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Die „Rechtfertigung des Aufwandes“ ist eine böse Falle, in die alle hineintappen können. Wenn sie zugeschnappt hat, gibt es fast kein Entkommen mehr! Um zu verstehen zu können, worum es geht, steigen wir mit einem Beispiel ein: Eine Frau hat geglaubt, ihren Traummann gefunden zu haben. Sie investiert alles, um ihn zu gewinnen und auch zu halten. Sie versucht, seine sexuellen Wünsche zu erfüllen, opfert ihre Freizeit, in dem sie möglichst früh von der Arbeit nach Hause kommt, um bei ihm zu sein. Sie kocht für ihn, zieht die Klamotten für ihn, die ihm besonders gefallen. Ja, sie tut alles für ihn, um ihrem Traum, einen „Mann fürs Leben" zu finden und auch zu behalten, zu erfüllen. Aber plötzlich stellt sie fest, dass er sie mit einer anderen Frau betrogen hat. Oder es könnte sein, dass sie erfährt, dass er so eine Art „Heiratsschwindler“ ist, der mit dieser Masche schon andere Frauen umgarnt und ausgenommen hat. Was geht nun in ihrem Kopf vor? Sie hat zwei Möglichkeiten:

  1. Sie macht mit ihm sofort Schluss und sagt sich: Das war wohl eine Fehlinvestition.
  2. Sie macht nicht mit ihm Schluss, sondern gibt ihm noch eine Chance und denkt sich: Ich habe nun so viel investiert, das soll nun alles umsonst gewesen sein? Nein, das darf nicht wahr sein, ich müsste mir ja sagen, ich hätte eine schlechte Menschenkenntnis gehabt, ich hätte mich total geirrt. Aber vielleicht hat er doch etwas Gutes an sich. Ja, eigentlich war es doch mit ihm ganz schön und vielleicht wird das auch so wieder wie früher und er vergisst die andere Frau…

Es wird nun jeder erkennen: Die zweite Variante wurde gewählt, um den Aufwand zu rechtfertigen, den sie gehabt hat. Die „Rechtfertigung des Aufwandes“ hat drei entscheidende Phasen:

  1. Investitionsphase: Es wird alles getan, um etwas zu erreichen, was man sich sehnlichst wünscht. Man investiert hierfür Geld, Mühe, Zeit, Arbeit oder allgemeiner formuliert: Man betreibt einen gewissen Aufwand. Dieser Aufwand stellt eine Art Zukunftsinvestition dar, d. h. man erwartet auch, dass dieser Aufwand irgendwann belohnt wird, dass man irgendwann etwas zurückbekommt oder man zumindest ein bestimmtes Ziel erreicht. Der Aufwand, der zum Erreichen des als hochwertig angesehenen Zieles aufgewandt wird, wird gerechtfertigt durch das anvisierte Ziel. Dabei stehen der Aufwand (Zeit, Mühe, Geld) zum Erreichen des Zieles in einem Abhängigkeitsverhältnis: Je mehr Aufwand betrieben wird, desto höher muss auch der Zweck oder das Ziel bewertet werden. Man rechtfertigt den betriebenen Aufwand mit dem Erreichen des angestrebten Zwecks.
  2. Testphase: Irgendwann will man wissen, ob sich der Aufwand gelohnt hat, man überprüft, ob die Investitionen auch etwas gebracht haben. Es wird eine Art Kosten-Nutzen-Anlalyse durchgeführt. Der Moment, in dem diese Analyse vorgenommen wird, kann selbst gewählt sein, d. h. man macht irgendwann eine Art Zwischenbilanz und fragt sich, ob die Investition sich ausgezahlt hat. Es kann aber auch sein, dass dieser Zeitpunkt nicht selbst bestimmt wird, sondern durch andere Momente eintritt und man unerwartet die „Testergebnisse“ übermittelt bekommt. Das war in dem o.g. Beispiel der Fall, als die Frau erfuhr, dass der Mann sie mit einer anderen Frau betrügt. Die Testphase dient dem Ziel der Feststellung, ob der Aufwand im angemessenen Verhältnis zum Nutzen steht, ob also der Wert des anvisierten Zieles den Aufwand rechtfertigt.
  3. Entscheidungsphase: Jetzt kommt es darauf an, ob die Falle zuschnappt oder nicht, denn nun muss jeder „Investor“ entscheiden, ob er Konsequenzen zieht oder nicht, wenn er feststellen muss, dass das angestrebte Ziel tatsächlich nicht den hohen Stellenwert hat, den er ihm zugebilligt hatte. Zieht er keine Konsequenzen, dann wird der versuchen, die getätigten Investitionen vor sich selbst (und anderen) zu rechtfertigen, in dem er diese in ein anderes Licht rückt, als sie im Hinblick auf das Verfehlen des anvisierten Ziels tatsächlich erscheinen, er wird versuchen den Aufwand irgendwie zu rechtfertigen:
    • Höherer Zweck: Der betriebene Aufwand diente einem „höheren Zweck“. In dem o. g. Beispiel wird die Frau sich vielleicht sagen: Ja, ich war vielleicht zu blauäugig, zu vertrauensselig, daraus habe ich jetzt gelernt. Dieser „Lerneffekt“ war dann dieser höhere Zweck.
    • Moralische oder sonstige Rechtfertigung: Selbst wenn jemand mit dem was er tut, vielleicht einen Schaden anrichtet, wird es irgendwie zu rechtfertigen versuchen, in dem er sagt: Das was ich getan habe, war vielleicht nicht ganz „astrein“, aber ich habe damit doch moralisch etwas Wertvolles geleistet ("der Zweck heiligt die Mittel"). Vielleicht könnte in dem o.g. Beispiel sich die Frau vormachen, sie hätte die ganze Zeit diesem Mann geholfen, ihn vor Schlimmeren zu bewahren, in dem sie so viel Zeit mit ihm verbracht hat. Diese Rechtfertigung geschieht sowohl gegenüber sich selbst als auch anderen und dient dazu Recht zu behalten, sich nicht eingestehen zu müssen, sich geirrt zu haben.
    • Selbstverleugnung: Manche gehen in der Erfüllung von Investitionen so weit, dass sie eigene Interessen fast leugnen oder sie gar nicht erst wahrnehmen. In diesem Zusammenhang wird manchmal vom so genannten „Helfersyndrom“ gesprochen bei Menschen, die in ihrer Selbstwahrnehmung so weit gehen, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren und sich nur für andere einsetzen. Ihre "Selbsttäuschung" besteht dann darin, dass sie sich vormachen "ein besserer Mensch" zu sein (als andere), wodurch sie durch die "Selbsterhöhung" eine interne Wertsteigerung erfahren (die aber objektiv nicht gerechtfertigt ist) und dadurch doch daraus für sich einen Nutzen ziehen.
    • Verleugnung der Tatsachen: Es kann auch sein, dass jemand hergeht und die Tatsachen leugnet, die ihn darüber belehren, dass er eine Fehlinvestition begangen hat. In dem o. g. Beispiel könnte die Frau versuchen zu leugnen, dass er sie betrogen hat. Die „gute Freundin“, die ihr die schlechte Nachricht überbringt, wird nicht ernst genommen, sie wird vielleicht argumentieren, dass diese ihr nur dies erzähle, weil sie eigentlich auf ihre gute Beziehung neidisch sei. Auch dass er bereits andere Frauen auf ähnliche Weise hintergangen hat, wird sie abtun als „schlechtes Gerede“.
    • Angriff auf den Boten der schlechten Nachricht: Die Freundin, die nun die vertrauensselige Frau versucht, vor dem neuen Liebhaber zu warnen (er sei ein Betrüger oder Heiratsschwindler), wird sich darauf gefasst machen müssen, dass sie beschuldigt und selbst Opfer der Wut wird, die sie damit auslöst. Der Angriff dient insofern der Selbstverteidigung, als dadurch die Botschafterin abgewertet und damit die Botschaft nicht ernst genommen wird.
    • Aufwertung des Objekts/Subjekts der Aufwendungen: Es ist schwer auszuhalten, sich für jemand oder für etwas eingesetzt zu haben, das sich im Hinblick auf die getätigten Investitionen als unwürdig erweist. Das Auto, das man gekauft hat, könnte sich als Fehlinvestition entpuppen, aber der Käufer wird jetzt versuchen, gute Gründe dafür finden, dass es ein guter Kauf war und jeden positiven Aspekt überbewerten, auch wenn es nebensächlich ist wie vielleicht die Farbe des Lacks. In dem o.g. Beispiel wird die Frau alle positiven Aspekte des Mannes überbewerten und versuchen, ihn "für sich selbst schönzureden". In der Flüchtlingshilfe kann man dieses Phänomen auch oft beobachten: Die ehren- oder hauptamtlichen Helfer bewerten die Migranten positiver (als sie in Wirklichkeit sind), damit ihre Arbeit nicht in ihren Augen als wertlos erscheint.

Was hilft gegen die Falle der „Rechtfertigung des Aufwandes“?

  • Ehrlichkeit zu sich selbst: Der erste und wichtigste Schritt ist der, dass man vor sich selbst zu gibt, einen Fehler begangen zu haben. Die Akzeptanz der Wahrheit, eine Fehlinvestition begangen zu haben, dient dazu, dieser Falle nicht die Tür zu öffnen.
  • Ehrlichkeit gegenüber anderen: Wenn das Bekenntnis zur Wahrheit sich selbst gegenüber gelungen ist, dann sollte auch vor dem zweiten Schritt nicht zurückgeschreckt werden, diesen Fehler auch anderen gegenüber zuzugeben.
  • Investitionsstopp: Ist man noch im laufenden Prozess der Investitionen, dann sollten diese erst einmal gestoppt werden. Ein alter kaufmännischer Grundsatz lautet: Man sollte schlechtem Geld kein gutes Geld hinterherwerfen. Dies gilt im übertragenen auch für den Aufwand, den man für eine Sache oder eine Person betreibt, bei der man erkennt, dass dieser Aufwand vergeblich war.
  • Neue Strategien: Erst wenn man erkannt hat, dass die getätigten Aufwendungen umsonst waren, kommt dann folgerichtig die Überlegung: Was kann ich stattdessen tun? Gibt es Alternativen?

Man sieht: Keiner ist vor dieser Falle geschützt. Wer diese Falle aber kennt, ist bereits besser geschützt als andere, die davon noch nie etwas gehört haben.

Und wie sieht es mit unseren lieben Politikern aus? Die gegenwärtige Corona-Krise scheint hier ein Musterbeispiel dafür zu sein, wie auch hier versucht wird, den Aufwand auf jeden Fall zu rechtfertigen: Das Retten von Menschenleben wird dabei erkauft mit anderen Opfern, indem andere Menschenleben in Gefahr gebracht werden (durch wirtschaftlichen Schaden, Verdrängung der anderen behandlungsbedürftigen Kranken, soziale Isolierung). Sie müssten sich doch fragen: Sind die Schäden, die wir durch die Freiheitsbeschränkungen anrichten, höher als der Nutzen? Sind dann diese Maßnahmen noch verhältnismäßig? Wir werden es wohl nicht erleben, dass Politiker sich selbst gegenüber und schon gar nicht vor Publikum eingestehen werden, Fehler begangen zu haben: Sie werden immer Rechtfertigungsgründe finden und in ihrer Wahrnehmung, die Schäden, die sie durch ihre Maßnahmen verursacht haben, ausblenden und lieber diejenigen angreifen, die als „Boten der schlechten Nachrichten“ fungieren.

© beim Verfasser

 

 

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