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Seit der Corona-Krise finden in den Kirchen keine Gottesdienste mehr statt. Nun wollen die Kirchen ein Konzept vorlegen, nachdem sie und andere Glaubensgemeinschaften wieder diese Gottesdienste abhalten wollen – unter strengen Auflagen des Abstandsgebotes und der Hygiene, was bedeutet, dass auch keine Gesänge mehr stattfinden können. Abgesehen von dem Bedürfnis vieler Kirchenanhänger, an gemeinsamen Gottesdiensten teilzunehmen, stellt sich für mich die Frage: Dienen Gottesdienste Gott?

Wenn ich an eine solche Frage herangehe, dann stelle ich mir einfach vor, ich wäre Gott. Für manche könnte das schon nach Blasphemie klingen, aber sich in die Lage eines anderen versetzen, auch wenn es Gott ist, könnte durch einen Perspektivwechsel einen Erkenntnisgewinn bringen. Also versuche ich es: Wollte ich, wenn ich Gott wäre, dass sich die Menschen jeden Sonntag in ein großes Gebäude setzen, das mäßig beheizt und wegen der kleinen bunten Fenstern nur mäßig beleuchtet ist? Wollte ich, dass diese Menschen jeden Sonntag dieselben Lieder bei feierlicher Orgelmusik singen? Wollte ich, dass  sie in diesem Gebäude auch zu mir beten – und das alle gemeinsam?  Wollte ich, dass jedes Mal die gleichen Zeremonien abgehalten werden und die Menschen mal abwechselnd betend oder singend eine Feier abhalten? Wollte ich, dass ein Mann oder eine Frau in einer langen Robe aus der Bibel etwas vorliest? Ich würde als Gott sagen: „Wegen mir müsst ihr euch nicht jeden Sonntag in einen mäßig beleuchteten, kalten Raum setzen, abwechselnd mal stehend, sitzend oder kniend einem Mann zuhören, der festlich angezogen ist und euch etwas aus der Bibel vorliest, denn das könntet ihr doch auch zu Hause tun, denn lesen könnt ihr doch alle selbst. Auch braucht ihr meinetwegen keine Lieder zur Orgelmusik singen. Wenn ihr das alles für euch machen wollt, habe ich damit kein Problem, aber wegen mir müsst ihr euch nicht regelmäßig in dieser Weise versammeln. Außerdem: Warum glaubt ihr denn tatsächlich, dass ich, der ich allgegenwärtig bin, mich jeden Sonntag in ein Gebäude begebe, dass ihr auch noch „Gotteshaus“ nennt, so als ob ich mich darin aufhalten würde." Die Antworten sollen eines verdeutlichen: Gottesdienste sind reines Menschenwerk und haben überhaupt nichts mit Religion zu tun. Die Gesten und Zeremonien mit Ansprache des Pfarrers, Wechselgesänge zwischen dem Geistlichen und der Gemeinde, Beten, Orgelmusik und Predigt folgen bestimmten Regeln (Liturgie), von denen sich keine in der Bibel finden. Die zwei wichtigsten Elemente des Gottesdienstes sollen nun beleuchtet werden:

  • Beten: Das Beten hat im Gottesdienst eine zentrale Bedeutung. Entweder spricht der Pfarrer etwas vor und die Gemeinde antwortet oder aber es wird gemeinsam gebetet. Das Vaterunser ist ein solches Gebet, das immer wieder gern gemeinsam gebetet wird. Aber ist dies biblisch begründbar? Was hat Jesus dazu gesagt? Seine Ausführungen sind eigentlich eindeutig:
    • Beten ist keine Gruppengruppenveranstaltung. Im Kirchengebäude oder auf öffentlichen Plätzen finden sich Menschen gerne zusammen, um Gebete gemeinsam zu sprechen. Aber ist das in dem Sinne, wie es Jesus empfohlen hat? Es gibt keine Stelle im Neuen Testament, in der geschildert wird, dass er mit seinen Jüngern gemeinsam gebetet hat. Wenn er gebetet hat, war das immer eine Soloveranstaltung: „Und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus und ging fort an einen einsamen Ort und betete dort“ (Markus 1,35). „Er ging auf den Berg, um zu beten“ (Markus 6,46). „Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein“ (Matthäus 14,23).
    • Beten nicht in der Öffentlichkeit: Wenn die Menschen sich im Gottesdienst versammeln, um dann zu beten, findet dieser Vorgang in der Öffentlichkeit statt. Auch das ist etwas, was Jesus sogar scharf verurteilt: „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten“ (Matthäus 6, 5-6).
    • Beten mit wenig oder gar keinen Worten: Auch lange Litaneien, Rosenkränze und ähnliche Gebete, wie sie in Kirchen üblich sind, wurden von Jesus nicht empfohlen. Mehr noch: Er sagt letztendlich, dass Gott bereits weiß, bevor man ein Gebet ausspricht, was die eigene Intention ist. Er begründet das folgendermaßen: „ Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet“ (Matthäus 6, 7-8). Beten wäre demnach auch ohne Worte möglich, gewissermaßen als ein rein mentaler Vorgang, der nach außen nicht erkennbar ist. Dies bestätigt auch Jesus im Gespräch mit der samaritischen Frau am Brunnen, als er mit ihr ins Gespräch kam und sie die Vermutung aussprach, dass die Juden meinten,  Jerusalem der Ort sei, an dem man Gott anbeten solle, worauf er ihr antwortete: „…es kommt die Stunde und ist schon jetzt (da), dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4, 21-24). Diese rein gedankliche Verbundenheit ist vielleicht die vollkommenste Art des Betens, weil durch Worte bereits ein Gedanke seine „Reinheit“ verliert.
  • Abendmahl: Ein zentraler Bestandteil des Gottesdienstes ist das Abendmahl, das an das letzte Zusammensein von Jesus mit seinen Jüngern erinnern soll, bevor er festgenommen, verurteilt und gekreuzigt werden sollte. In diesem Zusammenhang gibt es drei zentrale Fragen: Verkörpert die Hostie den Leib Christi? Soll dieses Abendmahl ständig wiederholt werden? Ist das Abendmahl ein Sakrament?
    • Hostie ist nicht der Leib Christi: Das Ritual des Abendmahls hat in der katholischen und evangelischen Kirche unterschiedliche Ausprägungen und Interpretationen gefunden. Nach katholischer Lehre findet tatsächlich während der Wandlung durch den Priester eine Vergegenwärtigung von Jesus in der Hostie statt. Hierbei soll nach Verzehr der Hostie auch eine Sündenvergebung stattfinden. Gemäß dem Katechismus der katholischen Kirche gilt Lehrsatz Nr. 577 - "Wer leugnet, dass im Sakrament der heiligsten Eucharistie wahrhaft, wirklich und wesentlich der Leib und das Blut zugleich mit der Seele und mit der Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und folglich der ganze Christus enthalten ist, und behauptet, er sei in ihm nur wie im Zeichen, im Bild oder in der Wirksamkeit, der sei ausgeschlossen." [Anmerkung: Das bedeutet bei Eintritt des Todes "ewig in der Hölle verdammt"] (weiterlesen). Auch die evangelische Kirche lehrt, dass eine Sündenvergebung stattfinden soll während des Verzehrs der Hostie. In einer so genannten „Leuenberger Konkordie“, die 1973 zur Beilegung der zwei Richtungen in der evangelischen Kirche, nämlich der „lutherischen“ Richtung, nach der der Leib zwar nicht in der Hostie aber mit ihr aufgenommen werde und der „reformierten“ Richtung, bei der die Hostie den Leib Christi nur bedeute, formuliert wurde, heißt es:“ Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er lässt uns neu erfahren, dass wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen.“ (weiterlesen). Die beiden Kirchen berufen sich auf die angeblichen Worte von Jesus, als er das Brot brach und es den Jüngern gab - „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (Lukas 22, 19) - die auch ähnlich in den anderen so genannten synoptischen Evangelien formuliert worden sein sollen. Interessant ist hierbei das Wort „ist“, das nach dem Theologen Günther Schwarz (1928 – 2009), der den griechischen Text des Evangeliums in die aramäische Ursprache zurückübersetzt hatte, falsch übersetzt wurde. Demnach müsste es eigentlich nicht „ist“, sondern „geschehen“ lauten, was zur Folge hätte, dass es eigentlich heißen müsste: „Dies wird mit meinem Leib/mit meinem Blut geschehen“, wodurch die „sakramentale“ Verbindung zwischen Brot und Leib bzw. Wein und Blut wegbreche (weiterlesen). Es könnte also sein, dass der so genannte Theologen-Streit einfach auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist. Diese Schlussfolgerung drängt sich auf, da aus dem Verhalten von Jesus geschlossen werden kann: Er wollte niemals die Gleichsetzung des Brotes mit seinem eigenen Körper installieren, dazu war er doch in seinen sonstigen Ausführungen relativ deutlich. Deshalb erscheint die „magisch“ anmutende Wandlung, die heute in den Kirchen gefeiert wird, nicht authentisch auf Jesus rückführbar.
    • Keine ständige Wiederholung des Abendmahls: In den Evangelien spielt das gemeinsame Einnehmen von Speisen eine große Rolle, weil das gemeinsame Essen ein zentraler Bestandteil der Kultur war, in der Jesus lebte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch dem Abendmahl eine besondere Bedeutung zukommt. Die spannende Frage ist aber, ob Jesus gemeint hat, dass ein solches Abendmahl ständig wiederholt werden solle (bis zu seiner Wiederkunft). Paulus ist der Erste, der zu dieser Frage klar Stellung bezieht, in dem er ausführt, dass die Gemeinde sooft von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken solle, bis er (wieder)kommt (1. Korinther 11,26). Die Erwartung der Wiederkunft des Herrn in naher Zukunft war immer in der frühen Christenheit präsent. Paulus hat es so formuliert: „Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zum Kommen des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind“ (1. Thessalonicher 4,15). Diese Naheerwartung der Urchristen verblasste aber mit den Jahren immer mehr. Bei den Urchristen war es „am dem Tag des Herrn“ (1. Tag in der Woche: Sonntag) üblich gemeinsam zu essen, wobei Paulus darauf hinwies, dass bei den regelmäßigen Zusammenkünften nicht immer das Abendmahl des Herrn gefeiert werden sollte, weil ja alle zuvor bereits gegessen haben sollten (1. Korinther 11,20). Wenn aber nun Jesus Christus nun immer noch nicht erschienen ist, sollten die Christen immer wieder „am Tag des Herrn“ (Sonntag) das Abendmahl feiern? Was hat Jesus selbst dazu gesagt? Er hat zumindest nicht darauf hingewiesen, dass die Menschen dies immer tun sollten. Er hatte nur zu seinen Jüngern gesagt, dass sie das Abendmahl zu seinem Gedächtnis begehen sollten. Diese Bitte war direkt an die anwesenden Personen gerichtet. Es ist nicht ihnen aufgetragen worden, dass diese nun auch alle Menschen auffordern sollten, es ihnen gleich zu tun. Wenn letzteres der Fall wäre, dann hätte er es seinen Jüngern bei dem Abendmahl oder später, etwa, als er ihnen den so genannten Missionsauftrag erteilt hatte, gesagt (in etwa so: „Geht hin in alle Welt und verkündet, dass alle Menschen das Abendmahl immer zu meinem Gedächtnis wiederholen sollen, wenn sie in meinem Namen beisammen sind, bis ich zurückkomme.“). Eine entsprechende Anweisung wurde aber nicht gegeben.
    • Kein Sakrament: Die Idee, dass das Abendmahl eine heilbringende Wirkung entfalten soll, ist eine reine Erfindung der Kirche und lässt sich nicht mit biblischen Aussagen hierzu begründen. Es sind keine Aussagen von Jesus bekannt, dass er überhaupt so etwas wie Sakramente begründet hat. Dies lag ihm schon allein deshalb fern, weil er eine tiefe Abneigung gegen den damaligen Klerus hatte, denn die Sakramente setzten ja besondere Personen voraus, die dann berechtigt wären, diese Sakramente zu spenden.

