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Kann es sein, dass sich Jesus in vielen Dingen geirrt hat, weil er auch fehlerhaft – wie ein Mensch – war? Diese Frage stellt sich so schnell kein Theologe, denn dann würde er an dem Ast sägen, auf dem er selbst sitzt. Da ich nichts mehr mit der Kirche am Hut habe und mich als „Freidenker“ sehe, stelle ich diese Fragen und versuche ihr nachzugehen: War Jesus ein Mensch oder Gott?

  • Jesus als Gott – die Annahmen der Theologen: Der Gedankengang der Theologen ist ein in sich logischer, wenn nur die Prämissen richtig sind! Sie gehen von folgenden Voraussetzungen aus:
  1. Gott ist die fehlerlose Person par excellence. Sie ist vollkommen. Jesus ist nach der Dreifaltigkeitslehre Teil dieser Gottheit und deshalb auch fehlerlos.
  2. Alles, was er in der Zeit, als er auf der Erde gelebt hat, getan und gesagt hat ist deshalb wahr, klar und nicht zu beanstanden.
  3. Alles, was in der Bibel über ihn steht und was von ihm berichtet wird, ist deshalb auch wahr und unterliegt keinem Zweifel.
  • Jesus ist kein Teil der Trinität: Ich will versuchen, die erste Behauptung zunächst einmal zu widerlegen, dass Jesus als Teil der Dreifaltigkeit gesehen werden kann. Diese Behauptung kann so ohne weiteres aus den Texten des Neuen Testamentes nicht herausgelesen werden. Wenn von ihm als dem „Sohn Gottes“ gesprochen wird, ist dies eine damals durchaus übliche Bezeichnung von Personen, die den Willen des Gottes erfüllten. Es gab also nicht nur einen Sohn Gottes, sondern viele. Selbst Jesus selbst hat diese Bezeichnung gebraucht, als er den Juden zurief, dass sie ihn fälschlicherweise der Gotteslästerung beschuldigten, weil sie genauso wie er selbst Söhne oder sogar Götter sind (Johannes 10, 34). Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ suggeriert, dass eine Art „Zeugung“ Gott Vaters vorliege, so als ob hier der Sohn – ohne weibliche Hilfe – von Gott in die (geistige) Welt gesetzt worden sei. Diese Interpretation ist schwer verdauliche Kost, wird aber, selbstverständlich theologisch geschickt verbrämt, so behauptet. Die „Sohnschaft“ bezieht sich aber im Grunde auf die Gefolgschaft im Geiste, auf eine treue Befolgung der göttlichen Vorgaben eines „gottgefälligen“ Lebens, was auch manchmal so gesehen wird, dass die Menschen „Kinder Gottes“ seien – wenn sie seinem Willen folgen. Jesus hat nie behauptet, dass er Teil dieser Gottheit sei, auch wenn die Passage „ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10, 30) gerne so interpretiert wird. Damit ist aber nicht eine „Einigkeit“ in der Weise gemeint, dass er sich als Teil Gottes versteht, sondern dass er und Gott sich einig sind, in dem wie er seine Mission versteht. Es bezieht sich auf die Einigkeit in den Absichten und den daraus resultierenden Handlungen. Er hat nicht nur einmal darauf hingewiesen, dass eine Trennung zwischen ihm und seinem „Vater“ besteht. Hier sei nur das Beispiel zitiert, als ein reicher Jüngling ihn fragte: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben“ und Jesus ihm entgegnete und recht barsch sagte: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer Gott allein.“ (Markus 10, 17-18). Wenn er sich als Teil dieser Gottheit verstanden hätte, dann wäre die Antwort ganz anders ausgefallen. Er hätte vielleicht von „uns“ sprechen können. Aber er verwies auf die monotheistische Auffassung, dass Gott allein gut sei und er eben nicht (weil er nicht Gott ist!). Somit kann die Ausgangshypothese nicht als wahr eingestuft werden, dass er Gott oder Teil Gottes war.
