Pin It

Seit 2018 besitze ich ein E-Bike, also ein Fahrrad, das beim Antritt mit einem Elektromotor unterstützt wird. Das erleichtert die beschwerlichen Anstiege an manchen Bergen, an denen ich vorher, mit meinem alten Fahrrad, kapitulieren musste und nach dem Motto „wer sein Rad liebt, der schiebt“ abgestiegen war, um dann den Berg per pedes zu überwinden. Könnte man, so denke ich bei mir, dem Fahrradfahren eine philosophische Note abgewinnen, könnte es eine nicht nur praktische Komponente, sondern darüber hinaus eine Bedeutung haben?

  • Das „Zwischending“: Ein mir noch in guter Erinnerung befindlicher Nachkriegsfilm handelte vom Wandern: Gottlieb Sänger (Heinz Erhardt), seines Zeichens ein Archivar bei einem Zeitungsverlag, liebt das Wandern und verabscheut alles, was Räder hat, insbesondere Autos, und begibt sich in seinem Urlaub in den Schwarzwald, den er auf Schusters Rappen erlaufen will, wo er die bezaubernde Kiki (Christine Kaufmann) kennenlernt (weiterlesen). Die harmlose Geschichte zeigte das Pendant zur hektisch werdenden Zeit der aufblühenden BRD mit der zunehmenden Motorisierung. Beim Laufen kann man, wie dies in dem Film gezeigt wurde, die nähere Landschaft erkunden und auch so manche Begegnung zu Fuß erleben, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4 km/h aber an einem Tag vielleicht 10 km oder bei guter Kondition auch vielleicht 20 km zurücklegen. Aber der begrenzte Radius macht das Laufen irgendwann unerquicklich. Das Auto ermöglicht einen größeren Aktionsradius, lässt aber die Landschaft vorbeirauschen, ohne diese näher in Augenschein nehmen zu können.  Das Fahrrad ist ein „Zwischending“, das die etwas höhere Geschwindigkeit mit der Nähe zur Umgebung in geschickter Weise zu kombinieren erlaubt. Bei der von mir erzielten Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 16 km kann man also etwa 4 mal weiter sich bewegen als zu Fuß. Trotzdem bleibt der Kontakt zur Umwelt besser erhalten als im Auto. Dort, wo man mit dem Auto nicht hin gelangen kann, erlaubt das Fahrrad einen Zugang, ohne dass man zu Fuß gehen muss. Es gibt nur ganz wenig Wege, die auch mit dem Fahrrad nicht mehr benutzt werden können. Auch hier hat das Fahrrad einen Vorteil gegenüber dem Laufen: Verschmutzte, nasse und holprige Wege können mit dem Fahrrad viel leichter überwunden werden als zu Fuß, denn auf Schusters Rappen kann man eher einmal im schlammigen Böden hängen bleiben oder nasse Füße bekommen.
  • Die Nähe zur Natur: Fahrradfahren erlaubt trotz höherer Geschwindigkeit als beim Gehen doch noch einen Kontakt zur Natur, der alle Sinnesorgane betrifft: Das Vorbeiziehen abwechselnder Landschaftsbilder wird durch die Augen vermittelt. Der Geruchssinn meldet den Duft von Blumen, Sträuchern und Bäumen, der Fahrtwind und auch der Regen, der gegen das Gesicht klatscht, wird durch den Tastsinn verspürt. Der Gehörsinn übermittelt das Vogelgezwitscher in einem Wald oder andere Tiergeräusche, das Plätschern eines Baches oder das Rauchen der Blätter der Bäume. Man kann tatsächlich auch noch die Natur schmecken, wenn man zwischendurch absteigt, um im Sommer ein paar Beeren zu pflücken. Diese Sinneseindrücke gehen beim Autofahren verloren, denn man sitzt in einem Käfig aus Stahl und Glas und kann allenfalls über den Gesichtssinn erfahren, wohin man fährt. Die Menge der Eindrücke ist größer als beim Gehen, weil einfach eine größere Wegstrecke zurückgelegt werden kann.
