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Jetzt haben diejenigen Hochkonjunktur, denen das freie Leben der Menschen schon immer suspekt war. Die unüberschaubar gewordenen Verordnungen zur Einhaltung von Regeln in der Corona-Krise entlarven sie besonders, die nur daran denken, anderen Vorschriften zu machen, diese dann zu kontrollieren, um sich dann als Ordnungshüter aufzuspielen.  Sie blühen regelrecht auf, sich immer neue Regeln auszudenken und zu verfeinern.

Henryk M. Broder schilderte seine Erlebnisse beim Frisör, der ihm eröffnete, was er alles jetzt nicht dürfe und wie viele Vorschriften er nun einhalten müsse. Broders Schlussfolgerung für unsere Zeiten ist: „Diese Tage, so absurd sie sind, sie sind auch ein Paradies für Bürokraten“. Er verweist auf die vielen Hygienekonzepte, die jetzt jeder Fußballverein, jedes Museum oder die vielen Konzertsäle haben müssten. Er bewundere die Detailtreue, die sich da jetzt austoben könne. (ansehen).  

Wer ist dieser Menschentypus, der daran Gefallen findet, Menschen zu kontrollieren? Ich nenne ihn mal den „Kontrollfreak“. Dieser Ausdruck passt, denn ein Freak ist irgendwie ein „schräger Typ“, der  an der Übertreibung einer an sich guten Sache Gefallen findet. Und eine Kontrollfreak ist eben jemand, der aus der Übertreibung der Kontrolle seinen Gewinn zieht. Vielleicht lassen sich ein paar Merkmale herausfiltern, die diesen Menschentyp beschreiben können:

  • Urmisstrauen gegenüber Mit-Menschen: Kontrolle ist nicht von vorherein etwas Schlechtes. Sie ist ein notwendiger Bestandteil unseres Sozialwesens, denn ohne Kontrolle über die Einhaltung von Regeln, die sich Menschen gemacht haben, würde alles im Chaos versinken. Chaos ist somit die Folge einer mangelnden Kontrolle. Jeder kann sich auch selbst in gewisser Weise kontrollieren: Terminkalender, Aufgabenlisten, ja selbst der Einkaufszettel übt eine Kontrolle über unser eigenes Verhalten aus, damit wir keine unnötigen Sachen einkaufen. So weit so gut. Der Kontrollfreak glaubt aber nicht daran, dass seine Mitmenschen zu dieser Selbstkontrolle fähig sind. Deshalb gilt für ihn: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Alle Appelle an die Vernunft des Menschen hält er für überflüssig. Deshalb hält er insbesondere nichts in der Corona-Krise davon, dass man nun die Menschen auffordert, bestimmte Regeln einzuhalten, ohne dabei mit der Strafe zu drohen, die Eintritt, wenn die Hygiene-Regeln verletzt werden. Deshalb sind die Paragraphen 17 und 18 der „Verordnung zum Schutz vor Neuinfizierungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2“  (weiterlesen) für den Kontrollfreak die wichtigsten Teile dieser Verordnung, weil sie eine detaillierte Auflistung von insgesamt 29 Tatbeständen beinhaltet, die eine Geldbuße bis zu 25.000 EUR auslösen können.
  • Ausübung von Macht als Selbstzweck: Die Kontrolle wird gern als Machtmittel missbraucht. Der Kontrollfreak sieht sich als „Hüter der Ordnung“ und ermahnt  jeden bei jeder Gelegenheit, bestimmte Regeln einzuhalten, fühlt sich ständig als Polizist – auch wenn er keiner ist. Deshalb findet man auch diesen Typus nicht nur in staatlichen Stellen, sondern auch in der übrigen Gesellschaft: Die Aufpasser in den Geschäften, die andere ermahnen ihre Gesichtsmasken aufzuziehen. Die Denunzianten, welche die Nachbarn wegen Übertretung von Corona-Regeln gerne anzeigen. Die Kontrolle dient dann nicht primär der Ermöglichung eines guten Funktionierens der Menschen in einem Sozialwesen, sondern der Unterdrückung der Freiheit. Wie in dem Film „Matrix“, in dem die Wächter des Systems auswechselbare Marionetten – sie heißen immer nur Mr. Smith – sind, können auch die Kontrolleure in unserer Gesellschaft zu uniformen, austauschbaren Bürokraten werden, denen es nur auf die blinde Befolgung vorgegebener Regeln ankommt.
  • Phantasielosigkeit und Stereotypie: Phantasie und schöpferisches Handeln ist nicht seine Sache. Ein Kontrollfreak glaubt, die Welt wäre in Ordnung, wenn starre Regeln vorgegeben sind, die alle Menschen einhalten müssen: Der Tagesablauf, der strikt in stereotype Abläufe eingeteilt ist mit ritualisierten, sich ständig wiederholenden Handlungen zu allen Tätigkeiten des Alltages füllen sein Leben völlig aus. Die Corona-Regeln kommen da wie gerufen, denn dort wird detailliert festgelegt, wie man sich in der Öffentlichkeit verhalten muss. Er ist gewissermaßen immer mit dem (imaginären) Zollstock unterwegs, mit dessen Hilfe der genaue Abstand zum Nachbarn notfalls vermessen wird. Wehe, der Grenzwert von 1,50 Meter wird mit 1,30 Meter unterschritten.
  • Bürokratische Eunuchen: Wenn der Kontrollfreak andere kontrolliert, denken wir z. B. an diejenigen (medizinischer Dienst), die bei Pflegediensten kontrollieren, ob die Pflegestandards eingehalten werden, muss er es unbedingt nicht selbst besser können als diejenigen, die er kontrolliert. Er ist wie ein Eunuche: Er weiß wie es (Sex) geht, kann es aber selbst nicht. Diejenigen, die z. B. als Betriebsprüfer vom Finanzamt kommen, um zu kontrollieren, ob alle Vorschriften des Finanzwesens eingehalten wurden, könnten wahrscheinlich selbst nicht einen Betrieb führen und dabei die vielen Vorschriften einhalten, die hierbei zu beachten sind.
  • Kritikresistenz: Der Vorteil des Kontrolleurs liegt darin, dass er sich selbst nicht hinterfragen muss, sondern nur er aufgrund seiner Stellung das Verhalten anderer beobachten und beurteilen darf. Die „Retourkutsche“ des Kontrollierten, die Arbeit des Kontrolleurs zu hinterfragen, sein Verhalten auf den Prüfstand zu stellen, ist aus Sicht des Kontrollierenden eine unangemessene Verhaltensweise, denn für ihn ist die Rollenverteilung klar: Er ist derjenige, der die Fragen stellt, er ist derjenige, der das Verhaltens des andern beurteilen darf, nicht umgekehrt. So gesehen strahlt er mit dieser Kritikresistenz eine gewisse Arroganz aus, die ihm eine vermeintliche Sicherheit bringt, nicht durch andere infrage gestellt zu werden.
  • Selbsterhöhung durch Machtausübung: Dem Kontrollfreak geht es nicht primär darum, sich um das Wohl anderer zu kümmern, weil sie ja zu Schaden kommen könnten, wenn sie Regeln nicht einhalten, sondern er will einfach nur Macht ausüben, um sich besser zu fühlen als andere. Andere kontrollieren und vielleicht auch noch anklagen und verurteilen zu können, ist für ihn ein persönlicher Gewinn. Er erhöht sich damit selbst über andere und fühlt sich damit „überwertig“.

Zeigen wir dem Kontrollfreak, dass wir uns nicht einschüchtern lassen und vor allem, dass er selbst zur Einhaltung der Regeln verpflichtet ist, die er kontrolliert. Dem Youtuber Tim Keller war z. B. aufgefallen, dass er Angela Merkel noch nie mit einer Gesichtsmaske gesehen hätte und auch die anderen „Spitzenpolitiker“  bei ihren Zusammenkünften nicht immer die Sicherheitsabstände einhalten (ansehen). Auch ist es ja bezeichnend, dass Polizisten bei ihren Einsätzen keine Masken tragen müssen, wie dies in dem Artikel über die Frage, ob die Polizisten zum Prügelknaben für eine verfehlte Corona-Politik werden (weiterlesen), thematisiert wurde. Es wird Zeit, dass die Kontrollfreaks auf ihre eigenen Schwächen hingewiesen werden.

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