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Es gibt kaum ein Wort, das in letzter Zeit so oft gebraucht wird wie das Wort „digital“. Es steht für eine neue Entwicklung in der Kommunikation, die sich immer mehr von ihrer ursprünglichen Form entfernt, nämlich der direkten Ansprache von Menschen in einer realen Umgebung. Was steckt hinter dieser Technologie und vor allem: wird sie uns gerecht? Hierbei muss ich zugeben, dass es eine sehr eigene, nicht wissenschaftliche Analyse sein soll, die ich unternehmen will.

  • Die Entfremdung: Die so genannte Corona-Krise sehe ich als einen Katalysator an, der einen Trend beschleunigt hat, der schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die wachsende Entfremdung. Wir sind auf dem Weg in eine individualistische Welt, die sich diametral von der unterscheidet, wie sie früher geherrscht hat, als die Menschen noch in Gemeinschaften lebten, die noch übersichtlich waren: Familien, Großfamilien, Dorfgemeinschaften bis hin zu Freundeskreisen. In diesen sozialen Beziehungen waren die Menschen – wie man heute sagen würde – vernetzt, waren auf einander angewiesen und konnten auch noch auf einander vertrauen. Ein mir bekannter, inzwischen über 90 Jahre alter Mann erzählte mir, dass früher eine Frau ein Haus verlassen konnte, ohne es abschließen zu müssen. Als Zeichen ihrer Abwesenheit stellte sie einfach einen Besen in die Türe und jeder respektierte, dass eben keiner Zuhause war und niemand kam auf die Idee, dieses Haus einfach zu betreten. Man stelle sich diese Praxis heute vor: Es wäre sozusagen eine Einladung für Diebe, dieses Haus ohne große Mühe auszuräumen. Dies zeigt, dass ein Misstrauen entstanden ist, dass es so früher nicht gab, was leider seine Berechtigung hat. Es zeigt, dass wir uns voneinander entfernt haben und sozusagen Fremde geworden sind.
  • Kommunikation vertechnisiert: Haben wir es verlernt, miteinander zu reden, direkt, ohne dabei irgendein technisches Mittel zu benutzen? Das begann, als man mit dem Handy einfach unterwegs nicht nur mit jemand sprechen konnte, sondern anfing, Nachrichten, so genannte SMS, zu schicken. Plötzlich brauchte man sich gar nicht mehr miteinander richtig zu unterhalten, sondern man konnte einfach nur Nachrichten schicken. Damit endete nicht die Entwicklung, sondern sie setzte sich mit Smartphone-Geräten fort, die es jetzt sogar ermöglichten, Bilder zu schicken und die geschriebenen Texten auch noch mit „Emojis“ zu versehen, um dem geschriebenen Wort irgend eine „Emotion“ unterzulegen. Dabei kam es gar nicht darauf an, ob man tatsächlich diese Gefühle wirklich hatte, sie mussten eben nur zu den Worten irgendwie passen. Ob man also wirklich Wut, Freude oder Trauer empfand, spielte also dabei keine Rolle, sondern dass der andere, der die Nachricht empfängt, glaubte, dass man dieses Gefühl hat. Die Computerwelt erschuf auch noch die Möglichkeit der Kommunikation, an „Videokonferenzen“ oder andere Formen des Austausches in einer Gruppe, ohne dass die Menschen real miteinander in einem Raum zusammenkommen, teilzunehmen, man befand sich in einem „virtuellen Raum“ beieinander ohne körperlich anwesend sein zu müssen. Die Frage ist die: Steuert die Weiterentwicklung der Technik unsere Art der Kommunikation oder ist es umgekehrt? Wollen wir diese Art der Kommunikation wirklich mit dieser Art der Technik vorantreiben oder werden wir von dieser Technik dort hin getrieben?
  • Schulen digitalisiert: Die Corona-Krise hat das „Distanzlernen“ modern gemacht. Schüler sitzen also nicht mehr real in einem Raum beieinander, sondern sind nur noch „digital“ miteinander verbunden. Auch hier gibt es den künstlichen Raum einer „virtuellen Welt“, die es in der Realität so eigentlich nicht gibt. Entweder erhalten die Schüler die Möglichkeit, an gemeinsamen „virtuellen Klassentreffen“ teilzunehmen oder sie erhalten Anweisungen, Unterrichtsstoff „digital“ übermittelt, bearbeiten diese Aufgaben dann zu Hause am eigenen Computer und schicken sie genauso wieder an den Lehrer zurück. Schüler und Lehrer sind also nicht mehr real in einem konkreten Klassenraum miteinander verbunden, in dem sie durch reden, zuhören, aber auch durch reale Aktionen (an die Tafel gehen, sich im Klassenraum hin- und her bewegen) in Interaktion treten, sondern nur noch in einem künstlichen Raum miteinander verbunden. Schüler werden durch diese Art der Digitalisierung zu „Lernautomaten“ degradiert, die bestimmte Aktionen ausführen sollen, um den Lernstoff zu verarbeiten.
