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Das Glück ist ein flüchtiges Gut. Ich will versuchen, die besondere Art der Flüchtigkeit dessen, was viele anstreben und als Glück bezeichnen, zu charakterisieren:

  • Glück kann man nicht festhalten: Glückliche Paare wollen ihr Glück festhalten, wollen, dass die Glücksmomente der frischen Liebe nicht verblassen. Eine besondere Art der Erhaltung dieses Glücks versuchen einige Paare in Form der Institution der Ehe. Esther Vilar hat diesen Versuch in ihrem Buch „Heiraten ist unmoralisch“ (weiterlesen) karikiert. Die Kernaussage ihres Buches könnte man so zusammenfassen: Ehe ist der Versuch, die Liebe in eine Konservendose zu stecken, um sie dadurch zu erhalten. Die Amoralität der Ehe besteht aus ihrer Sicht darin, dass zwei Personen meinen, ihre Liebe dadurch abzusichern, dass sie diese nach außen hin dokumentieren, um dann die Vorteile in Anspruch zu nehmen, die dieses Bündnis (z. B. Ehegattensplitting) bietet. Es ist insofern  ein egoistischer Akt von zwei Personen, als sie für sich selbst „aus dieser Beziehung“ möglichst viel „herausholen“ wollen. Sie ist wie eine Art Lebensversicherung, die eigentlich nur mit dem Tod auflösbar („bis der Tod euch scheidet“), aber doch kündbar ist – mit manchen Verlusten auf beiden Seiten. Die Ehe als Konservierungsmittel der Liebe, um sich damit ein „ewiges Glück“ zu erhalten, ist ein untaugliches Mittel. Die Untauglichkeit liegt an dem was wir „Liebe“ nennen, die uns diese „ewige Glück“ ermöglichen soll. Liebe und auch Glück lassen sich nicht konservieren. Beide Phänomene haben gemeinsam, dass sie einen Augenblickscharakter haben, denn die Glücksmomente, die wir in der „heißen Phase“ der Liebe haben, sind eben nur Momente; wir können sie nicht festhalten, einkochen, konservieren – dadurch werden sie fad, langweilig und eintönig. Genauso ist es mit dem Glück: Es gibt eigentlich nur kurze Momente des Lebens, in denen wir dieses Glück verspüren. Es war die Verführungskunst des Mephisto in Goethes Faust, diesem die Glücksmomente zu verschaffen, die diese irdische Existenz bietet, um dann seine Seele zu gewinnen. Das Versprechen, das Faust ihm gegenüber abgab, lautete deshalb: „Werde ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann bin ich dein.“ (weiterlesen). Faust wollte somit das erreichen, was im Irdischen nicht erreichbar ist: Ewige Glückseligkeit, weil die Zeit alles wieder zunichtemacht. Jeder Glücksmoment ist nur eine Augenblicksaufnahme in unserem Leben, aber sobald dieser Augenblick vorbei ist, läuft die Zeit unerbittlich weiter und verschlingt die schönsten Momente des Lebens, sie bleiben nur uns als Erinnerungen im Gedächtnis erhalten. Deshalb heißt es in den Upanishaden (altindische Schriften des Hinduismus): Das Unvergängliche kann nicht mit dem Vergänglichen erreicht werden (weirterlesen).
