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Als Kind habe ich mich immer geärgert, wenn ich bei einem Gesellschaftsspiel verloren hatte und meine Eltern meinten: „Es ist doch nur ein Spiel“. Ist es wirklich so, dass die Spiele nicht so ernst genommen werden sollten? Ist vielleicht das Leben auch nur ein Spiel?

  • Vorbild Tierreich: Im Tierreich spielen auch die Jungtiere, um ihre Kräfte zu erproben. Dabei können Raufereien entstehen, die schon fast an ernsthafte Kämpfe erinnern können. Die Biologen sehen das als eine Vorübung für das spätere Erwachsenenleben: Kämpfe ums Revier, um Nahrung und um die Rangordnung sowie Training für die spätere Kopulation. Das spielerische Lernen geschieht durch einfaches Ausprobieren bereits angeborener Verhaltensweisen, die immer wieder erprobt und mit einander kombiniert oder von erwachsenen Tieren nachgeahmt werden (weiterlesen). Auch das spätere Rollenverhalten scheint dadurch bereits eingeübt zu werden. Verhaltensforscher hatten bei einer bestimmten Schimpansenart festgestellt, dass Stöcke nicht nur als Waffe oder Werkzeug benutzt werden, sondern auch als Modell für wahrscheinlich Schimpansenbabys. Die Stöcke werden vor allem von weiblichen Jungtieren herumgetragen oder mit in den eigenen Schlafplatz genommen, so wie bei den Menschen kleine Mädchen mit ihren Puppen spielen. Dies könnte darauf hindeuten, dass bereits in jungen Jahren das spätere Tragen von Schimpansenbabys geübt wird (weiterlesen).
  • So tun als ob: Spiel könnte als eine Tätigkeit bezeichnet werden, bei der man so tut als ob etwas damit bezweckt würde, dieser Zweck aber nicht unbedingt erzwungen ist, sondern frei gewählt. Dies gilt unabhängig vom Alter, Geschlecht oder Gesellschaft. Das Spiel ist dann das Gegenteil von Ernst, weil die freie Wählbarkeit gegeben ist, etwas zu tun oder nicht zu tun. Niemand kann zum Spielen gezwungen werden, es ist immer freiwillig. Darin unterscheidet es sich vom Ernst (des Lebens), weil hier ein Zwang dahinter stehen kann, etwas zu tun oder zu unterlassen. Sofern das Spiel aber in einem sozialen Kontext abläuft, sind Regeln unabdingbar. In dem Film „Ödipussi“ von und mit Loriot beschwerte sich der Titelheld, dass eine der Damen, als sie beim dem Skrabble-Spiel das Wort „Schwanzhund“ gelegt hatte, mit der Bemerkung (so etwas gibt es gar nicht): „Wenn man sich nicht an die Spielregeln hält, macht es keinen Spaß“ (weiterlesen). Regeln sind also zu beachten, wenn in der Interaktion mit Mitspielern die Sache halbwegs friedlich ablaufen soll. Manchmal gibt es auch einen „Regelwärter“ wie z. B. beim Fußball, der auf die Einhaltung der Regeln achtet und Strafen aussprechen kann. Hier könnte man einen fließenden Übergang zum Ernst erkennen, weil die Beliebigkeit des „freien Spiels“ eingeschränkt wird durch Regularien.
  • Ernst oder Spiel – eine unechte Alternative: Es sieht so aus, als ob das Spiel und der Ernst sich gegenseitig ausschließende Alternativen seien. Wenn wir spielen, sollen wir das nicht ernst nehmen, weil es eben, wie immer wieder gesagt wird, nur ein Spiel sei. Und beim Ernst hört der Spaß auf, denn das Leben sei eben kein Spiel. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn warum ärgere ich mich, wenn ich verliere, wenn es doch nur ein Spiel ist. Könnte es nicht so sein: Nur dann, wenn ich das Spiel ernst nehme, könnte ich die Leichtigkeit aufbringen, dem Ernst des Lebens eine spielerische Note abzugewinnen. Kinder können sich i.d.R. nicht aus der Situation des Spiels herauslösen und quasi aus der Metaebene großzügig darüber hinwegsehen, wenn sie im Wettbewerb z. B. beim „Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel“ durch einen gegnerischen Kegel aus dem Spiel herausgeworfen werden. Sie sind so damit beschäftigt, dass unweigerlich Emotionen ihre freie Bahn nehmen und sogar aus Protest das ganze Spielfeld mit Kegeln und Würfeln „abgeräumt“ wird. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich bei dem Kapitalismus-Spiel „Monopoly“ regelmäßig maßlos geärgerte hatte, wenn ich mal wieder die Karte gezogen hatte „Gehe in das Gefängnis, begebe dich direkt dorthin, gehe nicht über Los, ziehe keine 4.000 Mark ein“. Und heute ärgere ich mich auch, wenn ich beim Skat mit anderen oder beim Computer-Spiel mal wieder vergessen habe, „dass noch ein Bube draußen“ ist und mein Ass weggestochen wird. In diesen Fällen hilft es auch nicht zu sagen: Es ist ja nur ein Spiel. Sobald wir im Spiel sind, vergessen wir etwas die Welt um uns herum und tauchen gewissermaßen ein in eine andere Welt, die nur von den Spielregeln beherrscht wird. Geschickt hat die Filmindustrie diesen Aspekt aufgegriffen und z. B. in dem Film „Jumanji“ (weiterlesen), die Grenzen ganz verschwinden lassen, indem die Protagnisten, sobald sie mit diesem Spiel beginnen, unweigerlich in eine „Parallelwelt“ gezogen werden und sich plötzlich im Dschungel wiederfinden. Das Verschwinden der Grenzen zwischen Spiel und Realität ist ein wichtiger Aspekt unseres Lebens, weil wir dadurch lernen, spielerisch uns auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Kinder brauchen unbedingt das Spiel, um spielerisch soziale Regeln lernen zu befolgen und zu lernen zu verlieren, ohne dabei regelmäßig „auszuflippen“, etwas, was i.d.R. in der Realität nicht geduldet wird.
  • Spiele der Erwachsenen: Eric Berne (1910 – 1970), ein kanadischer Psychologe und Erfinder der so genannten Transaktionsanalyse, brachte 1964 sein Buch „Spiele der Erwachsenen“ heraus. Er analysierte in diesem Buch die „Alltagspiele“ der Erwachsenen. Nach ihm haben diese Spiele verdeckte Motive und auch einen Nutzeffekt (ansehen). Berne hatte wohl keine gute Meinung von seinen Mitmenschen, denn er behauptete, dass diese Art der Spiele mit einer Falle oder einem trügerischen Trick verbunden seien. Diese (Interaktions)- Spiele ähneln oft Strategien, die im Krieg angewandt werden (Manöver) oder wie bei einem Schachspiel von geschickten Schachzügen geprägt sind. Da er ein Psychoanalytiker war, unterschied er verschiedene Ich-Zustände: Kindheits-Ich, Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich. Bei den von ihm beschriebenen Spielen „geht es gut“ wenn die Protagonisten des Spieles auf der gleichen Struktur-Ebene miteinander kommunizieren. Als Beispiel könnte die Interaktion von zwei Frauen in dem Spiel „Eltern-Beirat“ dienen, die sich über ihre Kinder unterhalten, in dem die eine meint: „Schrecklich, wie sich die Leute heute anziehen“ und die andere antwortet: „ Und nicht nur das, wir hatten doch deutlich mehr Respekt vor den Erwachsenen“ (weiterlesen). Sie bleiben beide auf der Eltern-Ich-Ebene. Die Sache geht dann schief, wenn die Interaktionen überkreuz gehen, d. h. wenn etwa ein „Eltern-Ich“ mit dem „Kind-Ich“ kommuniziert, z. B. bei dem Spiel „Alkoholiker“, bei dem das „Kind-Ich“ des Alkoholikers (verdeckte Kommunikation: „Sie mal zu, ob du mich vom Trinken abhalten kannst“) gegenüber der nörgelnden Ehefrau, die sich in die Rolle des „Eltern-Ich“ begibt (verdeckte Kommunikation: „Du unartiger Junge, du musst mit den Trinken aufhören“) in einer „Endlosschleife“ von Interaktionen verbleiben (Alkoholiker in der Kind-Ich-Rolle: „Ätsch, du hast mich aber beim Trinken nicht erwischt“ und die nörgelnde Ehefrau in der Eltern-Ich-Rolle wieder schimpft: „Du hast mir doch versprochen, nicht mehr zu trinken“), die aber das Problem des Alkoholismus nicht lösen. Die Kommunikation der Politiker mit den Bürgern könnte auch auf dem Hintergrund dieser Überlegungen gesehen werden, wenn die Politiker z. B. in der gegenwärtigen Korona-Krise sich in die „Eltern-Rolle“ begeben und die Bürger in die Rolle „ungezogenen Kinder“ schicken, bei denen mal wieder „die Zügel angezogen werden müssen“, wie dies "Mutti" Merkel kürzlich meinte (weiterlesen). Das Aussprechen von Verboten, die die unartigen „Bürger-Kinder“ nicht übertreten dürfen, mit der Androhung der Bestrafung bei Nichtbefolgen der Regeln, spricht für eine „Spielart“, bei der die Politiker sich das „Eltern-Ich“ anmaßen und die Bürger in die „Kind-Ich“-Rolle versuchen zu drängen. Aus dieser „Spiel-Falle“ kommt man nur heraus, wenn der Mut besteht, dieses Kommunikations-Design offen zu legen und abzulehnen.

Es ist also nicht immer so scharf zu trennen zwischen Spiel und Ernst. Die Grenzen der scheinbar getrennten Bereiche des Lebens sind fließend. Spiele sind nicht nur „Kinder-Kram“, sondern eben auch eine Art der Interaktion zwischen Erwachsenen. Spiele können leider auch pathogene Züge annehmen, wenn sie nicht durchschaut werden. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dies zu erkennen.

© beim Verfasser  

       

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