  • Jesus ist kein Gott, sondern auch ein mit Mängeln behafteter Mensch: Daraus folgt – um nun zur zweiten Behauptung zu kommen - automatisch, dass er nicht fehlerlos gewesen sein kann. Die von Theologen gerne unterdrückte Passage im Matthäusevangelium handelt von der „kanaanäischen Frau“, die ihm gefolgt war und lästig wurde (Matthäus 15, 22-28) und der er erst half, als seine Jünger ihn dazu drängten, weil sie nicht locker lassen wollte, ihre von einem „bösen Geist“ geplagte Tochter zu erlösen. Ihr half er nur widerwillig – „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ (Matthäus 15, 25) – und gab zu verstehen, dass die Hilfe nur erbracht würde, weil ihr Glaube groß war (ihn doch noch überzeugen zu können ihr zu helfen). Hätte ein „fehlerloser“ Gott so gehandelt? Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe (weiterlesen), waren die Völker aus Kanaan und die Juden aufgrund der aggressiven Inbesitznahme des „gelobten Landes“ durch die Israeliten verfeindet – und Jesus sah sich als Teil des jüdischen Volkes! Dies erklärt vielleicht die ablehnende Haltung von Jesus gegenüber der Frau aus Kanaan. Nur zu dem Volk der Juden sah er sich gesandt, was er auch in seinem Sendungsbefehl an seine Jünger ausdrückte, indem er ihnen auftrug, nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ zu gehen, um ihnen zu predigen, dass das Reich Gottes nahe sei, und nicht zu den Heiden, wozu auch die Samariter gehörten (Matthäus 10, 5-6). Spricht so jemand, der sich als „Gottheit“ aller Menschen versteht? Die Verfluchung des Feigenbaumes (Matthäus 21, 18-22), der keine Früchte mehr bringen sollte, weil er, als er hungrig war, keine Früchte fand, dünkt auch nicht gerade von Langmütigkeit. Diese Impulsivität kommt auch in der „Tempelreinigung“ (Markus 11,17) zum Ausdruck, bei der er die Geldwechsler und Taubenhändler und andere, die sich im Tempel aufhielten, vertrieb. Die Theologen versuchen diese Textpassagen gerne so zu interpretieren, dass sie in ihr theologisches Gedankengebäude passen, so dass die Unmittelbarkeit des Geschehens hinter die „dahinter liegende“ Bedeutung des Feigenbaumes als eine Metapher für die mangelnde Glaubensfestigkeit gesehen wird (so wie der Feigenbaum keine Früchte bringt ist es die geistige Führerschaft in der damaligen Zeit, die keine geistigen Früchte bringt, was auch die Nähe der beiden Geschichten in den Evangelien nahe legen soll (weiterlesen). Und wie sie ist es mit der Liebe zu seiner Mutter aus? Auch die scheint nicht so groß gewesen zu sein. Hiervon wird berichtet, als er zu einer Hochzeitsfeier in Kana geladen war und seine Mutter ihn darauf aufmerksam machte, dass nicht genug Wein da sei und er sie zurechtwies: „Was geht’s dich an Frau, was ich tue (oder auch in anderen Übersetzungen: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ (Johannes 2, 4) – eine Textpassage, die in späteren Übersetzungen verharmlost wurde. Spricht so ein fehlerfreier Gott? Nein. Jesus war, folgt man den Textpassagen des Neuen Testaments mit nicht-theologischen Augen, ein Mensch mit sicher guten Seiten – aber auch mit Schwächen, die aber gerne von den Theologen unterdrückt werden, weil dies nicht in ihr theologisches Konzept passt: Jesus als Teil der göttlichen Trinität kann keine Fehler haben.
