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Durch die Corona-Verordnung (NRW) ist der Silvesterspaß für viele vorbei, denn zum „Jahreswechsel 2020/2021 sind öffentlich veranstaltete Feuerwerke sowie jede Verwendung von Pyrotechnik auf von den zuständigen Behörden näher zu bestimmenden publikumsträchtigen Plätzen und Straßen untersagt“ (weiterlesen). Den Moralisten war die Silvesterknallerei schon immer ein Dorn im Auge, denn anscheinend verstehen diese keinen Spaß. Schließen sich Moral und Lebensfreude aus?

  • Lebensfreude und Spaß: Freude ist nicht gleichzusetzen mit Spaß. Der Spaß kommt aus dem Lateinischen, was von seinem Wortursprung („spasso“) her gesehen so viel wie Zeitvertrieb, Vergnügen oder Zerstreuung bedeutet. Spaß ist der kurzweilige, eher oberflächliche Begriff für ein positives Empfinden, das aber nicht tief im Gemüt eines Menschen verwurzelt ist. Die Freude hingegen ist ein tiefer gehendes Erleben,  das auch länger anhält, also nicht kurzweiliger Natur ist (weiterlesen). Die Freude spendet mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden und ist auch Ausdruck einer positiven Einstellung eines Menschen zum Leben selbst. Der Spaß verfliegt so schnell wie er gekommen ist. Es wird dann auch gerne von einer Spaßgesellschaft gesprochen,  bei der die Unterhaltungsindustrie die Ablenkung von Alltagsproblemen verschafft. Spaß wird also vor allem  durch andere verursacht und dann konsumiert, er ist nicht wie die Freude das Ergebnis eines eigenen Bemühens. Es kann also eher Spaß machen, sich an lauter Disco-Musik zu vergnügen, aber es macht Freude, wenn jemand es schafft, ein vielleicht schwieriges Musikstück eigenhändig nach langem Üben selbst auf dem Klavier zu spielen. 
  • Leichtigkeit und Schwere: Wer das Leben ernst nimmt, der kann sich gar nicht am Leben freuen, denn wenn er es täte, nähme er es zu leicht und zu locker. Für Milan Kundera (Die unerklärliche Leichtigkeit des Seins, S. 9) ist „das schwerste Gewicht …gleichzeitig ein Bild intensivster Erfüllung. Je schwerer das Gewicht, desto näher ist unser Leben der Erde, desto wirklicher und wahrer ist es.“ Die Paradoxie zwischen Schwere des Lebens – leiderfüllt, vom Schicksal gebeutelt – und seiner Leichtigkeit erklärt er damit, dass „die ewige Wiederkehr („wenn sich jede Sekunde unseres Lebens unendliche Male wiederholt“) das schwerste Gewicht ist.“ Vor diesem Hintergrund kann das Leben „in seiner ganzen herrlichen Leichtigkeit erscheinen“ (S.8). Die Polarität von Schwere und Leichtigkeit ist im Hinblick auf die Frage nach Freude oder Spaß durchaus bedeutsam: Je schwerer das Leben ist oder erscheint – erscheint deshalb, weil das subjektive Empfinden ausschlaggebend ist für die Beurteilung der Schwere – desto bedeutsamer und wichtiger wird es oft empfunden und desto mehr schwindet anscheinend auch die Freude. Auch hier ist die Aussage von Kundera, der sich hierbei an das Urteil von Beethoven anlehnt, erhellend, nach der der schwer gefasste Entschluss verbunden sei mit der Stimme des Schicksals („Es muß sein“, S. 33). Die Freude am Leben schwindet und das Leben wird dann als schwer erlebt, wenn das Gewicht dessen, was viele auch Schicksal nennen, zu schwer wird. Die Kunst des Lebens besteht aber anscheinend darin, trotz der Schwere dessen, was jemand auferlegt bekommt, eine Leichtigkeit zu empfinden. Hierbei helfen Humor und eine Portion Zuversicht, dass „am Ende alles gut wird“, wir uns auf einem Fundament befinden, das uns trotz der Erschwernisse des Lebens nicht fortgezogen wird. Für gläubige Menschen stellt dieses Fundament der Gottesglaube dar.
  • Moralisten als Miesmacher: Die Moralisten stehen und standen schon immer mit der heiteren Seite des Lebens auf Kriegsfuß. Sich am Leben zu freuen, Freude oder gar Spaß zu haben, war ihnen schon immer suspekt. Wer sich am Leben erfreut, der nimmt das Leben nicht ernst genug, ist ein Leichtfuß ohne tiefe moralische Verankerung, ist vielleicht ein „Lebemann“ oder ein „leichtes Flittchen“, so lautet die Ansicht vieler Moralisten. Moral ist für viele gleichsetzend mit Verzicht auf „alles was Spaß macht“. Moral scheint so der Antagonismus zur Lebensfreude zu sein, der alles vermiest, was dem Menschen Freude machen könnte. Das hat lange Tradition und hängt im christlichen Abendland mit dem christlichen Glauben und der katholischen Kirche zusammen. Alles Weltliche wurde als der Gegenpol zum Göttlichen gesehen. Und die Welt wurde und wird auch immer noch als eine Bühne gesehen, auf der noch am meisten der Widersacher Gottes, Satan, herrscht, der durch die „fleischlichen Genüsse“ die Menschen „vom rechten Weg“ abbringen will. Die Verteufelung der Welt ging in der patriarchalen Welt einher vor allem mit der Verteufelung des Weibes, die eine leibliche Verführung des Mannes darstellte. Die Hexenverfolgung ist eine konkrete Auswirkung dieses Glaubens, wenn Frauen bezichtigt wurden, sich mit dem Teufel eingelassen zu haben. Die Sexualität wurde als ein Verführungswerkzeug angesehen, mit dem der Teufel durch die Frauen zu einem unmoralischen Leben des Mannes verführen wollte. Jedoch, es fehlte an jeglicher biblischen Begründung, denn Jesus, auf den man sich immer wieder gerne berief, war alles andere als ein Asket und äußerte über sich selbst, so wie die Menschen von ihm reden würden: „Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!“ (Matthäus 11,19) Auch gibt es zwei Bibelstellen, aus denen hervorgeht, dass er sich auch von einer Frau die Füße mit einem kostbaren Öl einreiben ließ (Lukas 7, 38) oder eine andere Frau ihm den Kopf mit Öl salbte und davon die Rede war, dass es doch eine Verschwendung sei, das kostbare Öl so zu missbrauchen (Lukas 14, 3-5). Die Lebensfreude war ihm also nicht fremd, so dass es nicht gerechtfertigt erscheint, sich auf ihn im Hinblick auf einen asketischen Lebenswandel zu berufen. Warum also diese moralinsaure Einstellung der Kirche?
