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In der gegenwärtigen Corona-Krise wird das so genannte Homeoffice propagiert. Die Begründung ist die, dass die Arbeit von zu Hause aus im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus nicht so groß sei. Ist also die moderne Heimarbeit wirklich die Lösung?

  • Arbeits- und Berufskultur: Mit dem Homeoffice verschwindet zunehmend eine spezifische Berufs- oder Arbeitskultur, die unsere westliche Welt geprägt hat. Diese steht dem privaten Raum des Lebens, bestehend aus Familie, Freundschaften und Freizeitaktivitäten entgegen und eröffnet ein zusätzliches Interaktionsfeld, auf dem Menschen miteinander agieren, in Beziehung treten. Durch die Forcierung von Heimarbeit werden die Grenzen verwischt und auch denjenigen, die im Homeoffice sind, wichtige Kontaktmöglichkeiten innerhalb des Betriebes genommen. Es besteht die Gefahr, dass eine Trennung zwischen denen geschieht, die noch im Betrieb arbeiten und denen, die außerhalb des Betriebes ihre Arbeit verrichten. Für den Zusammenhalt eines Betriebes sind neben den formellen Beziehungen, die auch im Homeoffice erschwert sind durch die längeren und komplizierten Kommunikationswege, auch die informellen Kontakte wichtig, die die Menschen in einem Betrieb überlagern. Diese Überlagerung und Überschneidung der Beziehungen von Menschen in einem Betrieb wurden durch eine im Hessischen Rundfunk in den 60iger Jahren produzierte Serie sehr treffend und plastisch dargestellt: „Die Firma Hesselbach“. In der Folge „Das Techtelmechtel“ (ansehen) etwa ging es um die sich anbahnende Beziehung zwischen einer Frau in dem Sekretariat dieses „Familienbetriebes“, einer Druckerei irgendwo „im Hessischen“, und dem Juniorchef. Tratsch und Klatsch im Betrieb entwickelte sich selbstverständlich daraus. Nun gehört so etwas nicht zu den originären Aufgaben eines Druckereibetriebes, aber die größten Nebensächlichkeiten des Lebens, sind das Salz in der Suppe und lassen die vielfältigen Seiten des menschlichen Miteinanders uns erst erlebbar machen. Der Autor und Hauptdarsteller der Serie, Wolf Schmidt (weiterlesen) hat es sehr gut verstanden, diese Nebensächlichkeiten treffend zu schildern. Die Reduktion der Arbeit in einem Betrieb auf die Erfüllung der Arbeitsaufträge reduzierte die Vielfalt des Lebens zu einem reinen Funktionieren. Und wer will das schon? Homeoffice nimmt denjenigen, die sich nicht mit anderen Berufskollegen in einem Betrieb befinden, alle diese formellen und informellen Kontaktmöglichkeiten. Vielfach sehen auch Arbeitnehmer die Gefahr, dass Homeoffice eine Art „Karrierekiller“ wird (weiterlesen), weil man als Arbeitnehmer im Homeoffice von dem Führungspersonal nicht richtig wahrgenommen wird („aus den Augen, aus dem Sinn“).
  • Verschwimmen der Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem: Wer von zu Hause aus am PC arbeitet, sitzt immer noch in den eigenen vier Wänden. Bei ihm kommt nicht richtig das Gefühl auf, „bei der Arbeit zu sein“, zumal auch Störungen in der Tätigkeit durch Kinder, Telefonanrufe oder Arbeiten im Haushalt, die „zwischendurch“ erledigt werden, ein konzentriertes Arbeiten erschweren (weiterlesen). Außerdem verlangt das Arbeiten von zu Hause aus ein höheres Maß an Disziplin durch die vielfältigen Ablenkungsmöglichkeiten.
  • Überlastung von Alleinerziehenden: Für Alleinerziehende ist Homeoffice eine Überlastung, denn wenn Kitas und Schulen geschlossen sind, sollen sie gleichzeitig von zu Hause aus Büroarbeiten erledigen und gleichzeitig sich noch um die Kinder kümmern. Entweder leidet die Arbeit oder die Kinder werden vernachlässigt, beides ist einfach de facto nicht unter einen Hut zu bringen. Das haben diejenigen schmerzlich erleben müssen, die nicht „systemrelevante“ Berufe ausübten und deshalb keinen Anspruch hatten auf eine Notbetreuung ihrer Jüngsten in einer Kita.
