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Von Christian Heinrich

 

 

 

 

 

Alleine durch den Wald gehen, das bedeutet: Einmal tief durchatmen, Kraft tanken und den Kopf frei bekommen. Neugier auf den nächsten Ausblick, den die vor mir liegende Lichtung verspricht. Für diesen Moment sind alle Sorgen abgefallen. Ich höre nur das Rauschen des Windes, sehe die Wipfel der Tannen sich schaukeln, das Laub der Bäume auf dem Boden tanzen. Mit meiner Hand in den Waldboden greifen und die Tannennadeln durch meine Finger gleiten lassen. Eins werden mit der Natur, wo wir herkommen, und wo wir einmal hin zurückkehren werden.

 

 

 

Den Waldboden riechen, das taten auch unsere Vorfahren. Vor hunderten Jahren glichen große Teile Mitteleuropas eher einer Wildnis. Sümpfe und knorrige Bäume, die Hexenwesen ähnelten, prägten das landschaftliche Bild. Der Wald war gefährlich. Wilde Tiere, Wölfe, Bären und Luchse die das Vieh rissen. Die drohenden dunklen Schreie des großen Kolkraben. In der mystischen Götterwelt noch ein Glücksbote, seit der Christianisierung Ausdruck des Todes.

Wer eine Reise unternehmen wollte trat das Abenteuer seines Lebens an. Auf schmalen Trampelpfaden oder gerade mal die Breite eines Fuhrwerkes. Für Räuber ein Leichtes, sich des Besitzes des Kaufmannes zu bedienen. Mehrere Wochen konnte so eine Fahrt von einer Stadt oder einer Siedlung zu nächsten dauern.

 

 


 

 

In unserem Westfalen, lässt sich so manche Sage und Geschichte erahnen. Ich befinde mich im Ausläufer des Teutoburger Wald, im Osning, wie das Land früher genannt, nähe Willebadessen. An einem Erdwall bleibe ich stehen. „Karlsschanzen“ steht auf einem schlichten Holzschild. Hat hier Karl der Große sein Heerlager gehabt? Der Mann, der als Ursprung der Deutschen Geschichte gilt, wie wir sie kennen? Ich stelle mir die Palisaden aus Holz vor. In einem großen Areal von vielleicht 1000 Metern. Alles in schwerer Handarbeit. Das Leben darin. Schon alleine dies muß ein Überlebenskampf gewesen sein.

Etwas weiter ragt ein großer Stein aus dem Erdreich. Es ist ein magischer Ort. Ich verweile etwas und lasse in Gedanken die Zeit zurückdrehen. Dunkel und schattig war es in jener Zeit. Viele dicke Laubbäume, alte Eichen vielleicht. Der Ausblick, nichts als Wald. Ganz am Horizont waren im Mondschein einzelne Lichter zu erkennen.

 

 

 

 

 

Was ist hier geschehen? Ein Opferstein? Welche Götter wurden hier verehrt? Tief unten im Stein ist die Drudenhöhle. Der Volksmund weiß zu berichten, daß eine Frau in weißen Linnen mit dem Blut geweihter Fohlen die Festgemeinde segnete. Als sich das Christentum ausbreitete, nahm sie ihre Hunde und verschwand. Druden gehörten teilweise dem Adel an und zelebrierten Religion und Philosophie. Hier irgendwo erwächst alle Hundert Jahre eine blaue Blume, und wer sie pflücken wird und gegen den Stein klopft, dem eröffnet sich Reichtum und Wohlstand.

 

Auf meinem Weg komme ich an einer tiefen Schlucht vorbei. Solche Orte wurde früher gemieden. Wohnte doch der Spuk in ihnen. Von oben blicke ich hinab auf klares, tiefblaues Wasser. Damals ein Geheimtipp. Wasser galt im Mittelalter als unrein, übertrug es doch Krankheiten, da gerade auf dem Land alles andere als Sauberkeit herrschte.

 

Wer aus mir trinkt, wird ein Reh.., so die Gebrüder Grimm einmal in ihrem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“. Es sind diese Augenblicke, welche etwas Geschriebenes lebendig werden lassen. Einmal tief einatmen, und weitergehen.

 

 

  

 

Mein Weg führt mich an einem großen Kreuz vorbei. Ein Grab. Vor noch nicht allzu langer Zeit trieb der Wilderer Klostermann hier sein Unwesen. Ob er etwas mit den beiden ermordeten Förstern zu tun hatte? Einer der beiden Opfer hatte seinen Mörder erkannt schrieb noch im Sterben mit seinem Blute eine Notiz in seinen Block. Der Täter ist nie ermittelt worden.

 

So viele Geschichten und Geschehen auf diesem kleinen Stücken Erde. Was kann man tun um diese Geschehnisse nicht zu vergessen? Der AKD hat seine Herbstwanderung 2020 durch diesen Teil des Osning gemacht. Sich diese und weitere Mythen und Sagen erzählt. Es nun weiterzugeben an die nächste Generation, durch das Erleben direkt am Ort des Geschehen. Es zu riechen, es zu fühlen. Kraft tanken für die Sinne. Das ist unser Auftrag. Denn es gibt sie noch immer, die geheimnisvollen Orte.

 

Ich glaube, ich nehme mir heute Abend mal ein Buch und lese bei einem guten Wein in den alten Erzählungen.

 

 

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