haben es oft noch nicht gelernt, situationsadäquat zu reagieren und versuchen ein gerade gelerntes Prinzip („du sollst immer die Wahrheit sagen“) anzuwenden, auch wenn sie dabei andere verletzen, indem dem sie dem Gegenüber z. B. offen sagen, was sie über ihn denken. Der Opportunismus ist bereits die negative Gegenseite der Prinzipienreiterei. Für den positiven Gegenwert des Opportunismus fällt mir nur der der Situationsangepasstheit ein. In der Waagerechten befinden sich also die polaren Pole (z. B. Prinzipientreue und Situationsangepasstheit), in der Vertikalen die negativen Übertreibungen (z. B. Opportunismus statt Situationsangepasstheit) und in der Diagonalen die eigentlichen Gegensätze (z. B. Prinzipientreue gegen Opportunismus). Dies wird in der folgenden Abbildung noch einmal verdeutlicht:    

    Prinzipientreue           Situationsangepasstheit  (Wert)

                                                      
        

   Prinzipienreiterei         Opportunismus       (Unwert)

Wer situationsangepasst reagiert, will damit erreichen, dass sein Verhalten nicht „anstößig“ empfunden wird. So würde z. B. das Erzählen von Witzen auf einer Beerdigung als unpassend empfunden, weil damit die Gefühle der Trauernden verletzt werden könnten. Die Prinzipientreue bleibt aber erhalten, weil durch ein solches Verhalten nicht der blinden Anpassung an gesellschaftliche Normen gefolgt wird, sondern das Prinzip der Rücksicht gegenüber anderen als Grundhaltung im Vordergrund steht. Würde, um bei diesem Beispiel zu bleiben, man wissen, dass der Verstorbene „kein Kind von Traurigkeit“ war, könnte eine lustige Anekdote aus seinem Leben durchaus passend sein. Der Opportunist hingegen passt sich immer der jeweiligen Situation an, um Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen oder, um es positiv zu formulieren, Vorteile mitzunehmen, die sich ihm dabei bieten, in dem er sich den Erwartungen anderer anpasst. Er ist jemand, der zunächst einmal abwartet um festzustellen, wie sich eine Diskussion in einer Gruppe entwickelt, um sich dann der Mehrheitsmeinung anzupassen. Im politischen Raum ist er kein Vorkämpfer für eine Idee, sondern er wartet zuerst einmal ab, welche Mehrheitsmeinung sich herauskristallisiert, um dann diesem „Mainstream“ zu folgen. Streng genommen, hat der Opportunist gar keine Prinzipien – außer dem Grundsatz, dass er versucht immer seinen Vorteil zu suchen, egal in welcher Situation er steht. Er lässt sich nicht auf eine bestimmte Position festlegen, sondern bleibt auch in seinen Formulierungen meistens vage, unbestimmt („man kann das so sehen, aber es könnte auch sein“; „ich will mich jetzt nicht festlegen“; „ich denke, dass man erst einmal abwarten sollte“; „ich denke, man sollte jetzt noch keine Entscheidung fällen, sondern vielleicht erst einmal prüfen…“) und vermeidet, persönliche Meinungen kundzutun, sondern belässt es am liebsten bei den unpersönlichen „Man-Sätzen“. Die Lauheit in allen Lebenslagen ist sein Markenzeichen. Er zeigt sich gern als „weltoffen“ und „tolerant“, wohinter er aber nicht eine eindeutige Werteorientierung verbirgt, sondern den Versuch, sich wechselnden Entwicklungen schnell anpassen zu können. Es sind aber meistens Lippenbekenntnisse, die er in die Welt setzt. Wenn es darauf ankommt und er mit seinen eigenen Aussagen konfrontiert wird – wenn er sich tatsächlich mal festgelegt hat – wird er sich herauswinden mit ausweichenden Formulierungen („das war nicht so gemeint“, „eigentlich habe ich gedacht“). Überhaupt neigt er nicht dazu, sich eindeutig schriftlich festzulegen, denn das Geschriebene kann er nicht mehr zurücknehmen, kann er nicht mehr leugnen. Die Mitgliedschaft in einer politischen Partei, einer Glaubensgemeinschaft oder einer sonstigen Gruppierung geschieht nicht aus Überzeugung, sondern aus opportunistischen Gründen. Wer z. B. im Paderborner Raum integriert sein will, tut gut daran, Mitglied der CDU, in der katholischen Kirche und im Schützenverein zu sein. Mir sind in meinem Leben eine Reihe solcher Opportunisten begegnet und ich kann nur sagen: Mit ihnen will ich nichts mehr zu tun haben, sie sind mir ein Gräuel und im höchsten Maße zuwider. Mir ist ein eindeutiger Atheist lieber als ein lauwarmer Christ, weil ich weiß woran ich bin. Wer „vorsichtshalber“ in der Kirche bleibt, „weil man ja nie weiß, es könnte ja etwas dran sein, dass die Bibel recht hat…“, kann mir gestohlen bleiben. Wer als Parteigänger einer Partei folgt und versucht dort Karriere zu machen – statt einen „normalen“ Beruf zu lernen, ist mir im höchsten Maße unsympathisch. Ich habe den Eindruck, dass dieser Typus in unserer Gesellschaft langsam überhandnimmt, weil dem „Mainstream“ zu folgen allemal bequemer ist, als sich eindeutig zu positionieren.

Mit Sicherheit fällt jedem gleich eine Reihe von Menschen aus dem politischen Leben ein, die als Opportunisten definiert werden können. Warum fällt dabei jetzt nur Frau Dr. Angela Merkel ein? Es ist doch merkwürdig, dass mir der Gedanke kommt, dass sie so ein typisches Beispiel für einen Opportunisten ist. Und in der Tat: Es gibt glaube ich keine andere Frau in der Poliitik, die so sehr ihre Meinung gewechselt hat, wie die amtierende Bundeskanzlerin. Als die CDU/CSU noch in der Opposition war, hat sie eindeutig die Position vertreten, dass Deutschland keine weiter Zuwanderung verkraften könne. Den Grund kann sich jeder selbst denken: Es entsprach der Erwartungshaltung der Delegierten der entsprechenden Parteitage der CDU. Als sie Regierungschefin wurde, änderte sie ihre Meinung und war – man erinnere sich an das Jahr 2015 – mit ihrer Meinung gerade auf der Gegenseite und vertrat die Auffassung derer, die sie zuvor kritisiert hatte. Mit dieser Strategie hatte sie sich die "Sympathien" ihrer einstmaligen Gegner gesichert, was ihr für ihr politisches Überleben nützlich schien. Sie war früher ein Verfechter der Atomkraft, insbesondere als sie noch Umwelt-Ministerin im Kohl-Kabinett war und im Jahr 1994 verkündete: „Die Kernkraft ist eine saubere, verantwortbare Energie und auch für die Zukunft wichtig“( https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/fuenf-jahre-nach-fukushima-merkels-weg-zur-standhaftigkeit-14114400.html). Nach der Katastrophe im Jahr 2011 von Fukushima änderte sich das schlagartig und sie schlug sich auf die Seite derer, die sie früher kritisiert hatten. Auch hier ist die Motivation klar: Es ging nicht um eine sachgerechte Entscheidung, sondern sie folgte einfach einer momentanen Stimmungslage (80 % der Deutschen waren damals für den Atomausstieg; https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/fuenf-jahre-nach-fukushima-merkels-weg-zur-standhaftigkeit-14114400.html), was ihr vielleicht Sympathiewerte gekostet hätte, wenn sie bei ihrer ursprünglichen Meinung geblieben wäre. Könnte man so etwas nicht auch Populismus nennen? Ihre politischen Freunde nennen das einfach Pragmatismus.    

© Büren, 23.04.2020, Günther Birkenstock   

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