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Ein Bekannter von mir erzählte mir die sicher in anderer Form schon häufig gehörte Story von der Frau, die darüber berichtete, dass sie sich mit ihrem Mann sehr oft gestritten habe – aber die Versöhnung wäre immer schön gewesen. Die Phantasie der meisten, die eine solche Geschichte hören, geht sicher in die Richtung, dass diese Versöhnung am ehesten auf sexuellem Gebiet stattfand. Aber ist eigentlich die Versöhnung, die so gerne überall als „Allheilmittel“ angepriesen wird – sei es in Paarbeziehungen, zwischen ehemaligen Feinden oder sogar im politischen Raum, etwa zwischen zwei Staaten – wirklich so erstrebens- und wünschenswert? Oder könnte es sein, dass wir da einer Illusion aufsitzen?

  • Destruktivität: Jeder Art von Versöhnung muss etwas vorausgehen, wodurch etwas kaputt gegangen ist: eine Beziehung, Vertrauen oder etwas, was jemand mit großer Mühe aufgebaut hat. Die Lust an der Zerstörung, wie sie bereits von Kindesbeinen an beobachtet werden kann, ist ein entscheidendes Merkmal dessen, was ich das Böse nenne (Grundfragen des Lebens: (weiterlesen). Ich habe es früher als Kind schon erlebt, wenn wir im Freien noch ungehindert spielen konnten: Es gab Kameraden, die gerne mithalfen Baumhäuser zu bauen oder an Bachläufen Staudämme zu errichten; wir freuten uns, wenn dann gemeinsam etwas Neues entstand, was unserer Phantasie entsprang. Wenn wir am nächsten Tag an die Stelle im Wald kamen, waren wir nicht selten enttäuscht: Das, was wir mühevoll aufgebaut hatten, war von anderen Kindern zerstört worden, in dem z. B. die Staudämme wieder aufgerissen waren. Während also die einen gerne sich an dem Aufbau beteiligen, haben andere anscheinend kein Interesse daran, sondern wollen einfach das vernichten, was andere in mühevoller Arbeit errichtet haben.  
  • Das Böse ist immer und überall: Die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ hatte es bereits 1986 treffend in ihrem Song „Banküberfall“ so besungen, dass das Böse immer und überall ist (anschauen). Es begegnet uns alltäglich in den kleinen Gemeinheiten oder aber auch in der großen Politik, wenn skrupellos der politische Gegner ausgeschaltet wird. Die Allgegenwärtigkeit des Bösen ist ein Faszinosum, es hat anscheinend schon immer – so weit wir uns hierzu überhaupt erinnern und wir es auch Geschichtsbeschreibungen schlussfolgern können – existiert und es ist überall zu finden. Ein wesentliches Merkmal des Bösen ist neben seiner Destruktivität die freie willentliche individuelle Entscheidung, destruktiv zu handeln. Dies würde ausschließen, dass ein Tier, das instinkthaft gesteuert ein anderes Tier als Beute fängt und tötet, nicht wirklich böse ist, weil dieser Tötungsakt nicht einem freien Willen entspringt. Es wäre auch ausgeschlossen, dass dieses Böse auf eine ganze Nation bezogen werden könnte. Weil es auch keine Kollektivschuld gibt, sondern die Schuld immer nur individuelle Gründe hat (weiterlesen), kann auch das Böse nicht auf eine ganze Spezies oder Gruppe bezogen werden. Selbst wenn, wie dies in Diktaturen geschieht, ganze Völker zum Überfall auf andere Völker animiert werden und somit