  • Berufswelt digitalisiert: Die Politiker schwärmen immer von der Digitalisierung aller Bereiche des Lebens. Man will, dass man z. B. nicht mehr selbst zum Einwohnermeldeamt geht, um dort seine An- oder Ummeldung vorzunehmen. Man soll einfach nur noch auf die Homepage der Verwaltung gehen, um dann von zu Hause aus „auf Knopfdruck“ alles erledigen zu können, so dass niemand mehr zu einer staatlichen Behörde gehen muss. Die Mitarbeiter sitzen dann auch nicht mehr konkret selbst in dem Gebäude einer Behörde, sondern erledigen ihre Arbeit im „Homeoffice“. Für was brauchen wir dann noch Diensträume? Alles soll, was durch die Corona-Krise noch verstärkt wird, nur noch „auf Distanz“ abgewickelt werden. Es gibt sie noch, die personalintensiven Bereiche des beruflichen Lebens, wie z. B. in der Altenpflege oder im medizinischen Bereich die Krankenpflege, aber auch dort wird die „Digitalisierung“ nicht Halt machen: Pflegeroboter werden vielleicht die Routinearbeiten wie das Drehen eines Patienten übernehmen und die Bewohner nach ihrem Befinden befragen. Schon jetzt gibt es kleine Roboter, die wie lebende Tiere aussehen, sich auch so bewegen und z. B. bei Menschen eingesetzt werden, die an einer Demenz leiden. Wo bleibt da die Menschenwürde?
  • Emotionale und soziale Verarmung: Diese „digitale Welt“ strahlt eine gewissen Kälte aus. Menschen werden voneinander isoliert, treten nicht mehr wirklich miteinander in Beziehung, die das Leben irgendwie lebenswert macht: Keine unmittelbaren Umarmungen, also keine Berührungen, keine direkten Aktionen sind zu sehen, und auch keine sichtbaren und vor allem fühlbare Emotionen wie Freude und Mitgefühl, aber auch auf negative Stimmungen basierende Ausdrücke des Ärgers und der Wut. Schüler schießen sich z. B. keine Papierkügelchen mit „verbotenen Nachrichten“ zu, den Lehrern werden keine „Schülerstreiche“ mehr gespielt, sondern alles geschieht nur noch in einem scheinbar gut funktionierenden virtuellen Raum, der steril und sauber ist, aber in dem das fehlt, was uns Menschen ausmacht: Mitmenschlichkeit. So verarmt die Welt immer mehr, sie wird nur noch als ein Raum gesehen, in dem jeder leidliglich gut funktionieren muss wie ein Rädchen in einem perfekt laufenden Motor. Wer in diesem Getriebe nicht gut funktioniert, wird von einem anderen Rädchen sehr schnell ersetzt und aussortiert. Diese schöne digitale Welt spiegelt anscheinend eine Art „Seelenlosigkeit“ wider, die ich so empfinde, weil der Mensch eigentlich gar nicht mehr wirklich gebraucht wird. Früher bedienten uns noch die „Bankbeamten“ – bei der Sparkasse gab es sie wirklich einmal – und sprachen mit ihren Kunden, halfen ihnen Überweisungsformulare auszufüllen, gaben Ausgabeanweisungen heraus, mit denen man tatsächlich bei einem wirklichen Menschen („Kassierer“) noch sein Geld vorgezählt und überreicht bekam. Heute schiebt man nur noch seine Bankkarte in den Automaten und tippt seine Geheimnummer ein. Welch eine durch die „moderne Technik“ erreichte Verarmung, in der der „reale Mensch“ nicht mehr gebraucht wird. So schreitet die Digitalisierung weiter fort: Bald wird es auch die Kassiererin an der Kasse nicht mehr geben, mit der vielleicht noch ein paar Worte gewechselt werden könnte, sondern alles nur noch „eingescannt“, was man auch noch selbst tun soll. Irgendwo in dem Laden wird man vielleicht noch einen einsamen Mitarbeiter des Supermarktes sehen, der irgendwelche Waren einsortiert.
  • Verlust der Unmittelbarkeit: Der digitalisierte Mensch erscheint nur noch ein einsames, nach Unmittelbarkeit sich sehendes Wesen zu werden, das, um sich selbst und andere zu spüren, in eine ebenso nicht reale „virtuelle Welt“ flüchtet, die erfolgreich via Internet produziert wird. Hier begegnen sich noch Menschen in den sozialen Netzwerken und „Chatrooms“ und simulieren diese scheinbare Unmittelbarkeit, die aber nicht real ist. Wenn der Computer ausgeschaltet ist, ist der Einzelne doch wieder allein. Verlieren wir dadurch vielleicht die Fähigkeit, diese Unmittelbarkeit des Miteinandersein auszuhalten? Diese Unmittelbarkeit erfordert zugegebenermaßen auch viel Geduld und Nachsicht miteinander, denn wir sind eben nicht nur in unserer Grundausstattung gleich, sondern in unserem Wesen doch auch sehr verschieden. Aber wir brauchen diese Nähe der Mitmenschen, weil sie uns lehrt, dass wir nicht nur personale, sondern auch soziale Wesen sind. Wir sind aufeinander bezogene Wesen, die für ihr seelisches Gleichgewicht diese Unmittelbarkeit brauchen. Säuglinge verkümmern, wenn sie nicht die Unmittelbarkeit einer mütterlichen Nähe spüren und das wortwörtlich. Werden sie Alleingelassen in sterilen Brutkästen, können sie nicht überleben, sie brauchen den unmittelbaren Hautkontakt der Mutter. Wir sind von unserer Grundausstattung auf die Unmittelbarkeit hin konzipiert, wir brauchen sie für unser seelisches Überleben.

Wir werden die Digitalisierung nicht aufhalten können, aber wir müssen sie in unsere Dienste stellen. Nicht wir sind die Diener dieser Technisierung, sondern die Technik hat unseren Bedürfnissen zu dienen.

© beim Verfasser

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