  • Hypnotische Wirkung: Gerade, wenn man eine gleichmäßige Strecke fährt, bei der ein regelmäßiger Tritt möglich ist, so dass eine konstante Geschwindigkeit erreicht wird, habe ich manchmal das Gefühl, in einen tranceähnlichen Zustand zu gelangen. Die Gedanken kommen und gehen, das gleichmäßige Treten und Atmen verschafft eine gewisse wohltuende Atmosphäre, bei der sich eine Entspannung einstellt und eine innere Ruhe einkehrt. Vielleicht ist auch die Sauerstoffversorgung des Gehirns durch die Bewegung an der frischen Luft verbessert, denn so manche gute Idee ist mir auch während des Radfahrens gekommen. Der Vorteil gegenüber dem Laufen ist, dass die Last des Körpers nicht ständig auf den armen Füßen ruht, die irgendwann Probleme machen können. Nicht so beim Radfahren, denn hier kann man bei leichtem Gefälle tatsächlich auch einmal vorwärts kommen, ohne etwas tun zu müssen. Auch dieses Rollenlassen mit wachsender Geschwindigkeit kann einen gewissen „Rauschzustand“ hervorrufen – der natürlich auch Gefahren birgt, wenn man seine Fähigkeiten überschätzt.
  • Keine Parkplatzprobleme: Aber auch bei der Fahrt in die Stadt hat das Fahrrad einen erheblichen Vorteil gegenüber dem Auto: man muss keinen Parkplatz suchen. Die nervige Fahrt mit dem Auto in die Stadt wird oft noch gekrönt durch die lästige Suche nach einem Parkplatz, für den man dann auch noch bezahlen muss. Nicht so beim Fahrrad, denn man kann sogar bis kurz vor die Tür dorthin fahren, wohin man möchte – und überall gibt es irgendeine Stange, an der man das Fahrrad anschließen kann.
  • Einkaufen: Das Fahrrad kann auch zum Einkaufen benutzt werden, wenn man Einhängetaschen benutzt, die an dem Gepäckträger des Rückrades eingehängt werden. Wenn ich die anderen sehe, die ihre Einkäufe mit dem Auto tätigen, kann ich regelmäßig feststellen, dass ich tatsächlich weniger im Einkaufwagen habe –weil die Gepäcktaschen nicht so viel erfassen können wie ein Kofferraum eines Autos. Das begrenzte Fassungsvermögen der Einkaufstaschen bewirkt automatisch auch eine Begrenzung der eingekauften Waren. Ich kaufe also nur das ein, was ich wirklich brauche – vielleicht sehr zum Nachteil der Geschäftsleute, die dies lieber anders hätten.  
  • Corona-Sicherheit: In Corona-Zeiten stellt das Fahrrad ein ideales Fortbewegungsmittel dar, weil in der frischen Luft die Ansteckungsgefahr am geringsten ist. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln dagegen unterwegs ist, und mit anderen Fahrgästen in einem Zugabteil oder einem Bus zusammensitzt, kann niemals vor Ansteckung sicher sein. Nicht so beim Fahrrad. Es erlaubt den kontaktfreien Transport von A nach B.
  • Anstrengung wird belohnt: Es ist die Belohnung des Anstieges, der mit einem Elektromotor leichter bewältigt werden kann: Man erntet für seine Bemühungen den „gerechten Lohn“ durch eine gemütliche Abfahrt. Man erfährt etwas, was wir oftmals nicht mehr so direkt erleben, dass wir nämlich unmittelbar für eigene Bemühungen entschädigt werden. Die eigenen Bemühungen werden unmittelbar belohnt, denn je mehr Leistung ich investiere, desto weiter komme ich mit dem Fahrrad und desto mehr kann ich erleben. Die Unmittelbarkeit des Erlebens des Zusammenhangs zwischen der eigenen Anstrengung und dem Erfolg wird uns beim Autofahren nicht vermittelt, denn hier entscheidet eher der Geldbeutel des Besitzers, wie schnell jemand vorwärts kommt und wie weit dann auch sein Aktionsradius geht. Auch wenn bei starken Berganstiegen die Anstrengung, die trotz Unterstützung durch den Elektromotor immer noch spürbar ist, manchmal zu „inneren Flüchen" führt (die Strecke fahre ich nie mehr!), bleibt doch die Belohnung nicht aus durch eine mehr oder weniger rasante Abfahrt. Diese Unmittelbarkeit des Erlebens des Zusammenwirkens von eigener Anstrengung und Erfolg ist vielleicht das innere Geheimnis des Radfahrens.

 

© beim Verfasser

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren