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Frank-Walter Steinmeier hat aufgefordert, für die Corona-Toten „ein Licht ins Fenster zu stellen“, wörtlich sagte er (ansehen): „Wir stellen ein Licht ins Fenster, ein Licht der Trauer, ein Licht der Anteilnahme, ein Licht des Mitgefühls. Für zu viele Menschen in unserem Land sind diese Corona-Wochen schrecklich dunkle Wochen. Viel zu viele müssen um Angehörige trauern. Viel zu viele kämpfen auf den Intensivstationen und in den Pflegeheimen um ihr Überleben. Viel zu viele müssen um geliebte Menschen bangen. Diese Dunkelheit ist nicht abstrakt, nicht irgendwo weit entfernt Sie trifft unsere Verwandten und Freunde, unsere Kollegen und Nachbarn, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, jeden Tag. Wir stellen ein Licht ins Fenster, weil wir wissen: Überall in unserem Land leiden Menschen. Wir trauern mit den Angehörigen. Wir wünschen den Kranken schnelle Genesung. Mit unseren `Lichtfenstern` rufen wir einander zu: Die Toten der Corona-Pandemie sind für uns keine bloße Statistik. Auch wenn wir ihre Namen, ihre Familien nicht kennen – wir wissen: Jede Zahl steht für einen geliebten Menschen, der uns unendlich fehlt. Deutschland stellt ein Licht ins Fenster, weil jedes `Lichtfenster` uns miteinander verbindet. Unser Licht spendet Wärme. Unser Licht zeigt Mitgefühl in einer dunklen Zeit. Stellen wir also ein Licht ins Fenster – und geben wir acht aufeinander (ansehen)." Warum überkam mich, als ich diese Worte hörte und die damit verbundenen Gesten sah, ein Unwohlsein?

  • Falsches Pathos: Ich hatte mir dieses auf der Homepage des Bundepräsidenten veröffentliche Video ein paarmal angesehen. Unter pathetisch klingender Musik entzündet der Bundespräsident ein übergroßes Zündholz, hält die Flamme an den Docht der Kerze, bis dieser zu brennen anfängt, bläst dann das Zündholz aus und rückt dann die Kerze an die linke Seite des Fensters. Dann wendet er sich zum Aufnahmeteam hin und beginnt seine feierliche Rede, bei der im Hintergrund immer noch das Licht zu sehen ist. Nachdem er seine Rede beendet hatte, wird dann sein bescheidener Amtssitz, dass Schloss Bellevue, von dem aus er residiert, gezeigt. Zu viel Pathos, schoss mir durch den Kopf, zu viel „feierliches Getue“. Und zum Schuss auch noch der Blick auf das Schloss Bellevue, warum das noch? (weiterlesen). Es wirkte wie eine Inszenierung, wie eine Szene in einem Theaterstück, in dem bei dem Zuschauer und Zuhörer bestimmte Gefühle ausgelöst werden sollen: Feierlichkeit und Erhabenheit, so als ob nun etwas ganz Besonderes gezeigt und zu Gehör gebracht werden soll.

Nach Aristoteles zieht das Pathos seine Kraft aus drei Quellen: aus dem emotionalen Appell, dem Ethos, das aus der Integrität des Redners gewonnen wird und der Kraft der Worte, die sich auf die Argumente („prágmata“) der Rede (weiterlesen) stützt. Stimmen diese nicht überein, dann könnte man von falschem Pathos sprechen. Fangen wir an zu analysieren:

  • Emotionaler Appell: Der Appell geht in eine bestimmte Richtung, dass die Bevölkerung mit denjenigen Mitleid haben sollen, die durch dem Corona-Virus gestorben sind. Aber wie können diese Gefühle wirklich echt gemeint sein? Warum sollen die Menschen gerade mit den Corona-Toten und den Hinterbliebenen besonderes Mitgefühl haben? Dieser Appell erscheint mir unverhältnismäßig. Unverhältnismäßig im Hinblick auf diejenigen, die eines anderes Todes sterben, deren Leiden unentdeckt bleibt, die nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Wird denn eine Kerze angezündet für diejenigen, die einfach an Krebs sterben oder die an der Demenz zugrunde gehen, aber vorher noch jahrelang an dieser Krankheit gelitten haben, die oft kein Mitleid, sondern eher gegenteilige Gefühle erwecken, weil Menschen mit einer Demenz mitunter sehr anstrengend sein können? Und wie wäre es, eine Kerze für diejenigen anzuzünden, die durch die Gewalttat eines Asylanten ums Leben gekommen sind? Warum soll aber nun für eine besondere Personengruppe durch einen emotionalen Appell Sympathie gewonnen werden? Könnte darin vielleicht auch ein besonderes Kalkül stecken:  Bloß nichts hinterfragen, was nun von Regierungsseite aus unternommen wurde, um in der Corona-Krise zu bestehen, nur Gefühle sollen nun geweckt werden, der kritische Verstand soll möglichst ausgeschaltet bleiben – ansonsten könnte das Unruhe wecken.
  • Integrität: Ist Herr Steinmeier integer? Es ist ein Leichtes, in einem gesicherten Beamtenverhältnis mit nicht geringen Dienstbezügen von 242.000 EUR im Jahr und einer Aufwandsentschädigung von 78.000 EUR während der Amtszeit (weiterlesen) zu leben. Im Alter muss man sich als Bundespräsident keine Sorgen machen, denn auch nach einem Ausscheiden läuft der „Ehrensold“ in Höhe der Dienstbezüge weiter. Auch wird dem Bundespräsidenten eine „nachamtliche Ausstattung“ gewährt, die aus einem eigenen Sekretariat mit Schreibkraft und zusätzlich aus einem Dienstwagen und Chauffeur bestehen. Wird er je mit Personen in Kontakt kommen müssen, die ihn mit dem Corona-Virus anstecken könnten? Er muss keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen wie das „gemeine Volk“, sondern kann aufgrund dieser Privilegien immer dafür sorgen, dass er nicht mit Mitgliedern dieses Volkes in Berührung kommt. Diese Sonderstellung erhöht nicht seine Integrität, sie mindert sie enorm, weil eine Diskrepanz offenkundig wird, nämlich die zwischen Wort und Handlung. Hätte eine Krankenschwester einer Intensivstation dieselben Worte an geduldige Zuhörer gerichtet, sie wären einfach glaubwürdiger, weil sie authentischer sind. Ihr könnte man es sofort abnehmen, dass sie es so meint wie sie es sagt, denn sie hat das Elend selbst gesehen und hat unter Einsatz ihre Lebens – man denke an das Infektionsrisiko – versucht, den infizierten Patienten bestmögliche Pflege zu gewähren. Was ist der Beitrag des Herrn Steinmeier in dieser Richtung? Außer schönen Worten gibt es nichts zu berichten.
  • Argumente: Wird Menschen dadurch geholfen, dass man ein Licht ins Fenster stellt? Nein. Keinem Menschen wird es dadurch besser gehen. Es ist eine Geste – mehr nicht. Trauern wir wirklich mit Menschen, die wir nicht selbst kennen? Nein, da wäre keine Trauer, sondern pure Heuchelei, denn sie wäre nicht echt, nur vorgetäuscht. Ist es wirklich so, dass wir hinter jeder statistischen Zahl einen Menschen sehen, der uns fehlt? Nein, auch das ist pure Heuchelei. Wir können nur echt davon sprechen, dass uns ein Mensch fehlt, den wir gut gekannt haben, der uns irgendwie nahe gestanden hat. Auch da ist manchmal Heuchelei im Spiel, denn wenn wir ehrlich sind: Nicht bei jedem auch noch so nahstehenden Menschen empfinden wir Trauer, denn nicht jeden Familienangehörigen oder Freund haben wir gemocht, manche fanden wir unsympathisch oder haben ihn sogar gehasst. Wäre es da nicht ehrlicher, dies zuzugeben? Aber es gilt die gesellschaftliche Norm: Jeder Mensch muss betrauert werden – auch wenn er ein Schuft war. Die Argumente des Herrn Steinmeier können auch nicht überzeugen, sie sind geheuchelte Worthülsen, die bestimmten gesellschaftlichen Konventionen entsprechen, aber ihnen fehlt die wirkliche Überzeugungskraft.

Ich brauche keine Ansprache eines Bundespräsidenten, der mit seinem Appell mich nicht erreichen kann, weil ich ihm nicht abnehme, dass das, was er sagt, seiner eigenen Überzeugung entspringt. Er könnte ja mal ein paar Monate Dienst auf einer Intensivstation verrichten oder im Altenheim bettlägerige Menschen in der Endphase ihres Lebens pflegen – dann wäre er für mich glaubhaft. So wirkt aber diese unter falschem Pathos gehaltene Rede nur abstoßend und bestärkt mich in der Meinung zu sagen: Er ist nicht mein Staatsoberhaupt, sondern nur ein Schönredner ohne Substanz.  

Es wäre vielleicht an der Zeit darüber nachzudenken, ob es nicht bald sinnvoll wäre, eine Kerze für die Menschen anzuzünden, die durch die Folgen einer falschen Corona-Politik zu Schaden gekommen sind. Dazu würde ich mir mal gerne eine Rede eines Bundespräsidenten anhören.

© beim Verfasser

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