  • Verworrene Theorien zum Leben nach dem Tod: Nun zur dritten Prämisse des theologischen Gedankengebäudes, dass alles was in der Bibel steht, eine unumstößliche Wahrheit darstellt. Nur recht naiv denkende Menschen können dies noch glauben. Die Bibel als ein von Gott inspiriertes Werk anzusehen ist so nicht haltbar, weil gerade auch Textpassagen enthalten sind, die Kopfzerbrechen machen können. Dies betrifft vor allem die Aussagen von Jesus im Hinblick auf das, was nach dem Tod kommt. Jesus scheint da sich selbst nicht einig zu sein. Einerseits postuliert er ein Leben nach dem Tod, wie dies etwa in der Geschichte vom dem reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16, 19-31) zum Ausdruck kommt, in der das Fortbestehen nach dem Tod in unterschiedlichen Sphären – Lazarus „im Schoß Abrahams“ und der reiche Mann in der Hölle – stattfindet. Auch dem Verbrecher neben ihm am Kreuz sicherte er zu, dass er nach dem Tod mit ihm im Paradies sei (Lukas 23, 43). Hierbei ist noch zu beachten, dass die übliche Übersetzung, dass der Verbrecher „heute“ mit ihm im Paradies sei, auf einen Fehler in der Kommasetzung basiert und richtig heißen müsste: Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein!“ (weiterlesen). Dabei frage ich mich: Wie kann Jesu ihm diese Zusage machen, ohne geprüft zu haben, ob dieser Verbrecher auch die hinreichende Qualifikation mitbringt? Kommt da jeder, nur weil er sich auf seine Seite stellt, dann automatisch ins Paradies? Dies hatte der Verbrecher am Kreuz getan, als er den anderen Verbrecher am Kreuz darauf hinwies, dass sie beide Verbrechen begangen hätten, aber nicht Jesus (Lukas 23,41). Dies scheint überdies für Jesus das Hauptkriterium zu sein: Wer sich zu ihm bekennt, kommt nicht vor das Gericht. Dies begründet Jesus selbst in den dem er sagt: „Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Johannes 5, 22-24). Diese Befreiung, nach dem Tod nicht für das Leben gerichtet zu werden, wird auch damit gerechtfertigt, dass Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben ist (weiterlesen). Diese These wird von vor allem von evangelikalen Pfarrern, wie z. B. Olaf Latzel, vertreten (ansehen). Andererseits wird davon gesprochen, dass der Tod so eine Art Schlaf sei,  von dem auch Jesus gesprochen hatte, als er Lazarus wieder „von den Toten auferweckte“: „Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, dass ich ihn aufwecke. Da sprachen die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, wird's besser mit ihm. Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede von der Ruhe des Schlafs“ (Johannes 11, 11-13). Diese Auffassung geht bis in das Alte Testament zurück, in dem der „weise Salomo“ verkündete: „Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern sind längst dahin; sie haben kein Teil mehr auf der Welt an allem, was unter der Sonne geschieht. Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“ (Prediger 9, 5–7). Daher kommt die Vorstellung, dass die Toten in einer Art „Zwischenreich“ sind (weder Himmel noch Hölle) und warten, bis sie von Jesus wieder auferweckt werden (weiterlesen). Die Toten sollen aber dabei ohne Bewusstsein sein ( Psalm 6,6). Diese Auffassung wurde auch von den Urchristen, namentlich von Paulus vertreten (weiterlesen), der dazu sagte: „Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen“ (1. Thessalonicher 4,15-17). Die Textpassage, auf die sich Paulus hier stützen kann, geht auf die Aussage von Jesus selbst zurück, als er sagte: „Wundert euch darüber nicht. Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden,  und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts..“ (Johannes 5, 28-29).
