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Im Oktober 2019 hatte Pastor Olaf Latzel in Bremen eine verhängnisvolle Rede in einem Eheseminar gehalten, in dem er die Homosexualität als Sünde bezeichnet hat. Das führte letztendlich zu einer Verurteilung am Amtsgericht Bremen (AZ: 96 Ds 225 Js 26577/20) wegen Volksverhetzung zu einer Strafe von 90 Tagessätzen zu 90 EU = 8.100 EUR (weiterlesen). Ist Latzel ein Volksverhetzer oder ein moderner Martin Luther?

  • Stein des Anstoßes: Ausgangspunkt war ein Eheseminar („Biblische Fahrschule für die Ehe“), das er in seiner St.-Martini Gemeinde im Oktober 2019 gehalten hat. Darin führte er aus, dass in der heutigen Zeit in vielerlei Hinsicht die Ehe durch „anti-christliche Dinge“ torpediert würde. (weiterlesen). Die Homosexualität sieht er als eine der „Degenerationsformen der Gesellschaften“ an. „Laut seiner Weltsicht sind Ehebruch, Pornografie-Konsum oder ein Flirt mit der Sekretärin »genauso todeswürdig wie gelebte Homosexualität. Der ganze Genderdreck ist ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung, ist zutiefst teuflisch und satanisch«, sagt er in einer Audioaufzeichnung der Veranstaltung. Kinder würden in den Schulen indoktriniert, »diese Homolobby, dieses Teuflische, kommt immer stärker, immer massiver, drängt immer mehr hinein. Überall liefen »diese Verbrecher rum von diesem Christopher Street Day«“ (ansehen). Es kam zur Verhandlung, in der sich Latzel dadurch verteidigte, in dem er ausführte, dass das Wort „Verbrecher“ sich auf „militante Aggressoren“ beziehe, die ihn und seine Gemeinde immer wieder attackierten. Die vorsitzende Richterin Ellen Best führte in ihrer Urteilsbegründung aus, Latzel habe zum Hass gegen Homosexuelle und Intergeschlechtliche angestachelt. Latzel will gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen.
  • Abgrenzung gegen andere Religionen: Es war nicht das erste Mal, dass Latzel durch Äußerungen aufgefallen ist, die gerade nicht dem Mainstream entsprechen. Am 18.01.2015 hatte er über Gideon (Gídeon = der Abhauende; Baumfäller, d.h. gewaltiger Krieger; weiterlesen) aus dem Buch der Richter (weiterlesen) vorgelesen, wonach Gott aufforderte  (Richter 6, Verse 25 – 32), den heidnischen Tempel zu zerstören, und darüber gepredigt (ansehen) : „Es gibt nur einen Gott. Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben. Das ist Sünde. Das darf nicht sein. Davon müssen wir uns reinigen. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Ich weiß, dass wenn ich damit hingehe und das klar sage, dass das Widerstände gibt. Aber das ist das, was Gott von uns möchte.“ Das muslimische Zuckerfest bezeichnete er als Blödsinn, die Buddhastatue als einen „fetten alten Herrn auf dem Altar“ und sparte auch nicht damit, die Katholiken mit ihrem „Reliquiendreck“ zu diffamieren. Andere religiöse Symbole müsse man umhauen oder verbrennen. Das wäre das, was Gott fordere. In einem Interview erläuterte er noch einmal seinen Standpunkt, dass es für ihn nur einen Weg geben könne und der wäre über Jesus Christus, deshalb könne es kein Ja zu anderen Religionen geben. Das Nein zum Buddhismus oder islamischen Glauben bedeute nicht eine Ablehnung eines Vertreters dieser Religionen und das Christen verpflichtet seien, sich schützend vor die Menschen anderer Glaubensrichtungen zu stellen, wenn diese angegriffen würden, denn Christen lehnten jede Form der Gewalt ab. Er lehnte aber jede Vermischung von Religionen ab, indem man etwa das Zuckerfest mit den Muslimen zusammenfeiere, so als ob alle den gleichen Gott hätten. Auch lehnt er ein gemeinsames Gotteshaus ab (ansehen).
  • Reaktionen: Immer, wenn jemand gegen den Zeitgeist opponiert, muss er mit Gegenwind rechnen. Schon 2015 stieß Latzel auf wenig Gegenliebe bei der EKD, die sich durch ihre Vertreter von Olaf Latzel distanzierten. Nach der Predigt im Jahr 2015 versammelten sich 60 Pastoren und Pastorinnen vor dem Dom, die Handzettel verteilten mit der Aufschrift „Bremen ist bunt! (ansehen) Wir lieben Vielfalt!" Pastor Klingbeil-Jahr, der als Sprecher fungierte, forderte ein Disziplinarverfahren gegen Latzel und weiß sich dabei einig mit 66 weiteren Berufskollegen, die eine Erklärung unterzeichnet hatten, in dem sie sich von Latzel distanzierten (weiterlesen). Latzel erhielt aber auch Unterstützung aus seiner eigenen Gemeinde und über das Internet („Wir sind Olaf“). Abdul Memra etwa spricht sogar in diesem Zusammenhang sogar von „Christenverfolgung“ (ansehen) und wirft denen, die Latzel diffamieren, Doppelmoral vor, weil sie bei Hasspredigern des islamischen Glaubens (Salafisten), die gegen Andersgläubige hetzen, schweigen, sich aber nun gegen Latzel stellen und seine Predigt verurteilen. Es gibt sogar eine Facebook-Seite „Solidarität mit Olaf Latzel“ (ansehen). Jetzt stellen sich wieder die „Offiziellen“ gegen Latzel wie z. B. Bedform-Strom, der die Aussagen von Latzel über Homosexuelle als unerträglich findet, wörtlich:  „Jesus steht für eine radikale Menschenliebe. Sie ist das genaue Gegenteil der Intoleranz, die aus den Worten von Olaf Latzel spricht.“ (weiterlesen). Nach seiner Verurteilung muss der  Bremer Pastor jetzt sogar mit einem Disziplinarverfahren rechnen und mit der Suspendierung von seinem Amt. Dagegen wenden sich 15.000 per Online-Petition, die sich für „Glaubens- und Meinungsfreiheit in den evangelischen Kirchen“ aussprechen (weiterlesen).
  • Fundamentalisten: Pastor Latzel gehört zu den evangelikalen Christen, die die Bibel wörtlich nehmen, d. h. sie glauben daran, dass alles – Wort für Wort – was in der Bibel steht, Ausdruck des einen Gottes ist, der sich in Jesus Christus vor 2000 Jahren manifestiert hat. Sie sind in diesem Sinne fundamentalistisch, weil sie nur die Bibel als die absolute Grundlage ihres Glaubens und des daraus abgeleiteten Verhaltens anerkennen. Das alles erinnert etwas an die Anfänge des Protestantismus, als der Reformator Martin Luther im Jahr 1521 vor dem Reichstag in Worms sagte: „Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ (weiterlesen). Luther sollte seine Lehren widerrufen und alle Kritik an dem Papsttum zurücknehmen, was er aber nicht tat, weil für ihn nur die Schrift allein („Sola scriptura“; weiterlesen) Gültigkeit hatte, was bedeutete, dass nur die Bibel und keine kirchlichen Lehren, die daraus abgeleitet werden, von ihm anerkannt wurden. Statt als Ketzer verbrannt zu werden, wurde über ihn „nur“ die „Reichsacht“ verhängt, was bedeutete, dass ihn jedermann straffrei umbringen konnte. Ähnlich wie Latzel ist auch Lothar Gassmann ein fundamentalistischer Protestant. Dr. Lothar Gassmann hatte bereits 1996 in seinen 95 Thesen (weiterlesen) seine Kritik im Hinblick auf diese politische Ausrichtung an der evangelischen Amtskirche geäußert und festgestellt, dass diese auf kein Interesse gestoßen ist. Als Folge dieses Desinteresses an inneren Reformen ist er aus der Kirche ausgetreten. Er beklagt, dass die wichtigen Kirchenämter von den 68-Systemverändern besetzt wurden, um ihre eigene politische Agenda mit Hilfe der kirchlichen Ämter voranzutreiben (ansehen).
  • Bibel ist nicht nur Gottes Wort: Ist also Latzel ein moderner Luther? Er hat meine volle Bewunderung, wenn es darum geht, konsequent zu sein. Wenn man tatsächlich alles, was in der Bibel steht, als das geoffenbarte Gottes hält, ist es folgerichtig, sich daran zu halten und dem Zeitgeist keinen Tribut zu zollen. Doch dass die Bibel wirklich die Wahrheit wiedergibt, also nur einer göttlichen Offenbarung entspringt, ist nicht glaubwürdig. Man braucht sich nur ein paar Bibelstellen anschauen und sich die Frage stellen: Das soll Gottes Offenbarung sein? Exemplarisch sollte man sich nur mal die „Ausführungsbestimmungsbestimmungen“, Rechtsordnungen genannt, zu den 10 Geboten ansehen. Da gibt tatsächlich Gott Anweisungen für den Umgang mit hebräischen Sklaven: „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr aber soll er freigelassen werden ohne Lösegeld“ (2. Mose 21,2). Vergehen gegen Leib und Leben sollen hart bestraft werden: Wer Vater oder Mutter nur flucht, soll des Todes sterben (2. Mose 21, 17). Auch der Menschenraub soll mit dem Tod bestraft werden (2.   Mose 21, 16). Das Schlagen von Sklaven scheint nicht so schlimm zu sein, denn wenn sie durch die Schläge des Herrn sterben, sollen sie nur dann bestraft werden, wenn die Sklaven daran zu Tode kommen, außer: sie bleiben davor nur ein oder zwei Tage noch am Leben, denn es sei ja das Geld des Herrn der Sklaven, das er dafür ausgegeben hätte (2. Mose 21,20-22). Wenn ein Sklave ein Auge oder einen Zahn durch einen Schlag verliert, so solle man ihn freilassen; eine Strafe für denjenigen, der geschlagen hat, ist nicht vorgesehen (2. Mos 21, 26-27). Auch soll Gott verfügt haben, dass jemand eine Jungfrau dann zur Frau nehmen und dafür den „Brautpreis“ zahlen soll, wenn sie noch nicht verlobt war und er mit ihr geschlafen (Geschlechtsverkehr) hat (2. Mose 22, 16); die Frau hat dabei überhaupt kein Mitspracherecht. Als Gebot der Gottesfurcht soll ein Vater seinen ersten Sohn Gott opfern, danach auch den Stier und das Kleinvieh (2. Mose 22, 28-29). Ob diese Bibelstellen den Fundamentalisten gefallen und man darüber mal eine Predigt hören wird?