  • Glück ist Arbeit: Diese Behauptung stößt auf heftigen Widerstand bei denjenigen, die glauben, dass das Glück auf das zufällige Zustandekommen von Ereignissen zurückzuführen sei, die dann die entsprechenden Erlebnisse auslösen, was dann viele als Glück bezeichnen. Evje van Dampen alias Hape Kerkeling hat es treffend so formuliert: „Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit“…( ansehen). Auf diese Weise haben Liebe und das Glück eine Wechselverwandtschaft: sie können auf Dauer nur bleiben, wenn eigene Mühewaltung dahintersteht und nicht das passive Abwarten. Liebe bedeutet ein Arbeiten an sich, an den eigenen Schwächen, an dem, was man „Beziehung pflegen“ nennt. Die Liebe ist also nicht eine Abfolge von Glücksmomenten, die uns das Leben freiwillig beschert, sondern sie beruht auf dem ständigen Bemühen, sich selbst weiter zu entwickeln, auf der Aufmerksamkeit,  den Partner nicht zu vernachlässigen, um dadurch dann tatsächlich auch so etwas wie Glück zu erleben.  „Glück hat auf die Dauer doch zumeist nur der Tüchtige“, so lautet ein Sprichwort von Helmuth Graf von Moltke (1800 – 1891), der diesen Umstand treffend beschreibt (weiterlesen). Die vorsichtige Formulierung „doch zumeist nur“ könnte darauf hindeuten, was damit gemeint ist: Es gibt sicher auch einige, die Glück haben – im Spiel, in der Liebe oder sonstwo – aber eben nicht auf Dauer. Glück erfordert eine ausreichende Disziplin. Wird diese auf „preußische Tugenden“, wie z. B. Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß (weiterlesen) zurückzuführende Selbstbeherrschung nicht beherzigt, verflüchtigt sich das Glück sehr schnell wieder.
  • Glück als Hingabe: Im Märchen von Hans im Glück ist es nur schwer vorstellbar, warum Hans, der als Lohn für sieben Jahre harte Arbeit einen Klumpen Gold bekam und diesen erst gegen ein Pferd, dann gegen eine Kuh, diese gegen ein Schwein, dieses gegen eine Gans und diese wiederum gegen einen Schleifstein eintauschte, das als Glück empfand, als er alles verlor, auch den einfachen Stein, indem er sich vornüber beugte, um aus einem Brunnen Wasser zu trinken, indem er sagte:  „So glücklich wie ich, rief er aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“ (weiterlesen). Besitz kann auch Last bedeuten, wenn man z. B. an Nomaden denkt, die immer von Ort zu Ort ziehen, stets Ausschau haltend nach fruchtbaren Weideplätzen für ihre Viehherden. Für sie ist Besitz etwas, was sie dann noch zusätzlich mitschleppen müssen. Dieses „Besitzdenken“ kam erst mit der Sesshaftigkeit auf, als der Besitz von Land, Ländereien, Häuser, Vieh usw. das Überleben sicherten. Das Sprichwort „Hast du was, bist du was“, beschreibt diesen Grundsatz, wonach das Sein dem Haben folgen soll. Viele glauben auch, dass nur diejenigen glücklich sind, die möglichst viel von Besitztümern anhäufen. Aber sie vergessen eines: Die Vergänglichkeit allen Seins und das mit diesem Besitz verbundene Glücksgefühl. Dagobert Duck ging oft in seinen Tresor, um in seinem Geld zu schwimmen. Diese Comic-Figur repräsentiert den Kapitalisten, für den das Anhäufen von Geld ein Selbstzweck darstellt. Diese Glücksvorstellung steht im Gegensatz zu der des Hans aus dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm, der es als Glück empfand, von aller Last des Besitzes befreit zu sein. Sein Gewinn war das sichere Gefühl der Heimkehr zur Mutter (die, so könnte man vermuten, ihn nicht wegen des Klumpen Gold lieb gehabt hatte, sondern weil er ihr Sohn war). Aber noch etwas anderes war sein Glück: Er konnte mit dem Weitergeben von den Gütern, die er zum Austausch anderen anbot, eben diese Menschen glücklich machen. Das Weitergeben des Glücks an andere ist der eigentliche Gewinn seiner Wanderschaft. Und in der Tat ist so, dass es viele so empfinden: Wenn sie andere glücklich machen, indem sie von sich etwas hergeben, machen sie sich erst selbst glücklich.
