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Zum Ende  eines Jahres nimmt die Zahl derjenigen zu, die meinen, sie müssten sich für das nächste Jahr etwas Besonderes vornehmen. Diese guten Vorsätze sollen dann nach dem Jahreswechsel in die Tat umgesetzt werden. Das, was der eine oder andere sich vorgenommen hat, soll dann endlich fruchten. Macht es also Sinn, sich für den Jahreswechsel  etwas auszudenken, was dann just im neuen Jahr geändert werden oder verbessert werden soll?

  • Magisches Denken: Es entspringt einem magischen Denken zu glauben, dass sich durch ein neues Jahr auch neue Möglichkeiten eröffnen, etwas zu verändern. Das magische Denken ist eine Art und Weise des Überlegens, wobei Zusammenhänge hergestellt werden, die überhaupt nicht existieren. Im Kindesalter gibt es eine magische Phase (3. – 5. Lebensjahr), in der das magische Denken sehr verbreitet ist (weiterlesen): Kinder sammeln alle möglichen Gegenstände, die, wenn sie in die Hosentasche gesteckt werden, Glück bringen oder vor Unheil bewahren sollen. Wenn sie zwischen Steinen hin und her hüpfen, vermeiden sie es, auf die Kanten, an denen die Steine zusammenstoßen, zu treten, weil dies Pech bringen könnte. Es werden aus der eigenen Psyche kommende Wünsche und Ängste in Zusammenhang gebracht mit Dingen und Ereignissen, die in der Außenwelt liegen. Wenn das Kind wütend auf den Ball ist, weil er unter das Sofa gerollt ist, dann ist dieser Ball böse, ja es geht sogar so weit anzunehmen, dass dieser Ball es ärgern wollte und habe sich deshalb dort versteckt. Diese Phase geht i.d.R. dann zu Ende, wenn das Kind mit Schulbeginn ein anderes Denken beigebracht wird: logisches Denken. Viele träumen noch im Erwachsenenalter von dieser Zeit, in der alles irgendwie mit einander verbunden ist. Gerade in der „esoterischen Szene“ ist das magische Denken sehr verbreitet, weil man von einem Weltbild ausgeht, in dem „alles mit allem irgendwie verbunden“ ist. Häufig wird dann der Ausdruck gebraucht: „Alles ist eins“ oder: „Wir sind alle miteinander vernetzt“. In der Psychiatrie taucht auch ein magisches Denken auf: „Beziehungswahn“ wird es genannt. Ein Patient glaubt, dass alles, was in der Umwelt passiert, irgendetwas mit ihm zu tun hätte. Wenn ein solcher Patient Leute auf der gegenüberliegenden Straße miteinander reden sieht und sie blicken nur kurz einmal zu ihm, dann wähnt er, dass diese sicher über ihn reden. Das kann so weit gehen, dass er glaubt, „geheime Mächte“ planten einen Anschlag auf ihn (hier werden Ängste auf Ereignisse auf die Umwelt projiziert) und alle Unternehmungen in der Umwelt (vorbeifahrende Polizeiwagen, Bauarbeiter, die Kabel in der Erde verlegen) würden mit der Absicht geschehen, ihn auszukundschaften. Das kann sich dann bis in einen „Verfolgungswahn“ steigern. Aber auch umgekehrt kann bei einem Beziehungswahn positive Ereignisse mit eigenen Wünschen in Zusammenhang gebracht werden. Die heimlich verehrte Freundin, die in Wirklichkeit keine ist, braucht nur ihren heimlichen Verehrer dann zufällig ansehen und ihm zulächeln: schon glaubt er, dass sie dies tut, weil sie in ihn verliebt ist (obwohl sie nur freundlich sein wollte). Manche Stalker sitzen diesem Beziehungswahn auf. Ähnlich verhält es sich mit der magischen Vorstellung, dass ein Datum alles ändern könne, dass nur der Eintritt in ein neues Jahr magische Kräfte entfesseln könnte, so dass dann die geäußerten Wünsche durch in diesem Moment inne wohnende Kraft alles ändern würde.
  • Grausame Realität: Die Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn jemand glaubt, dass in dem Jahreswechsel magische Kräfte steckten, weil es eben keinen Zusammenhang gibt zwischen dem magischen Datum 01.Januar und einer Verhaltensänderung. Wer tatsächlich z. B. mit dem Rauchen aufhören will, tut gut daran, die sachlichen Voraussetzungen für eine nachhaltige Suchtentwöhnung zu schaffen: Ausreichende Motivation, durchdachte Methode, flankierende Hilfen durch andere. Das Überschreiten des ominösen Datums 01.01. schafft eben hierfür keine idealen Bedingungen. Setzt im neuen Jahr trotz guter Vorsätze dann nicht der gewünschte Erfolg ein, ist die Frustration riesengroß mit der verheerenden Folge, dass die Bemühungen mit der „guten Begründung“ eingestellt werden, dass der gute Vorsatz doch nichts gebracht hat. Die Realität, in der wir leben, ist leider manchmal nicht gerade rücksichtsvoll mit unseren Wünschen, denn weder ein geändertes Datum im Kalender noch irgendwelche magischen Handlungen, die diesen Wechsel begleiten, schaffen eine sichtbare Veränderung. Und so sitzt so mancher Zeitgenosse wie das Kaninchen vor der Schlange, das sich von deren Blicken einfangen lässt und nicht an Flucht denkt oder an eine andere angemessene Abwehrreaktion und stiert wie dieses Kaninchen, das sich vom Anblick der Schlange nicht lösen kann, auf dieses magische Datum und glaubt, dass sich danach etwas Grundsätzliches ändern würde. Aber nichts geschieht, sondern am nächsten Tag wacht man genauso wie immer auf, nur dass eben ein neues Jahr begonnen hat. Lediglich die Jahreszinsen werden berechnet, neue Gesetze treten vielleicht in Kraft und das Neujahrsskispringen, wenn genug Schnee liegt, wird beginnen.