  • Schmusekurs der evangelischen Kirche: Fundamentalismus in der evangelischen Kirche sollte, wenn man bis Luther zurückgeht, eigentlich selbstverständlich sein, aber er ist es nicht mehr, denn sie wirkt eher „weichgespült“ und ihre offiziellen Vertreter wirken wie die Politiker unserer Zeit, die sich gern liberal und „nach allen Seiten offen“ zeigen. Der Schmusekurs, den sie fährt, will nicht mehr aufrütteln und ermahnen, sondern nur noch nicht mehr anecken. Die gegenwärtige Corona-Krise macht es deutlich, dass keine Distanz zur staatlichen Obrigkeit herrscht. Gegenüber anderen Religionen ist man stets auf Verständnis eingestellt und Respekt, ohne dabei die eigene Position klar zu definieren. Man könnte diese Christen auch „Namenschristen“ nennen, sie berufen sich zwar auf Jesus Christus, verleugnen aber die zentralen Teile des christlichen Glaubens: Auf dem evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart hatten sich die Theologen gegen den Fundamentalismus ausgesprochen. Prof. Wilhelm Eppler bezeichnete ihn als „ein Krisensymptom unserer Zeit“ und Prof. Christoph Dinkel meinte, dass Jesus nicht über das Wasser gegangen, keine Blinden geheilt und keine Tote auferweckt habe. Diese Erzählungen seien als „metaphorische Geschichten konzipiert“. In Bezug auf die Auferstehung von Jesus, die als ein leibhaftiges Geschehen geleugnet wird, meinte er sogar: „Wir glauben nicht an Zomies“ (weiterlesen; Auferstehung von Jesus Christus – Glaube oder Tatsache, S. 17). Mit diesem Kurs geht die evangelische Kirche auf Schmusekurs mit dem Zeitgeist und vergrault diejenigen, die noch an einem echten Glauben interessiert sind. Diese Art der „Modernisierung“ hat zu einem massiven Mitliederschwund geführt: Von dem im Jahr 1990 noch vorhandenen 29.422.000 Mitgliedern, sind im Jahr 2019 noch 20.713.000 übrig geblieben (weiterlesen) – mit steigender Tendenz. Und die Gläubigen? Ich unterscheide (weiterlesen, ; Auferstehung von Jesus Christus – Glaube oder Tatsache, S. 18 ) zwischen „Sicherheitschristen“ (sie bleiben sicherheitshalber in der Kirche – es könnte ja was dran sein an dem was gepredigt wird) „Scheinchristen“ (die glauben, der Taufschein reiche aus und der schöne Schein, Christ zu sein, hilft auch manchmal bei der Jobvergabe), „Feiertagschristen“ (die Kirche wird für die feierlich Umrahmung eines Feiertages gesehen wie z. B. Weihnachten) und „Toleranzchristen“ (Toleranz gegen jedermann und jeder Religion ohne eigenen Standpunkt), die von Sünde, Schuld und Gericht nichts mehr wissen wollen und stattdessen die Kirche als eine Institution ansehen, die die wichtigsten Stationen ihres Lebens „absegnen“ und damit einen gewissen Rahmen geben – mehr aber nicht. Für sie gilt der Grundsatz, der dem Refrain eines berühmten Karneval-Schlagers entspricht: „Da simmer dabei, dat ist prima …“ (ansehen).

Ich halte weder etwas vom christlichen Fundamentalismus noch von dem angepassten Wohlstandschristentum, weil ich den Monotheismus für eine böse Falle halte (weiterlesen) und versuche einen eigenen Weg zu gehen (weiterlesen); aber wenn ich die Wahl hätte, nur zwischen den beiden Alternativen zu entscheiden, würde ich Olaf Latzel und die Fundamentalisten wählen, weil sie mir mit ihrer Prinzipientreue imponieren.

©beim Verfasser

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