  • Jesus – auch für Reinkarnation offen? Wir können und sollten uns nicht einbilden, heute alles besser zu wissen, aber die heutigen Forschungen zu Nahtoderfahrungen und zur Reinkarnation legen nahe, dass das Leben  nach dem Tod weiter geht (weiterlesen, Nahtoderfahrung – ein Indiz für das Leben nach dem Tod, Reinkarnation und Christentum – wie passt das zusammen?). Die Empirie der Forschung auf diesem Gebiet ist da fruchtbarer als jedes theologische Gedankengebäude, das nur noch Experten verstehen, da, wie ausgeführt, selbst die Aussagen von Jesus eher Verwirrung als Klarheit bringen und damit auch die theologischen Konstrukte, die darauf aufbauen, nicht gerade auf mich schlüssig wirken. Ein „ewiges Schlafen“ und warten auf die Erweckung von den Toten zu neuem Leben scheint eine Vorstellung der antiken Welt zu sein. Jesus war auch ein Teil dieser Welt und in den entsprechenden Vorstellungen seiner Zeit verhaftet. Doch scheint aber damals auch die Vorstellung nicht den Menschen fremd gewesen zu sein, dass es so etwas wie ein vorgeburtliches Leben gibt. Eine Bibelstelle, die dies aufzeigen kann, ist die von dem „Blindgeborenen“ (Johannes 9, 1-3). Hier begegnen Jesus und seine Jünger einem Menschen, der bereits seit seiner Geburt blind war. Die Frage war nun, ob er oder seine Eltern durch Sünden für die Blindheit verantwortlich waren. In der Vorstellungswelt der Antike war eine Krankheit oft als eine Folge einer Sünde angesehen worden. Jesus ging aber darauf nicht ein, sondern heilte den Mann mit Spucke und Erde, die er zu einem Brei vermischte und ihm auf die Augen strich. Ihm war die Heilung wichtiger als die Erklärung für die Blindheit, die eher final begründet wurde (damit die Werke an ihm offenbart werden können). Eine weitere beliebte Stelle, die gerne zitiert wird, um zu beweisen, dass auch Jesus an die Reinkarnation glaubte – aber dies nicht großartig thematisierte – könnte die sein, als die Jünger über Johannes den Täufer erzählten und Jesus ihnen sagte, dass Elia in der Gestalt des Johannes des Täufers wiedergekommen sei, aber die Menschen dies nicht erkannt hatten (Matthäus 17,10). Da aber die Theologen seit dem Konzil von Nizäa das Konzept der Wiederverkörperung durch den Bannfluch gegen die Ansichten des Origenes (weiterlesen) verworfen haben, wird diese Bibelstelle gerne umgangen. Auch die Diskussion mit Nikodemus (Johannes 3, 1-21) zeugt von der Idee der Wiedergeburt, in dem Jesus ausführt, dass der Mensch „von oben“ (wieder)geboren werden muss, um in das Reich Gottes einzugehen. Seine Unterscheidung zwischen Geist und Fleisch deutet darauf hin, dass das, was aus dem Geist entsteht, sich in dem Materiellen durch Fleischwerdung manifestieren muss.

Jesus war nach meiner Analyse kein Gott, sondern durch und durch Mensch mit Vorzügen und Mängeln. Er war zwar auch ein „Kind seiner Zeit“, aber er schien noch ein Wissen gehabt zu haben, das den damaligen Vorstellungshorizont der Menschen gesprengt hätte. Er war wohl selbst oft voller Zweifel, hatte aber immer das Gefühl einer tiefen Gottverbundenheit, die eine gewisse „intime Note“ hatte, da er Gott als Abba (vergleichbar mit unserem Papa) ansprach. Damit hatte er den damaligen Menschen die Vorstellung vermittelt, dass der Gott kein einsamer Herrscher ist, der auf einem Thron sitzt. Sein Tod durch die Kreuzigung war kein Tod zur Sühnung der Sünden der Menschheit, sondern eine Folge der Herrschaftsverhältnisse, die damals existierten (weiterlesen). Seine Auferstehung – Wiederbelebung nach dem Tod – halte ich für glaubhaft. Seine Weiterexistenz in einem anderen, nicht den irdischen Gesetzten unterworfenen „Astralkörper“ und seine (weiterlesen)  Weiterexistenz in jenseitigen Sphären halte ich für die wahrscheinlichste Annahme.  Interessant ist in diesem Zusammenhang der Bericht von Ron Wyatt (weiterlesen), der ein Privatforscher auf der Suche nach archäologischen Bestätigungen der Bibel - er hatte angeblich auch die Arche Noahs auf dem Berg Ararat gefunden - war und das Blut unter der Begräbnisstätte auf Golgatha gefunden haben will (ansehen), das die Merkwürdigkeit aufwies, dass es nur 24 Chromosomen hatte (23 von der Mutter und ein Y-Chromosom unbekannter Herkunft). Ist somit Jesus doch kein „gewöhnlicher Mensch“ gewesen? Diese Frage wird wohl nie ganz geklärt werden.

© beim Verfasser

PS: Es ist mir egal, ob Jesus ein Gott oder nur ein Mensch ist oder war - er wird immer mein Vorbild bleiben.

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