  • Ehrenrettung des magischen Denkens: Jetzt soll keiner glauben, dass das Leben nun völlig rational strukturiert wäre und nur das nüchterne, rationale Denken brächte uns wirklich weiter. In jedem schlummert die leise Hoffnung, dass so „eiskalt und glasklar“ die Welt nicht strukturiert sein kann. Und dies ist sie auch nicht. Es geschehen in unserem Leben manchmal auch Dinge, die nicht rational erklärbar sind: Es lösen sich Probleme über Nacht, obwohl wir nichts dazu beigetragen haben, durch einen glücklichen Zufall treffen wir gerade denjenigen, der uns in einer Notsituation weiter helfen kann, in einem unachtsamen Moment stoßen wir ausgerechnet mit einem Menschen zusammen, den wir schon jahrelang nicht mehr gesehen haben und nun treffen wir ihn wieder. Carl Gustav Jung hat diese scheinbaren zufälligen Ereignisse, bei denen es keinen rationalen Zusammenhang gibt, die also eigentlich unmöglich sind, aber für uns einen Sinn ergeben, Synchronizität (weirterlesen) genannt. Es verdichten sich in diesen Augenblicken auf der äußeren Ebene so genannt koinzidente Geschehnisse, die wir auf der subjektiven Ebene als sinnhaft erleben, weil wir intuitiv spüren, dass sie etwas mit uns zu tun haben, dass sie uns auf etwas hinweisen sollen. Viele nennen dies Schicksal oder Fügung und wollen damit ausdrücken, dass wir nicht nur willenlose Spielbälle einer im Grunde genommen sinnentleerten Welt sind, der wir nur durch unser Handeln Sinn geben können. Es gibt bei Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben (zu denen ich auch gehöre), die Auffassung, dass jeder Mensch mit einem „Seelenplan“ in der materiellen Welt inkarniert und in dieser Welt die Seele dann auf dem „richtigen Weg“ ist (also ihren Seelenplan erfüllt), wenn sie den magischen Momenten des eigenen Lebens Bedeutung beimessen. Dann korrespondiert das, was in der äußeren Welt geschieht, mit unserer Seele und löst einen „Aha-Moment“ aus, in dem wir erahnen, dass dieses Ereignis etwas mit diesem Seelenplan zu tun hat. Dann erkennen wir, dass dieses scheinbare Zusammentreffen mit einem bestimmten Menschen eben nicht nur ein zufälliges Ereignis ist, sondern uns einen Hinweis geben will, der im Hinblick auf den zukünftigen Lebensweg wichtig ist.
  • Vorsätze sind doch wichtig: Nun kehren wir zurück zum Jahreswechsel und den guten Vorsätzen. Diese haben dann ihre Berechtigung, wenn wir sie als Ausdrucke für ein ernsthaftes Bemühen ansehen, nicht nur „planlos“ in die Welt hineinzustolpern. Wenn wir uns nicht nur als Wesen ansehen, die ausschließlich in dieser Welt leben, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, sondern eine „höhere Bestimmung“ haben, als uns hier auf Erden ein „schönes Leben“ zu machen, dann haben die Vorsätze eine Bedeutung für unser Leben. Sie geben uns ein Ziel vor, auf das wir zusteuern wollen – auch wenn wir es verfehlen. Und diese Vorsätze haben oder sollten einen moralischen Charakter haben und nicht nur auf die Befriedigung von Bedürfnissen gerichtet sein, wenn sie uns substantiell weiter bringen sollen. In der Ethik von Kant spielte „der gute Wille“ eine entscheidende Rolle für die Qualität moralischen Handelns. Nach seiner Philosophie macht er den Grad eines positiven moralischen Handelns aus. Der gute Wille bedeutet eben nicht die Orientierung an Bedürfnissen – in der Terminologie von Kant „Neigungen“ genannt –, sondern an übersubjektiven, nicht den eigenen Bedürfnissen untergeordneten Werten, die uns wie Leuchttürme die Orientierung geben. Und diese Werte haben letztendlich nach meiner Auffassung ihre Verankerung in einer transzendenten Welt, auf die wir in unserem irdischen Leben unweigerlich zusteuern und die sich uns vollends offenbaren wird, wenn wir das Ende unseres Lebens erreichen und sterben. Dann werden - das legen die Forschung zu Nahtoderfahrungen nahe, bei denen Menschen entsprechende Erfahrungen machen - wir auch erkennen können, ob unsere guten Vorsätze mit unserem Seelenplan übereingestimmt haben

Sollten wir uns also für das nächste Jahr etwas vornehmen? Ja, auf jeden Fall! Wir sollten es nur nicht von dem magischen Jahreswechsel abhängig machen. Wenn es also nicht gleich am 01.01. klappt, dann vielleicht am 13.01.2021 oder vielleicht noch später. Die Hauptsache ist, wir haben noch Ziele, auf die wir zustreben wollen, denn dann spüren wir, dass wir lebendig sind, das Heft des Handelns selbst in der Hand halten und nicht nur Spielbälle anderer oder einer oft ungerechten Welt sind.  

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