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In den Film „Hinter dem Horizont“ aus dem Jahr 1998 (weiterlesen) sprach  Chris Nielsen (Robin Williams) zu seiner Frau Annie (Annabella Sciorra) immer dann von „E-Tagen“, wenn eine wichtige Entscheidung getroffen werden musste. Für mich ist dies ein fester Begriff geworden, wenn bei mir selbst etwas zur Entscheidung anstand. Begleitet werden solche Tage emotional gesehen von einer Stimmung, die als angespannt bezeichnet werden kann: Ich schlafe schlecht, komme einfach nicht zur Ruhe und werde auch früher wach. Welche Bewandtnis hat es überhaupt mit Entscheidungen? Können wir eigentlich richtige Entscheidungen treffen und wie findet man die richtige Lösung für ein Problem (dies ist eine Schwierigkeit, die einen nur selbst betrifft) oder für einen Konflikt (bei dieser Art von Schwierigkeit sind andere Menschen involviert)?

Bildlich gesprochen geht es bei Entscheidungen um eine Weggabelung, an der man steht: man kann entweder den Weg zur linken oder zur rechten Seite einschlagen. Aber welche Wahl man trifft, hängt sicher von vielen Faktoren ab. Mir scheinen folgende Aspekte der Entscheidungsfindung wichtig zu sein:

  1. Man kann sich nicht nicht entscheiden: Grundsätzlich ist es so, dass jeder um Entscheidungen nicht herumkommt. Auch wenn man glaubt, dass man keine Entscheidung getroffen hat, hat man sich dafür entschieden, etwas im Augenblick nicht zu entscheiden. Man verschiebt eine Entscheidung. Aber im Grunde genommen hat man doch eine Entscheidung getroffen, nämlich zu einem bestimmten Problem keine Entscheidung zu fällen. Selbst die simple Entscheidung, morgens aufzustehen, ist eine Willensentscheidung, die man treffen muss: Entweder man bleibt liegen – dann hat man sich schon entschieden, nicht aufzustehen – oder man steht auf, dann hat man die Möglichkeit ausgeschlossen, liegen zu bleiben.
  2. Keine Entscheidung ist rückgängig zu machen: Diese Aussage könnte erstaunen. Selbstverständlich, kann ich, wenn ich will – so wird mancher denken – eine Entscheidung rückgängig machen! Nein, kann niemand. Denn dann müssten wir in der Lage sein, uns in die Situation zurückzuversetzen, in der wir waren, bevor wir die Entscheidung getroffen haben. Wir müssten die Uhren zurückdrehen, also in die Vergangenheit reisen können! Und das hat, glaube ich, noch niemand geschafft. Wir können die Zeit nicht anhalten, geschweige denn zurückdrehen. Wir sind Gefangene einer unerbittlich fortlaufenden Zeitschiene, auf der wir uns entlang bewegen, und zwar immer nur in eine Richtung: in die Zukunft.  
  3. Vogelperspektive oder Ameisenperspektive: Wenn wir uns vor Entscheidungen nicht drücken und keine Entscheidung rückgängig machen können, dann sind damit schon Aspekte erkannt, die uns in unserer Entscheidungsfreiheit einschränken. Wie kann man aber trotzdem eine Erweiterung der Perspektive erreichen? Hier hilft vielleicht ein Bild, das eine erleichternde Betrachtung zulässt: Die Ameisen- oder Vogelperspektive.
  • Die Vogelperspektive: Wir stellen uns vor, wir könnten uns in die Luft erheben und die möglichen Folgen einer Entscheidung vorausahnen. Manchmal wird dies auch die „Meta-Ebene“ (weiterlesen) genannt. Hier wird so getan, als seien wir in der Lage, uns aus der „Hier-und-Jetzt-Situation“ zu befreien. Ein Vogel hat aufgrund seiner Höhe eine größere Sichtweite und ist deshalb in der Lage vorauszuschauen, wohin er fliegen kann. Gleichsam ist auch der Mensch in der Lage, die Folgen seiner Entscheidungen zu antizipieren, in dem er sich ausmalt, welche Konsequenzen seine Entscheidung haben könnten. Dazu stehen ihm seine Erfahrungen und auch die Phantasie zur Verfügung. Die Erfahrungen helfen ihm, schon bereits erlebte Situationen mit der jetzigen Lebenslage zu vergleichen, um daraus Lehren zu ziehen: Wie hatte er sich damals entschieden und hatte er damit Erfolg oder nicht. Die Phantasie hilft ihm dazu, sich vorzustellen, wie sein Leben in Zukunft aussehen könnte, wenn er die eine oder andere Entscheidung trifft.
  • Die Ameisenperspektive: Diese Sichtweise ist stark an die Situation gebunden, in der der Mensch sich befindet. Wie die Ameise läuft er die bewährten Wege, die er schon immer gegangen ist. Wie die Ameise, die ihrer vorausbestimmten Ziele als „Arbeiterin“ oder „Kriegerin“ nachgeht, glaubt auch der sich in der Ameisenperspektive befindliche Mensch, vorgegebenen Verhaltensmustern, die gesellschaftlich definiert sind, folgen zu müssen. Diese Perspektive wähnt den Menschen in der Sicherheit der „ausgetretenen Pfade“, die er selbst schon immer gegangen ist und die auch schon andere gefolgt sind. Wie die Ameise, der die Einsicht in die größeren Zusammenhänge verwehrt ist, lässt der Mensch in der Ameisenperspektive die altbewährten Programme ablaufen und wehrt sich auch mitunter, andere Wege einzuschlagen.
  1. Freiheit oder Vorherbestimmung: Können wir frei entscheiden? Die Gedanken sind frei, heißt es in einem bekannten Volkslied. Aber sind sie das wirklich? Über die Frage der Freiheit haben sich schon viele Gedanken gemacht. Es gibt hierbei zwei extreme grundsätzliche Annahmen:
  • Wir sind frei in unseren Entscheidungen: Diese grundsätzlich vorhandene Entscheidungsfreiheit gilt auf jeden Fall als „idealtypische Zielvorstellung“. Sie ist die anzustrebende Seinsweise, die uns als vernunftbegabte Wesen zustehen sollte.
  • Vorherbestimmung: Leider ist die Freiheit eben nur ein Idealbild, das uns in der Realität nicht begegnet. Das, was unsere Entscheidungsfreiheit einschränkt und somit unsere Freiheit der Selbstbestimmung zumindest einschränkt, wird auch als Schicksal bezeichnet:
    • Biologische Determination: Versuchen wir einmal die Luft anzuhalten. Eine Zeitlang geht das, doch irgendwann geben wir nach und holen frische Luft in unsere Lungen. Diesen Überlebenstrieb zu unterdrücken dürfte schwer fallen. Auch der biologische Rhythmus, etwa der zwischen Wach- und Schlafphasen, ist kaum zu unterdrücken. Wir können durch Kaffee und andere anregende Mittel versuchen, wach zu bleiben, doch irgendwann übermannt uns die Müdigkeit und wir schlafen ein. Hunger und Durst zu unterdrücken dürfte auch schwer fallen. Die biologischen Fakten sind eindeutig: Wenn es um das eigene Überleben geht, sind unsere Entscheidungsmöglichkeiten zumindest stark eingeschränkt, sie gehen fast gegen Null.
    • Kulturelle Determination:  Am ehesten erscheinen die kulturellen Prägungen relativierbar zu sein. Wir müssen nicht alles mitmachen, was uns die Kultur vorgibt. Drei unterschiedliche Druckmechanismen können wir unterscheiden:
      • Autorität: Das erste ist die Durchsetzungsmöglichkeit aufgrund von Autorität. Hier ist es der Vorgesetzte in einem Betrieb, der Wissenschaftler, der es „besser weiß“  oder der Polizist. Die Macht ist ausschlaggebend für die Art des ausgeübten Drucks.
      • Gruppendruck: Der Gruppendruck beinhaltet die Möglichkeit der Gruppe, jemand als Außenseiter zu stigmatisieren, zu drangsalieren oder ganz auszuschließen, falls sich jemand nicht dem Willen der Gruppe beugt.
      • Sytemischer Druck: Dieser Druck ist anonym, soziologisch wird das als „strukturelle Gewalt“ bezeichnet, die von nicht durchschaubaren Strukturen der Gesellschaft ausgeübt wird durch Gesetze, Verordnungen (z. B. Corona-Verordnungen) und sonstige nicht-kodifizierte Normen, die Konformität im Verhalten verlangen. Wer dem systemischen Druck nicht nachgibt, kann sogar die „Existenzgrundlage“ genommen werden (Entlassung, Kürzung von Sozialleistungen, Pfändung in unser Vermögen oder Einkommen) oder sozial völlig isoliert werden (im Mittelalter gab es noch die Variante des Ausschlusses aus der Gemeinschaft, jemand für „vogelfrei“ zu erklären, was bewirkte, dass der Ausgeschlossene keinerlei Rechte mehr hatte und selbst seine Ermordung straffrei blieb – etwas, was heute vielleicht vergleichbar ist mit dem „Fertigmachen“ via Medien).
    • Entscheidungsdetermination: Ich nenne die Abfolge von Entscheidungen, bei der die eine Entscheidung eine andere Entscheidung nach sich zieht und der Entscheidungsspielraum bei jeder weiteren Entscheidung immer enger wird, als Entscheidungsdetermination (weiterlesen). Bereits bei der ersten Entscheidung weiß man bereits oder ahnt es, worauf die ganze Sache hinzielt. Aber oft ist es so, dass man die interne Warnblinklampe nicht sieht oder das leise Raunen der inneren Stimme nicht hört, die sagt: lass es lieber. Die Frau, die auf einen Heiratsschwindler reinfällt, lässt sich durch die charmanten Reden des netten Herrn einlullen (1. Entscheidung), der es versteht, gleich bei der ersten Begegnung sie geschickt zu umgarnen, es folgen weitere Schritte: Man trifft sich irgendwo in einem Lokal (2. Entscheidung) und der Mann ist sehr galant und lädt sie zum Essen ein. Bei dem nächsten Treffen sagt er, dass er seine Geldbörse vergessen hätte. Sie bezahlt das Essen (3. Entscheidung) und so setzt sich die Strategie des Mannes fort, denn immer, wenn sie sich wieder treffen, hat er kein Geld dabei. Er kann dies auch immer gut begründen und die Frau ahnt vielleicht etwas, aber sie will nicht auf ihn verzichten, da er ein so brillanter Erzähler ist und irgendwann berichtet er auch von seinen großen wirtschaftlichen Plänen. Man ahnt es, worauf die Sache hinausläuft – die Frau merkt es vielleicht auch intuitiv, aber mit wachsender Beziehung ist die Frau in eine Falle getappt: Gibt sie der inneren Stimme recht, und verweigert jede finanzielle Beteiligung, dann ist die Beziehung beendet;  tut sie es nicht, dann verspricht sie sich davon, dass er bei ihr bleibt – und dass er gar nicht so schlimm ist wie sie befürchtet. Die Falle heißt Entscheidungsdetermination, denn mit jeder weiteren Entscheidung, dem Drängen des Mannes nachzugeben, engt sie ihren Entscheidungsspielraum immer mehr ein, so dass nur noch der „Sprung ins kalte Wasser“ retten kann. Denn hilft sie ihm nicht weiter finanziell, dann muss sie sich sagen, dass sie das bisherige Geld vergeudet hat, sie würde sich selbst anschuldigen („kann ich so dumm gewesen sein?“)  und die bisherigen Aufwendungen als glatten Verlust verbuchen müssen (weiterlesen). Der Entscheidungsbaum begann, als sie das erste Mal ihm Geld gegeben hatte, ohne weiter nachzufragen. Beim nächsten Mal wird eine weitere Entscheidung hinsichtlich der Plünderung ihres Vermögens unternommen, ohne dass sie das klar durchschaut hat. Wie kann man dem begegnen? Bei dem ersten Hinweis, auf was die Sache hinausläuft, sollte man sich bereits ausklinken. Ruft bei mir jemand an und verspricht mir durch ein Spiel oder ein Quiz einen Gewinn, dann lege bereits den Hörer auf, ohne weiter auf das Gespräch einzugehen, denn ich weiß auf was die Sache hinausläuft: Man will mir irgendetwas verkaufen, sei es ein Produkt, das ich gar nicht brauche, oder eine Versicherung andrehen, die völlig überflüssig ist. Hier bewährt sich der Sinnspruch: Wehret den Anfängen.

Wie können wir uns selbst helfen, richtige Entscheidungen zu fällen. Hierzu ein paar Hinweise:

  • Richtiges Timing: Es kommt nicht nur auf die richtige Entscheidung an, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt. Ein simples Beispiel: Wenn ich mich entscheide, eine Reise anzutreten, die für mich vielversprechend ist, verpasse aber den Zug, um zur rechten Zeit anzukommen, nützt mir diese Entscheidung nichts mehr, auch wenn sie in der Sache richtig war.
  • Optionen eröffnen: Manchmal sieht es so aus, als ob wir nur auf eine „Entweder-Oder-Alternative“ festgelegt sind. Es findet eine (unbewusste) Zensur statt, andere Möglichkeiten von vornherein auszuschließen, statt sie erst einmal gedanklich zuzulassen. Die Methode „Brainstorming“ kann helfen, neuen Optionen den Weg in unseren Entscheidungsraum zu eröffnen: Es werden, ohne großartig nachzudenken, alle Ideen zugelassen –man schreibt sie z. B. auf Blatt Papier und macht sie damit für sich selbst sichtbar – ohne gleich diese zu verwerfen.
  • Zeitdilatation: Manchmal kann es geschickt sein, den Entscheidungsraum dadurch zu vergrößern, dass man sich Zeit lässt. Verkaufsstrategen wollen uns immer zu schnellen Entscheidungen bringen, in dem sie uns vorgaukeln, es gäbe keine Zeit und nur wenn man jetzt schnell zugreife, könne man eine günstige Kaufoption nutzen. Dies sollte uns warnen, dass an der Sache etwas faul ist und uns veranlassen, inne zu halten. Der Zeitgewinn kann auch ein Gewinn sein.
  • Denken ohne bewusst zu denken: Lösungen für Probleme fallen mir manchmal dann ein, wenn ich nicht bewusst darüber nachdenke. Dies geschieht auch manchmal „im Schlaf“, d. h. dass ich morgens aufwache und mir die „richtige Idee“ kommt. Wir denken anscheinend auch unbewusst nach, ohne dass wir uns bewusst „den Kopf zerbrechen“. Unser Geist arbeitet auch an einem Problem, obwohl wir davon nichts mitbekommen.
  • Moralische Gesinnung prüfen: Es gibt kaum Entscheidungen, die nicht aufgrund eigener Wertvorstellungen gefällt werden. Wenn ich überlege, was mir etwas bedeutet, warum mir etwas wichtig ist, kommen immer moralische Grundsätze zum Vorschein. Selbst die simple Entscheidung morgens aufzustehen korrespondiert mit moralischen Grundsätzen: In dem ich aufstehe, gebe ich nicht dem natürlichen Drang nach, im Bett zu bleiben, weil ich noch müde bin, sondern weil mich etwas anderes antreibt, was mir wichtig erscheint. Es kann die Arbeit sein, der man nachgeht (Arbeitsmoral), es kann die Auffassung sein, dass man nicht der „Todsünde“ der  Trägheit erliegen will (Streben nach tugendhaften Verhalten) oder es steht ein Treffen mit einem Menschen an, mit dem man sich zu einer bestimmten Uhrzeit verabredet hat (soziale Verpflichtung). 
  • Autoritätsdruck, Gruppenzwang und gesellschaftliche Isolierung aushalten: Manche Menschen können es schwer aushalten, im Dissens mit anderen zu sein. Sobald sie merken, dass ihre Entscheidung auf wenig Gegenliebe stößt, wird es ihnen unwohl, sie versuchen dann doch noch zu überlegen, ob sie ihre Meinung nicht besser den Erwartungen anpassen (weiterlesen). Der Erwartungsdruck kann von einer Autorität kommen (Vorgesetzter), einer Gruppe von Personen, in der man sich „Face-to-Face“ befindet oder aber sogar von der Gesellschaft schlechthin. Gerade in Zeiten des Internet können Menschen sehr schnell ins Abseits gestellt werden, wenn sie nicht die Meinung der Mehrheit teilen, in dem sie etwa in den sozialen Medien diskreditiert oder aber durch Publikationen in Zeitungen und anderen Print-Medien „fertig gemacht“ werden. Diesen Druck auszuhalten, bedarf einer besonderen Anstrengung, die nicht jeder bereit ist aufzubringen. Wer z. B. sich offen zur AfD als einer Partei bekennt, die gesellschaftlich geächtet wird, befürchtet Nachteile für sich und scheut vielleicht die Offenheit, die dies verlangt.
  • Ichstärke bewahren: Aber wenn dann dem Erwartungsdruck nachgegeben wird, merken viele doch, dass etwas nicht stimmt. Es kann sein, dass sie mit ihrer Anpassungsleistung sich selbst untreu werden. Sie verleugnen sich selbst und ihre Überzeugungen. Letztendlich muss jeder selbst überlegen was ihm wichtiger ist: Beliebt bei Autoritäten sein, in einer Gruppe kein Außenseiter werden, den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen oder sich selbst nicht verleugnen. Die Spannung auszuhalten, die durch den Dissens mit der Außenwelt entsteht, kann eine wichtige Lernaufgabe sein, die, wenn sie bewältigt wird, uns neues Selbstvertrauen gibt. Ich habe i.d.R. für mich so entschieden, lieber im Dissens mit der Umwelt zu leben als mit mir selbst. Das Selbstvertrauen, das daraus resultiert, wird auch in der Psychoanalyse als „Ich-Stärke“ bezeichnet. Das Ich, das immer im Brennpunkt zwischen Wünschen und Bedürfnissen einerseits, moralischen Überzeugungen und Anforderung sowie Erwartungen der Umwelt  steht, ist dann stark, wenn es sich seine Autonomie bewahrt und sich zu keiner nicht selbstbestimmten Entscheidung drängen lässt.

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