Wenn aber es sich nun herausstellt, dass es keine biblische Begründung für einen Gottesdienst gibt, stellt sich die Frage, wem nützen diese dann und warum werden sie abgehalten?

  • Gottesdienste sind gemeinschaftsbildend: Jede Glaubensgemeinschaft möchte mit Gleichgesinnten zusammen sein, um die Verbundenheit im gemeinsamen Glauben und den Zusammenhalt zu festigen. Dies ist ein Grund dafür, sich jeden Sonntag zum gemeinsamen Singen und Beten in einer Kirche einzufinden. Dies hat aber nichts mit Religion zu tun.
  • Dokumentation der Daseinsberechtigung: Was sollen denn die armen Pfarrer den anderes tun, die nun mal Theologie studiert haben? Sie halten die Gottesdienste ab, weil sie damit zeigen, dass ihr Dasein eine Berechtigung hat. Diese zu fragen, ob es denn biblisch begründbar ist, diese Gottesdienste abzuhalten, wird eine immer eine bejahende Antwort zur Folge haben („frage nicht die Frösche, wenn du einen Teich trocken legen willst“).
  • Kulturelle Identität: Unser christliches Abendland baut auf dem auf, was von Jesus Christus überliefert und von der frühen Christenheit weitergegeben wurde. Es ist der feste Glaube an einen Gott, dessen Sohn auf die Erde gekommen ist, um die Menschen zu erlösen und der die Menschen aufgefordert hat, ihm nachzufolgen, in dem sie das beherzigen, was er in der Bergpredigt verkündet hat. Das schaffte eine gemeinsame Grundlage für die Organisation des Sozialwesens bis hin zum Rechtssystem, das sich bis heute auf dieser Grundlage entwickelt hat. Das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes unterstützt die Menschen in ihren Überzeugungen, entsprechend den christlichen Geboten zu handeln.

Was  ist das Fazit? Der wahre Gottesdienst, das verbliebe noch für uns, läge  in der Erfüllung des Willen Gottes auf Erden durch unsere Handlungen. Darauf wies ausdrücklich Jesus hin, als er über das Endgericht berichtete, in dem er sagte, dass nur die gerettet seien, die die Nächstenliebe praktiziert haben (Matthäus 25, 31-46) – sonntägliche Sonntagsdienste werden nicht als heilsbringend erwähnt. Mein Fazit lautet deshalb: Das ganze Leben sollte also ein Gottesdienst sein und nicht der der sonntägliche Gang zur Kirche. Es wäre also an der Zeit, den Begriff "Gottesdienst" lieber wörtlich zu nehmen.

© beim Verfasser

 

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