  • Arbeitsplatz nicht unbedingt ein häufiger Infektionsherd: Selbst das RKI postuliert, dass die Infektionsgefahr im privaten Umfeld am höchsten ist, d. h. im eigenen Haushalt, bei Freizeitaktivitäten und zuletzt am Arbeitsplatz (weiterlesen). Also hat das Argument, dass Homeoffice wegen der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus besser ist, keine Berechtigung. Am Arbeitsplatz könnten auch Hygiene-Vorschriften (Abstand, Hände waschen, medizinische Maske) viel leichter und effizienter durch entsprechende Anordnungen des Arbeitgebers eingesetzt und auch umgesetzt werden. Zu Hause sind die Menschen eher nachlässig mit solchen Vorschriften.
  • Faktische Unmöglichkeit: Es gibt Wirtschaftszweige, in denen ein direkter Kundenkontakt notwendig ist: Kein Zahnarzt kann den Zahn eines Patienten virtuell behandeln, kein alter Mensch in einem Pflegeheim wird durch eine Bildschirmarbeit gepflegt, kein Wasserrohrbruch kann am PC zu Hause repariert werden. Auch in dem produzierenden Gewerbe ist ein Homeoffice schlichtweg unsinnig, denn es müssen tatsächlich Menschen Produkte herstellen, sei es am Fließband oder an der Werkbank. Selbst in den beratenden Berufen ist ein direkter Kontakt der beste Weg der Kommunikation. Die Befürworter des Homeoffice übersehen, dass Kommunikation nicht nur ein rein technischer Vorgang ist, bei dem nur Informationen ausgetauscht werden. Wenn Menschen sich in einem Raum treffen, entsteht auch eine emotionale Atmosphäre, die man nicht sehen, aber spüren kann und die auch für den Erfolg einer beratenden Tätigkeit maßgeblich ist.
  • Über die Köpfe der Menschen hinweg: Das Propagieren des Homeoffice wird mal wieder von denjenigen empfohlen, die selbst nicht davon betroffen sind: Funktionäre in irgendwelchen Elfenbeintürmen von Ministerien, Verbänden oder Parteien, die sich weitgehend aus der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die alltäglich versuchen müssen, alle Aufgaben des täglichen Lebens unter einen Hut zu bringen, verabschiedet haben. Nur jeder Vierte glaubt, dass sich das Arbeiten von zu Hause aus positiv auf sein Arbeitsleben auswirkt (weiterlesen). So werden solche Projekte wie Homeoffice vorangetrieben, ohne die selbst davon Betroffenen zu fragen. Die hinter diesen Vorhaben stehende „Funktionärskaste“ („Spitzenpersonal“ in Verwaltungen, Parteien und Verbänden) hat sich schon längst so weit abgeschottet, dass sie sich nicht mehr in die Lage der „kleinen Leute“ hineinversetzen können und entscheiden dann "über deren Köpfe hinweg“.
  • Eingleisige Argumentation: Alles wird diktiert auf einer eingleisigen Argumentationsschiene, an deren Anfang immer die Bekämpfung des Corona-Virus steht und dem alle folgenden Gedankenschritte folgen müssen: Menschen sollen von zu Hause aus ihre Arbeit verrichten, sollen auch dort, wenn sie noch Schüler sind, für die Schule lernen, dort an Videokonferenzen teilnehmen, oder sich im „virtuellen Raum“ zu Freizeitvergnügungen treffen. Dieses „Corona-Diktat“ wird fast klaglos hingenommen und nicht mehr hinterfragt. Auf diese Weise verarmt unsere Welt, wird diesem „Corona-Diktat“ alles geopfert, was uns einmal wertvoll erschien, als wir noch die Möglichkeit hatten, auf verschiedenen Kommunikations-Feldern miteinander zu interagieren.

Mit dem Homeoffice werden also keine Probleme gelöst, sondern nur neue Probleme geschaffen. Es verbessert nicht unsere Arbeitskultur, sondern macht sie nur noch ärmer. Sie reduziert Menschen zu reinen Robotern, die mechanisch irgendwelche Arbeitsaufträge abarbeiten sollen. Willkommen in der Matrix.

© beim Verfasser

 

 

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