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Was ist das mit der richtigen Distanz? Gibt es die Distanz, aus der heraus eine Sache, eine Person, ein Sachverhalt am besten gesehen und beurteilt werden kann? Es gibt hierbei eine zu große Distanz, so dass alles nicht mehr genau erkannt werden kann oder auch eine kurze Distanz, so dass darunter auch die korrekte Wahrnehmung leidet. Distanz kann räumlich oder auch zeitlich gemeint sein, die sich zwischen uns und einem Geschehen, einer Person oder einer Sache befindet. Welches ist die Distanz, die uns eine möglichst genaue Betrachtung ermöglicht?

  • Die mangelnde kritische Distanz zu sich selbst: Vor kurzem hatte ich die Idee, dass ich mit meinem Handy doch mal mein Klavierspiel mit Gesang dazu aufzunehmen könnte. Also versuchte ich es mit dem Titel „Lady Madonna“ von den Beatles, von dem ich mir einbildete, dass ich diesen Song gut auf dem Klavier spielen und auch singen könnte. Während der Aufnahme dachte ich noch, dass es doch ziemlich gut gelungen sei. Doch als ich mir das selbst aufgenommene Video ansah und anhörte, erschrak ich darüber, wie falsch ich tatsächlich oft mit den Tönen lag, die ich auf dem Klavier spielte, geschweige denn von meinem Gesang: Ich lag so oft daneben, dass es einfach grauenhaft klang und die Stimme eher einer „verrosteten Gießkanne“ ähnelte. Oho dachte ich, dann stimmt es doch, was andere schon früher behauptet hatten, dass ich nicht singen kann. Frustriert muss ich eingestehen, ein guter Musiker oder gar Sänger bist du wirklich nicht. Wenn ich einen Artikel geschrieben habe, lese ich ihn mir spätestens am nächsten Tag noch einmal durch und entdecke Fehler, die mir beim Schreiben unterlaufen sind und die ich offensichtlich nicht bemerkt hatte. Wenn ich dann Artikel lese, die ich vor ein paar Tagen geschrieben habe, fallen mir manchmal noch einmal Fehler auf und auch der Sinn dessen, was ich geschrieben habe, scheint mir nicht so einleuchtend, wie zuvor. Und wer schon einmal alte Schriftstücke aus der Schul- oder Ausbildungs- oder Studienzeit von sich wiedergefunden hat, wird mir bestätigen, dass es oft befremdlich ist, was man selbst einmal geschrieben hat. Was, denke ich dann, das soll ich selbst geschrieben haben? Die zeitliche Distanz verschafft uns anscheinend einen kritischeren Blick auf uns selbst. Das, was andere bereits bemerkt haben, bleibt uns oft unmittelbar verborgen. Erst mit der richtigen Distanz zu uns selbst erkennen wir uns anscheinend realistischer als uns das oft selbst lieb ist, denn wir entdecken Unarten an uns selbst, Fehler und Mängel, die uns bis dato anscheinend entgangen sind.
  • Der verklärende Blick aus der Ferne: Der Schlager von Julie Gold, „From a distance“ aus dem Jahr 1985 (ansehen), beschreibt, dass aus der Ferne beurteilt die Welt harmonisch aussieht und es unbegreiflich ist, warum es so etwas wie Feindschaft geben kann (weiterlesen), welche die Menschen in den Krieg miteinander führt. Auch die Natur erscheint aus der Entfernung harmonisch zu sein. Doch Gott soll sich nach diesem Song das alles nur aus der Ferne ansehen – vielleicht weil er bei näherem Hinsehen die Fehler der eigenen Schöpfung entdecken würde? Denn sobald wir näher hinsehen, werden wir leider feststellen, dass wir einer Illusion unterliegen. Der Urwald, der aus der Entfernung als eine grüne Oase erscheint, ist doch, wenn man sich darin befindet, nicht mehr so schön und friedlich, wenn man bedenkt, welch ein Daseinskampf sich dort abspielt und wie jedes einzelne Tier oder auch jede Pflanze um ihre Überleben kämpfen. Wer sich als Mensch in diesen Dschungel begibt, ist ohne fremde Hilfe sehr schnell selbst Opfer in der unbarmherzig erscheinenden Nahrungskette. Der blaue Ozean, der in dem Lied von Julie Gold so enthusiastisch besungen wird, erscheint auch, sobald man in die Tiefe geht, auch nicht so schön zu sein, wenn man bedenkt, welche grausame Schauspiele sich dort abspielen: Haifische, die mit ihrem Gebiss alles zerkleinern können, oder auch die anmutend schön aussehenden Quallen können mit ihren langen Tentakeln sogar Menschen töten (weiterlesen). Wir neigen also dazu, aus der Ferne die Welt schöner und harmonischer zu sehen als sie wirklich ist.