  • Der Deal: Eine asketische, sich das Vergnügen verkneifende Lebenseinstellung, offenbarte sich vor allem in dem Leben von Nonnen und Mönchen in den Klöstern, in denen sie das Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams ablegen mussten. Dieser Entrechtung (Gehorsam) und Selbstverleugnung (Sexualität und Armut) stand aber ein ungeheurer Gewinn gegenüber, nämlich der, nach dem Leben in der Ewigkeit für ein spartanisches Leben belohnt zu werden. Sie wollten ihr Leben ganz dem Heiland Jesus Christus widmen und sich ganz in seine Dienste stellen durch ein Leben, das sich durch diese Gelübde von dem Leben anderer Menschen unterschied. Der (unbewusste) Handel lautete also: Dir, lieber Gott, widme ich mein irdisches Leben, in dem ich alles verzichte, was dem Menschen Spaß machen würde, aber dafür möchte ich dann nach meinem Tod mit der ewigen Glückseligkeit belohnt werden. Das klingt zwar hart formuliert, ist aber im Grunde die Wahrheit, wenn man nicht die Scheuklappen der Scheinfrömmigkeit aufzieht. Kann dies wirklich im Interesse Gottes sein? Wenn Gott diesen „Deal“ eingehen würde, wäre er doch ein grausamer Gott, der jegliche Vergnügungen ablehnt, weil sie von ihm wegführten. Kann das denn der Fall sein?
  • Freude ist gottgefällig: Vielleicht hilft noch einmal die Unterscheidung zwischen Freude und Spaß, denn Spaß gilt als oberflächlich, den weltlichen Genüssen zugewandt, die nur konsumiert werden, ohne sich dabei selbst bemühen zu müssen. Die Freude stellt das Ergebnis dar, das sich einstellt, wenn man, vergleichbar mit einer langen Bergwanderung, einen langen Weg hinter sich gebracht hat, und dann die Aussicht vom Gipfel des Berges genießen oder - allgemeiner formuliert - den Erfolg der eigenen Bemühungen ernten kann. Hier sind Saat und Ernte in einem angemessenen Verhältnis zu einander stehend. Den eigenen Bemühungen des Menschen kommen diejenigen nach christlichem Glauben entgegen, die den Menschen bei ihren Bemühungen unterstützen sollen: die Engel. Deshalb heißt es im Chor der Engel im Faust II von Wolfgang von Goethe treffend hierzu: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (weiterlesen). Freude ist also der berechtigte Gewinn eigener Bemühungen, die nicht unbedingt mit einem Verzicht verbunden sein müssen. Nicht für den Verzicht um jeden Preis durch Entsagung von weltlichen Freuden wird ein Berechtigungsschein für so etwas wie Erlösung ausgestellt, sondern die eigenen Bemühungen um Verbesserung des eigenen Charakters und der Lebenssituation anderer Menschen, die auch beschwerlich sein können, öffnen die Türe für Freuden, die tiefgreifender und heilsamer als die kurzweiligen Genüsse eines weltlichen Lebens ohne jegliches Ziel sind. Freude verbindet uns mit dem Göttlichen, weil es nicht sein kann, dass Gott so grausam ist, uns die Lebensfreude nehmen zu wollen, um uns für sein Reich zu „qualifizieren“. Denn Gottes Reich, so die Botschaft von Jesus, reicht in unsere Welt hinein und wir können manchmal nur erahnen, welche Lebensfreude Gott uns eigentlich schenken will.
  • Moderne Moralisten: Die Vorbilder asketischer Lebensweisen, die paradoxerweise eben nicht zu Gott führen können, weil Gott niemals so etwas von den Menschen verlangen kann, da dies jeglicher Logik widerspräche, liefern anscheinend die Vorlagen der modernen „Weltverbesserer“ neuerer Prägung, die immer gern mit dem moralischen Zeigefinger winken, wenn, wie dies jetzt z. B. vor Silvester der Fall wäre, Menschen Gefallen daran finden, Leuchtraketen in die Luft zu schießen oder harte Böller explodieren zu lassen. Jeder, der dies tut, soll gleichzeitig ein schlechtes Gewissen haben. Und dieses schlechte Gewissen wird erzeugt durch eine „Vergottung“ der Umwelt oder des Umweltschutzes, denn wie die Mönche und Nonnen glaubten, für Gott ein asketisch geführtes Leben opfern zu müssen, sollen nun heutzutage die Menschen dem zum Götzen hochstilisierten Umweltschutz ihre Opfer bringen. So wird z. B. denjenigen, die mit dem Auto durch die Gegend fahren – vielleicht sogar nur zum Spaß, wie dies Markus in seinem Hit „Ich will Spaß, ich geb´ Gas“ gesungen hat (ansehen) - gleich eingeredet, dass dies wegen des Kohlendioxidausstoßes umweltschädlich sei. Die Deutsche Umwelthilfe ist so ein typischer Vertreter des moralisierenden Spaßverderbers, die den Autofahrern das Fahren am Autofahren verderben wollen. Wenn man z. B. an die Kampagne zu den Dieselfahrverboten zurückdenkt, die sich aber im Nachhinein als vielleicht völlig überflüssig herausgestellt haben, weil trotz des Rückganges des Fahrzeugaufkommens die Feinstaubbelastung in den Innenstädten während der Corona-Krise im Frühjahr dieses Jahres nicht weniger geworden ist (weiterlesen), dann erkennt man den allen Moralisten anhängenden Gedanken, einem Götzen ein Opfer bringen zu müssen. Wobei wie modernen Heilsbringer, wie die Priester in der antiken Welt, diejenigen sind, die letztendlich von diesen Opferdiensten profitieren. Dem modernen Götzen „Umweltschutz“ soll nun ein Opfer gebracht werden, um sich für das Paradies einer heilen Umwelt qualifizieren zu können. Klimaaktivisten und Politiker sowie Anhänger der Grünen haben die Verhinderung des so genannten Klimawandels zum modernen Götzen erklärt, dem nun auch Opfer gebracht werden sollen, die vor allem immer irgendwie Geld kosten, aber auch mit Einbußen in der Lebensqualität verbunden sind. Als Beispiel kann die Gewinnung von Energie aus Windkrafträdern herangeführt werden, die mit real erkennbaren Schäden für Menschen (durch den dauerhaften Lärm, der nicht abstellbar ist), Verlust von natürlicher Landschaft bis hin zur Abholzung von Wäldern und Schäden an Tieren, insbesondere von Vögeln und Insekten, die an oder durch die Rotorblätter verenden, verbunden sind (weiterlesen).

Bei Moralisten, ob alter oder moderner Prägung, ist also immer Vorsicht geboten und die Frage zu stellen, wem sie dabei wirklich nutzen und dienen wollen. Dabei entpuppen sich viele als Heuchler, denen auch schon Jesus vor 2000 Jahren den Kampf angesagt hatte. Daran hat sich eigentlich seit dieser Zeit nicht viel geändert, denn den Heuchlern geht es in Wirklichkeit nicht um das, was sie vorgeben, sondern meistens um Macht und Geld. Und das Streben danach ist das eigentliche Übel, das es zu bekämpfen gilt.

 

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Kommentare  

-1 #1 A. Schultze-Rhonhof 2020-12-22 16:22
Also ich finde auch, dass jeder so viel rumböllern darf, wie es lustig ist. Jedermann und jede Frau sollte es mal so richtig krachen lassen und sich am besten die Böller in die Unterhose stecken. Wichtig ist doch nur, dass sich deutsche Bürger frei fühlen und sich genau in dem Augenblick nichts vorschreiben zu lassen, wenn sie gerade lesen gelernt haben! Deutsche Bürger müssen das Recht haben, sich zu jeder Zeit frei zu fühlen, weil Aids, Typhus, Wundstarkrampf, die Pest und Masern und Kinderlähmung und Grippe und Corona doch Erfindungen der Marsianer auf Jupiter sind. Wir dürfen uns auf keinen Fall mehr von Außerirdischen und Engeln vorschreiben lassen, was Günther Birkenstock mit seinen Sandalen schon vor 20 Jahren erfunden hat. Barfuß laufen und keine Rückenschmerzen mehr haben. Bitte weiterhin Jesus ins Gesicht sagen, dass sein Altruismus die Welt nicht weiter gebracht hat.
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