  • Glück ist kein Dauerzustand: Kann man dauernd glücklich sein? Im „mesolimbischen System“ des Gehirns liegt das Belohnungszentrum, deren Neuronen aktiviert werden, um „Glücksgefühle“ zu erzeugen. Die US-​Forscher James Olds und Peter Milner vom California Institute of Technology untersuchten in den 50iger Jahren das Verhalten von Laborratten – eigentlich, um neue Erkenntnisse über Lernprozesse zu gewinnen und pflanzten hierzu Laborratten Elektroden in das Gehirn, die auf Knopfdruck leichte Stromstöße abgaben (weiterlesen). Die Raten lernten rasch, dass durch Betätigen eines Hebels das Belohnungszentrum, mit denen diese Elektronen verbunden waren, aktiviert werden konnte und betätigten alle fünf Sekunden diesen Hebel, oft bis zur totalen Erschöpfung. Als Botenstoff wird das Hormon Dopamin verwandt, das im menschlichen Gehirn eine Kettenreaktion auslöst, bei der verschiedene Gehirnareale aktiviert und damit die Glücksgefühle ausgelöst werden. Diese Erfahrungen werden dann im Gehirn abgespeichert, so dass dadurch diese Glücksempfindungen wiederholt werden können, sobald entsprechende Stimuli (äußere Reize wie z. B. ein Stück Schokolade oder innere Reize wie z. B. eine visuelle Vorstellung von etwas) auftreten. Aber wie es den Ratten gegangen ist, kann es auch manchen Menschen gehen, die versuchen, diese Glücksgefühle ständig zu wiederholen: Sie werden dann „süchtig“ danach, was aber eine Kehrseite hat: Fettleibigkeit bei Lust auf Zucker, Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit bei dem Versuch, diese Glücksgefühle durch bestimmte Substanzen immer wieder zu erzeugen. Selbst das Glücksgefühl eines Gewinns an einem Automaten, in den man Münzen wirft, hat die Kehrseite, dass dabei so etwas wie Spielsucht entstehen kann. Es scheint, dass wir für dauerhaftes Wiederholen von Glücksmomenten nicht gemacht sind. Der Versuch, dies zu erreichen, hat leider schädliche Nebenwirkungen.
  • Selbstzufriedenheit statt Glück: Glück ist wie ein flüchtiges Gas, das sehr schnell verfliegt. Die Zufriedenheit ist eine eher auf Dauer angelegte Stimmung, die nicht so sehr den Schwankungen unterworfen ist, wie das Glück. Die besondere Form der Selbstzufriedenheit stellt sich ein, wenn wir uns in Überstimmung mit uns selbst befinden, weil wir das tun, was unserem eigenen Selbstbild entspricht. Nicht das Entsprechen der Erwartungen von anderen fördert diese Selbstzufriedenheit, sondern die  Konsonanz zwischen den Ansprüchen an die eigene Person im Hinblick auf Leistung oder moralisches Handeln und dem was wir tatsächlich tun. Eine Steigerungsform dieser Zufriedenheit könnte vielleicht als Seligkeit bezeichnet werden. Aber die werden wir in unserem irdischen Dasein wohl nie erreichen – da müssen wir wahrscheinlich erst gestorben sein. Das zumindest ist anzunehmen, wenn man die Berichte von Menschen auswertet, die eine Nahtoderfahrung hatten (siehe: Nahtoderfahrung – ein Indiz für ein Leben nach dem Tod, in: weiterlesen). Bei diesen besonderen Erfahrungen in Todesnähe hatten sich solche Gefühle eingestellt, die in dieser Richtung interpretiert werden könnten. Die Begegnung mit dem Numinosen, das mit unserem Verstand nicht erfasst und nur annäherungsweise gefühlsmäßig erahnt werden kann, erwartet uns hoffentlich, wenn wir endgültig gestorben sind. Wir werden es auf jeden Fall erfahren, ob dies zutrifft.

 

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Kommentare  

0 #1 NicoFest 2020-06-06 11:13
Ein interessanter Beitrag!
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