  • Früher war alles besser: Der verklärende Blick in die Vergangenheit ist auch jedem bekannt: Die negativen Erlebnisse werden lieber ausgeblendet und die Vergangenheit glorifiziert. „Früher war alles besser“, sagen dann viele. Aber ist das wirklich so? Früher gab es z. B. noch kein Internet und keinen Computer. Wie mühsam war es damals an Informationen heranzukommen, geschweige denn, das, man schreiben wollte, in eine vernünftige Form zu bringen, denn Korrekturen erforderten oft das Neuschreiben einer ganzen Seite. Ich kann mich noch lebhaft an das Schreiben meiner eigenen Diplomarbeit erinnern: Das endgültige Niederschreiben hatte ich einer Sekretärin – die habe ich mir tatsächlich mal geleistet – überlassen, da meine Schreibmaschinenfähigkeiten sehr begrenzt waren, um einen fehlerlosen Text zu schreiben. Wer möchte heute also noch auf das Internet verzichten wollen und auf den Computer, der sehr leicht Korrekturen in Schriftstücken ermöglicht und eine Menge Informationen speichern kann, die sofort per Knopfdruck abrufbar sind. Wer möchte noch als Frau in einer Zeit leben, in der sie dem Manne rechtlich gesehen untergeordnet war und es so etwas wie eine Gleichberechtigung noch nicht gab. Wer möchte noch, um auf ein junges Beispiel einzugehen, mit dem Fahrrad ohne Motorunterstützung oder gar Gangschaltung, wie dies noch früher der Fall war, in einer hügeligen Gegend unterwegs sein? Die zeitliche Distanz lässt uns die unangenehmen Dinge gerne vergessen machen. Es werden gerne die Nachteile übersehen, die es doch zu genüge gab.
  • Die Distanz der Herrschenden: Diejenigen, die in der Politik die Gesetze beschießen, müssen oft nicht die Folgen dieser Gesetze ertragen. Die unter Gerhard Schröder vorangetriebenen Reformgesetze im Sozialrecht („Hartz-IV“-Gesetze) hatten große Auswirkungen auf diejenigen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit auf soziale Leistungen angewiesen waren. Ich war zu dieser Zeit in der Schuldnerberatung tätig und habe dadurch erfahren, wie sehr Menschen durch die herzlose Politik der Schröder-Regierung und der von ihr beschlossenen „Reformen“ unter Behördenwillkür leiden mussten. Aber von der Wirtschaft, von Politikern und auch unkritischer Presse – die gab es auch damals schon – wurde diese Reform als ein großer Schritt zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gefeiert, die für die Betroffenen  jedoch massive Einschränkungen zur Folge hatte, wovon diejenigen nichts spürten, die für diese Gesetze verantwortlich waren, denn die in der Ministerialbürokratie beschäftigten Beamten und Angestellten hatten einen krisenfesten Arbeitsplatz und Abgeordnete, die über diese Gesetze abstimmten, konnten auch sicher sein, nicht einmal die Gesetze am eigenen Leibe zu spüren zu bekommen, die sie beschlossen hatten. Die Herrschenden in einer Gesellschaft – früher die Fürsten, Könige und der Klerus, heute die politische Elite – kümmert es i.d.R. nicht, welche Folgen ihre Handlungen haben, denn sie leben oft in einer „Wohlfühlblase“, abgeschirmt von der grausamen Wirklichkeit, für die sie eigentlich mit verantwortlich sind: In bevorzugten Wohngegenden mit geringem Migrantenanteil lebend, geschützt durch vom Steuerzahler bezahlten Sicherheitsdiensten und gepanzerten Fahrzeugen, mit denen sie auch noch mit einem Chauffeur durch die Gegend gefahren werden,  bekommen sie eigentlich nicht mehr mit, welche Folgen ihre Entscheidungen haben, Menschen aus fremden Kulturen in unser Land einreisen zu lassen, ohne auf die Folgen zu achten. Sie haben genügend Geld, um ihre Kinder in Privatschulen zu schicken, damit sie nicht mit einer Klasse mit einem hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund unterrichtet werden müssen. Und wenn sie unter sich sind und unbeobachtet wähnen, tragen sie auch keine Masken (ansehen), die sie einem Volk aufzwingen zu tragen, um eine angebliche Pandemie durch den Corona-Virus unter Kontrolle zu halten. So schafft die politische Elite die aus ihrer Sicht notwendige Distanz zwischen sich und dem "gewöhnlichen Volk".    