anscheinend böse sind, sind es doch letztendlich immer Einzelentscheidungen, die zu destruktiven Akten führen, wenn z. B. jemand den Befehl gibt, auf den Gegner zu schießen oder der einzelne Soldat dann tatsächlich das Maschinengewehr benutzt. Aber das oder der Böse tarnt sich oft als „Engel des Lichts“ (2. Kor. 11,14). Der Anschein trügt zu oft und leichtgläubige Menschen fallen auf diese Personen herein. Die sadistische Oberschwester Mildred Ratched ist vielleicht der Prototyp einer sadistischen Frau in einer Machtposition, wie sie in dem Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ (weiterlesen) gezeigt wird, die formal gesehen immer alles richtig macht, aber versteckt die männlichen Patienten in einer geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses tyrannisiert und erniedrigt. Auch in „Misery“ (weiterlesen) spielt eine Frau, Annie Wilkes, eine absolute Sadistin, die den Autor Paul Sheldon nach einem Autounfall rettete und ihm scheinbar einen sicheren Ort zur Heilung von seinen durch den Unfall erlittenen Verletzungen bietet und ihn als Autor „abgöttisch“ verehrt, ihn aber auf brutale Weise gehunfähig macht, in dem sie ihm die Beine mit einem Hammer zerschmettert, damit er sie nicht verlässt. Warum nenne ich gerade Frauen als Beispiele? Weil ihnen im Allgemeinen nichts Böses zugetraut wird, sie aber nach meiner Überzeugung geschickter sind im Tarnen ihres wahren Charakters. Der Charakter eines Menschen, der auf einer bestimmten moralischen Gesinnung und daraus resultierenden Eigenschaften beruht, ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir das Gute oder das Böse nennen. Und es gibt leider abgrundschlechte Menschen, die jedem schon einmal begegnet sind. Die Schlechtigkeit des Charakters könnte mit folgenden Merkmalen beschrieben werden (Das Leben nach dem Tod, weiterlesen):
    • Blanke Selbstsucht (alle Bemühungen drehen sich nur um das eigene Ich),
    • Lust an Zerstörung und Freude am Leid anderer,
    • Lust an der Herrschaft über andere (Freude daran, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen),
    • Mitleidlosigkeit und Gefühlskälte gegenüber anderen,
    • Selbstüberhöhung (man hält sich für etwas besseres) und Selbstüberschätzung (die eigenen Fähigkeiten liegen hinter dem zurück, was man von sich selbst hält),
    • kein Gewissen und deshalb auch keine Reue für Untaten.

Die Boshaftigkeit wird gerne erklärt als die Folge einer Fehlentwicklung in früher Kindheit (Traumatisierung, sexueller Missbrauch…), als Folge gesellschaftlicher Verhältnisse (eine beliebte „soziologische“ Theorie in den 60iger bis 70iger Jahren), als das unvermeidliche Produkt der Evolution (Kampf ums Überleben) oder als das Ergebnis hirnorganischer Veränderungen (Theorie von der Entstehung von Psychopathen). Diese Arten der Erklärungen klammern geschickt aus, was aus meiner Sicht der wahre Grund ist: Die charakterliche Ausrichtung, die sich entwickelt hat im Laufe der unzähligen Inkarnationen eines Lebewesens in der uns bekannten materiellen Welt. Der Erfolg des Bösen gibt diesen Menschen den Vorwand, weiterhin böse zu sein, weil es anscheinend einen Überlebensvorteil darstellt (weiterlesen).