  • Schutz der Privatsphäre: Wir brauchen für ein gesundes Aufwachsen körperliche Nähe, die vor allem für Säuglinge zu einem regelrechten Heranwachsen wichtig ist. Wird der Wunsch nach körperlicher Nähe ignoriert, entstehen schwere psychische Schäden, die auch im frühen Kindesalter sogar zum Tod führen können. Dies haben schon in den dem 12. Jahrhundert die unter Friedrich II von Hohenstaufen durchgeführten „Kasper-Hauser-Versuche“ gezeigt, bei denen Säuglinge den Müttern weggenommen und Ammen zum Säugen gegeben wurden, wobei aber jeder über das Säugen hinausgehende körperliche Kontakt und jede Ansprache unterblieb. Der auf dieser Basis bezweckte Versuch, herauszufinden, welches die Ursprache des Menschen ist, scheiterte kläglich mit dem Tod vieler Säuglinge (weiterlesen). Das Entstehen von der Fähigkeit, verlässliche Beziehungen zu Menschen aufzubauen, beruht auf der soliden Mutter-Kind-Bindung in den frühen Jahren der Entwicklung des Menschen (weiterlesen). Später entwickelt auch das Kind, sobald seine Fähigkeiten gewachsen sind, auch das Bedürfnis nach Distanz. Und dieses Bedürfnis nach Distanz wird immer größer, je selbständiger und selbstbewusster der Mensch wird. Das Unterschreiten des Bedürfnisses nach der als angenehm empfundenen Distanz wird Verletzung der Privat- oder sogar Intimsphäre genannt. Diese kann jeder unmittelbar empfinden, wenn er in einem Fahrstuhl sich mit anderen Menschen zusammengedrängt sieht, mit denen er sonst nichts zu tun hat. Die meisten empfinden eine solche Situation als unangenehm. Die bewusste Verletzung dieser Sphäre ist leider auch eine probate Foltermethode, bei der dem Häftling jedes Recht auf eine Privatsphäre genommen wird. Die Folterung von irakischen Gefangen in Abu Ghraib, bei denen z. B. ein nackter Gefangener an einer Leine von einer Soldatin geführt wurde, ist ein bekanntes Beispiel der Verletzung von Privat- und sogar Intimsphäre (weiterlesen).
  • Wunsch nach Nähe: Die gegenwärtige Corona-Krise offenbart ein wichtiges Bedürfnis des Menschen, nämlich das nach sozialer Nähe. Gerade in Altersheimen, in denen Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt leben, wurde dieses wichtige Bedürfnis nach Nähe durch die Kontaktverbote verletzt. Es ist unbegreiflich, warum der vermeintliche Schutz vor Infektionen dazu geführte hatte, dass sogar der Kontakt zu Angehörigen oder Hospizdiensten in der finalen Phase des Lebens durch Corona-Schutz-Verordnungen und auch überschießende Reaktionen von Heimleitungen verunmöglicht oder zumindest sehr erschwert wurde. Das Abstandsgebot, das Versammlungsverbot, die Maskenpflicht und die Untersagung von Veranstaltungen haben eine Spaltung in unsere Gesellschaft gebracht, die die Bedeutung der sozialen Nähe für uns Menschen verdeutlicht hat. Erst der Mangel an etwas zeigt uns manchmal die Bedeutung einer Sache. So auch in der Corona-Krise.

Die kritische Distanz schafft manchmal Klarheit – leider auch Ignoranz, weil das Elend nicht mehr wahrgenommen wird. Sie verhilft uns zu einem realistischen Blick auf uns selbst, weil sie uns aus der eigenen Befangenheit löst.  Wie ein Mosaik, das aus der Nähe unübersichtlich erscheint, aber erst aus einer gewissen Entfernung uns seine ganze Schönheit zeigt, bedarf es oft eines gewissen Abstandes, um Dinge klar zu sehen; aber wird diese Distanz zu groß – das Mosaik wird aus der Ferne dann irgendwann unerkennbar – dann können wir vieles übersehen, was aber wichtig wäre. Die Wahl der richtigen Distanz ist also für das Erkennen der Realität unerlässlich. Und im sozialen Umgang ist die Beachtung der kritischen Grenzen notwendig, um Verletzungen anderer zu vermeiden, aber die soziale Nähe ist für uns Menschen überlebenswichtig, etwas was z. Z. von Politikern leider unterschätzt wird.

 

© beim Verfasser   

 

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