  • Zur Versöhnung gehören mindestens zwei: Wie ist der richtige Umgang mit den „Bösewichten“? Sollte immer mit ihnen eine Versöhnung angepeilt werden? Theologisch ausgerichtete Psychotherapeuten sprechen gerne davon, dass als Ziel der Therapie die Versöhnung mit sich selbst und mit denen stattfinden soll, deren Handeln aus Sicht des Patienten zu seelischen Verletzungen geführt hat. Dies ist auch Ansatz von Dr. Jörg Müller (weiterlesen), den er in einem Interview in dem YouTube-Kanal von Manfred Hümer erläutert (ansehen). Der Ansatz ist sicher löblich und führt auch oft zum Erfolg, wenn es z.B. gelingt, Ehepaare miteinander wieder zu versöhnen, indem in dem therapeutischen Prozess die festgefahrenen Vorstellungen von Täter und Opfer – der Patient sieht sich oft „nur“ als das Opfer – aufgeweicht werden und aufgezeigt wird, dass auch die Rollen durchaus auswechselbar sind. Die Versöhnung, man kann auch sagen „Befriedung“, erfolgt dann am Ende der Therapie, die in einer Einbeziehung christlicher Rituale wie z. B. „Krankensalbung“ endet. Kann aber die Vergebung als Vorstufe der Versöhnung gegenüber den Eltern stattfinden, die bereits verstorben sind, wie dies berichtet wird? Versöhnung muss immer einen Gegenpart haben, der anwesend ist und der auch dazu bereit ist. Theologen neigen dazu, den Opfertod von Jesus Christus als „das Heilmittel“ der Versöhnung Gottes mit den Menschen darzustellen. Dass diese Lesart der Interpretation des Kreuzestodes eine ziemlich gewagte Hypothese ist, habe ich bereits an anderer Stelle dargestellt (weiterlesen). Das „Sich-selbst-Hingeben“ wird gerne als einen christlichen Weg zur Versöhnung gesehen. Hierbei wird auch gerne auf die Stelle in der Bergpredigt verwiesen, in dem Jesus angeblich aufgefordert hat, die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird. Dr. Peter Mehlem weist in seinem Beitrag zu diesem Thema zurecht darauf hin, dass es genau heißt, dass wenn man auf die rechte Wange geschlagen würde auch die andere hinhalten solle (Matthäus 5, 39), was bedeutete, dass jemand mit dem Handrücken schlagen musste, um die rechte Wange zu treffen. Dieser Akt war ein Akt der Erniedrigung, der nur Herren gegenüber Diener, Leibeigenen oder Schuldner erlaubt war (weiterlesen). Es war ein Akt des passiven Widerstandes zu sagen, er solle auch die andere (linke) Backe schlagen, weil dann der Täter, wenn er ebenfalls den Handrücken benutzen wollte, mit der linken Hand hätte schlagen müssen. Mit der linken Hand aber war es zur damaligen Zeit verpönt, etwas anderes als unsaubere Arbeiten zu verrichten (nach dem Toilettengang putzten sich die Juden z. B. den Hintern mit der linken Hand ab), so dass es für den Gegner eine Blamage gewesen wäre, der Aufforderung des Opfers zu folgen. Jesus hatte also zum passiven Widerstand aufgefordert und nicht zum „Gefallenlassen um jeden Preis“. Dem Bösen zu widerstehen war das Anliegen von Jesus, sich nicht auf die gleiche Stufe stellen (in dem man ebenfalls zurückschlägt), war die Intention. Diese Taktik kann (muss nicht immer!) zum Erfolg führen, wie dies Gandhi gezeigt hat, der damit die Befreiung der Inder von der Beherrschung durch die englischen Kolonialherren erreicht hat. Nach dem der passive Widerstand zum Erfolg geführt hat, stellt sich die Frage: Kann dann eine Versöhnung erfolgen? Dies ist möglich, aber dazu bedarf es einer Bereitschaft auch des Täters. Die moderne Form dieser Art der Versöhnung kann im „Täter-Opfer-Ausgleich“ stattfinden (weiterlesen), bei dem aber immer eine Anerkennung der Schuld des Täters vorausgehen muss. Generell kann man auch sagen: Jeder Versöhnung muss eine klare Anerkennung einer Schuld eines Täters vorausgehen und die bedarf der Einsicht in das Unrecht der Tat. Fehlt dieses „Unrechtsbewusstsein“, kann auch keine Versöhnung stattfinden.
  • Keine Versöhnung um jeden Preis: Es gibt eine moderne Unart des Entschuldigens, bei der jemand sagt: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich dies oder jenes getan habe.“ Hier wird übersehen, dass man sich nicht selbst entschuldigen kann, es bedarf immer der Zustimmung des anderen, die Bitte um Entschuldigung anzunehmen. Wird diese Bitte nicht gewährt, dann ist man nicht entschuldigt! Es kann keinem Opfer zugemutet werden, die Tat eines anderen ohne weiteres zu entschuldigen. Das Vergeben der Schuld setzt immer eine Einsicht des Täters voraus, unrecht gehandelt zu haben. Es ist ein „Gnadenakt“ des Opfers, die Bitte um Entschuldigung anzunehmen und zu gewähren. Vor dieser Entschuldigung wird, wie dies beim Täter-Opfer-Ausgleich der Fall ist, eine Form der Wiedergutmachung vereinbart, die auch eingehalten werden muss. Erst danach wäre so etwas wie Versöhnung erreicht. Diese Versöhnung ist aber nicht erzwingbar. Die Schuld gegenüber dem Opfer kann auch bestehen bleiben, wenn das Opfer die Bitte um Entschuldigung ablehnt. Die Sühnung gegenüber der Gesellschaft gilt aber mit dem Verbüßen einer Haftstrafe als erreicht.
  • Keine Allversöhnung: Es gibt Theologen, die von der „Allversöhnung“ (weiterlesen) schwärmen (z. B. Karl Barth oder Eugen Drewermann) und meinen, dass irgendwann nach langer Zeit auch der letzte „Abtrünnige“ wieder zu Gott zurückgelangt ist und die Trennung zwischen „den Guten“ und den „den Bösen“ durch eine Allversöhnung aufgehoben wird. Dem widerspricht aber Jesus eindeutig, wie er dies im Gleichnis vom Weizen und dem Unkraut deutlich macht (Matthäus 13, 24-30), denn in seiner Erläuterung hierzu sagt er eindeutig, dass diejenigen, die Gottes Gesetze nicht einhalten, wie Unkraut verbrannt werden (Matthäus 13, 36-.42). Auch nach der Johannes-Offenbarung, die, folgt man dessen Wortlaut, von Jesus selbst dem Apostel Johannes eingegeben wurde, wird keine Endversöhnung stattfinden, sondern eine Scheidung der Geister, in diejenigen, die im „Buch des Lebens“ stehen (weil sie den Willen Gottes getan haben und die Nächstenliebe praktiziert haben) und jene, die dies nicht getan haben und dann endgültig vernichtet („der zweite Tod“) werden. Nach meiner Sicht scheint auch Gott irgendwann nicht mehr bereit zu sein, alles zu verzeihen und Nachsicht zu üben: Obwohl, wie dies im Gleichnis vom verlorenen Sohn zum Ausdruck kommt, eine Rückkehr immer möglich ist, denn es steht jedem frei, diesen Weg zu gehen oder nicht, wird aber die Allversöhnung am Ende aller Zeiten nicht stattfinden. Das widerspräche jedem Gerechtigkeitsdenken, wenn jeder, egal ob er ein Schuft oder Engel war, in gleicher Weise behandelt werden wird. Der Reinkarnationsgedanke, dass auf diesem Weg dorthin der Mensch fast unendlich viele Leben zur Verfügung hat (im Grunde ist es nur ein Leben, nur eingeteilt in mehrere Inkarnationen), steht nach meiner Meinung dem christlichen Glauben nicht entgegen (Reinkarnation und Christentum – wie passt das zusammen? weiterlesen) .

Die Versöhnung von Menschen kann also durchaus als erstrebenswert angesehen werden, sie bleibt aber nur eine Zielvorstellung, eine Option, der nicht alles andere, wie z. B. der Gedanke der Gerechtigkeit, untergeordnet werden darf. Sie kann geschehen, ist aber nicht erzwingbar. Vor allem darf sie nicht Opfern gegenüber als Druckmittel missbraucht werden („du musst vergeben können“), endlich ihren Tätern zu vergeben. Sie wird dann zur Falle, alles und jeden entschuldigen zu müssen, um dann wieder im Modus der Versöhnung mit der Welt zu sein. Nein, jeder hat das Recht unversöhnlich zu bleiben, wenn das erlittene Unrecht zu groß war, um es einfach zu verzeihen.

 

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