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Nun haben die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten in ihrem „Corona-Krisen-Management-Zirkel“ am 03.03.2021wieder neue Regelungen entworfen. Sind diese nun geeignet, eine Kehrtwende einzuläuten?

  • Frage an Radio Eriwan: Die Älteren kennen noch die Witze aus der Zeit des kalten Krieges, in denen in der UdSSR Fragen an den fiktiven Sender „Radio Eriwan“ gestellt wurden, die i. d. R. mit dem Satz beantwortet wurden: „Im Prinzip ja, aber…“. Hier ein Beispiel: „Stimmt es, dass der Kapitalismus am Abgrund steht?– Im Prinzip ja, aber wir sind bereits einen Schritt weiter.“ (weiterlesen). Analog könnte man jetzt Radio Eriwan fragen: Wird der Lockdown in der Corona-Krise beendet? Im Prinzip ja, aber das hängt davon ab, dass das Virus sein Einverständnis gibt und sich an den Stufenplan hält.“ Das Wort „Stufenplan“ scheint das Zauberwort zu sein, mit dem die wartenden Journalisten und das neugierige Publikum bei der Verkündung am späten Mittwochabend begeistert werden sollten. In routinierter Weise spulte Angela Merkel ihr Programm zur Verkündung des Ergebnisses der Beratungen ab und erläuterte in ihrer bekannten, sehr verschwurbelten Art die Regelungen: „Wir haben uns dann sehr intensiv, wie man sich vorstellen kann, mit den nächsten Öffnungsschritten befasst und hier fünf weitere oder fünf Schritte vereinbart. Da ist der erste ja seit dem 1. März bereits, dass Schulen und auch schon etwas vorher vor dem 1. März und Friseure und gewisse regionale Öffnungen seit Anfang März zur Verfügung stehen oder schon in Kraft getreten sind. Der zweite Öffnungsschritt ist dann jetzt ab dem 8. März. Und hier haben wir jeweils bei jedem Öffnungsschritt das gleiche Muster angewandt, ob erster, zweiter, dritter, vierter oder fünfter Öffnungsschritt, ab dem zweiten Öffnungsschritt das gleiche Muster, nämlich dass wir sagen, wir brauchen eine stabile oder sinkende Tendenz. Und einsetzen tun die Öffnungsschritte entweder bei Inzidenzen unter 50 – dann gibt es erleichterte Bedingungen; ich sage gleich was dazu – oder bei Inzidenzen über 50. Dann sind restriktivere Maßnahmen in den verschiedenen Strängen, die ich schon oft genannt habe – von Kontaktbeschränkungen, von Schulmöglichkeiten, von Fragen der Kultur, des Handels, der Gastronomie und Ähnliches –, werden zu bestimmten Paketen geschnürt. Ein nächster Öffnungsschritt kann immer dann erfolgen, wenn eine stabile oder sinkende Tendenz nach 14 Tagen des vorherigen Öffnungsschrittes da ist. Das heißt, ich mache Öffnungsschritt 2 und sehe dann nach 14 Tagen, was hat meine Inzidenz erbracht. Ist sie stabil, oder sinkt sie sogar? Dann kann ich den nächsten Öffnungsschritt gehen. Und wenn auf dem Weg zwischen einem Öffnungsschritt und dem nächsten die Inzidenz von 100, also die Verdoppelung von 50 passiert, dann muss ich, wenn das drei aufeinanderfolgende Tage so ist, an dem zweiten darauffolgenden Tag wieder den Schritt zurückgehen zum Ausgangspunkt, wie es vor dem 8. März war. Das heißt, wir bauen eine Notbremse ein, wenn wir in ein exponentielles Wachstum geraten. Deshalb die 100, die Verdopplung der 50. Dann muss sozusagen wieder zurückgegangen werden zu der Situation vor dem 8. März.“ (weiterlesen). Da half es auch nicht mehr, dass Michael Müller als Regierender Bürgermeister von Berlin ein DIN A4 Blatt zeigte, auf dem die Details des Stufenplanes verdeutlicht wurden. Wer davon begeistert sein kann, der muss ein Bürokrat sein, denn nur Bürokraten können sich einen solchen Plan ausdenken, bei dem immer ein Schritt vor und auch wieder zwei zurückgegangen werden können soll, mit dezidierten Einzelheiten, wann diese Schritte zu gehen sind. Dies alles auch noch unter Berücksichtigung von Inzidenzwerten von unter 50 oder unter 100 (Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner in einer Woche), Abstandsregelungen, gemessen an Quadratmeterzahlen pro Kunde (1 Kunde pro 10 qm, 20 qm oder 40 qm Ladenfläche) und Messergebnissen von so genannten Schnelltests (die es vielleicht gar nicht gibt). Zu beneiden werden nicht die Beamten sein, die diese Beschlüsse in die Coronaschutzverordnungen einarbeiten müssen.

Grafik: (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-beschluesse-das-ist-der-stufenplan-fuer-oeffnungsschritte-a-6d55139e-b2da-4782-8af9-3922ac0cce90?xing_share=news).

  • Alles oder Nichts: Der Berufspessimist Karl Lauterbach brachte es wieder mal auf den Punkt: „Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass mit diesem Beschluss die 3. Welle langsam anläuft. Es kann sogar sein, dass das Terminshopping und Außengastro kurz anläuft. Aber spätestens Anfang April liegt die Inzidenz über 100 und das Intermezzo ist beendet.“ (weiterlesen). Bei diesem Chaos kann man sich vielleicht wirklich nur wünschen, dass der Spuk irgendwie zu Ende gehen möge – so oder so! Wie könnte auch eine Regierung, die in der gesamten Zeit meinte, man könne das Corona-Virus mit bürokratischen Regeln zum Lockdown in Schach halten, nun plötzlich umschwenken und erklären: Wir machen alles wieder auf! Einfach so! Es hätte doch völlig gereicht zu verordnen, dass man innerhalb von Räumen medizinische Masken tragen muss! Aber das wäre wohl zu einfach. So hatten sie sich wieder auf einen kaum durchschaubaren Wust unklarer Regeln mit Ausnahmen für die einen (ab 08.03.2021 dürfen Blumenläden, Buchhandlungen, Gartenmärkte und Einzelhandel wieder öffnen), aber mit merkwürdigen Distanzregeln ( 10 qm bzw. 20 qm Verkaufsfläche pro Kunde unter einem Inzidenzwert unter 50, aber 40 qm, wenn die Inzidenz über 50 liegt, aber nur als „Terminshopping“) und unrealistischen „Vergünstigen“ für Außengastronomen ( sie dürfen wieder öffnen, aber nur bei einer Inzidenz unter 50, wenn darüber dann noch vorher „Schnelltest“ mit negativen Ergebnis) verständigt. Wer will denn schon noch „Terminshopping“ machen, bei Außentemperaturen von vielleicht 10 Grad an einen Tisch vor einem Restaurant sitzen? Wer hat da noch einen Durchblick und wie praxistauglich ist das denn? Die Geschäftsinhaber müssen jetzt wohl immer mit dem Zollstock die Quadratmeterzahlen ausrechnen, wenn Kunden den Laden betreten oder die Flächen vielleicht noch farblich markieren (aber bitte nicht über den Strich treten, das wäre dann eine Ordnungswidrigkeit!). Da könnte man sich wirklich nur wünschen: Alles auf oder alles zu! Aber diesen Hickhack hält doch keiner im Kopf aus!

Aber eines ist sicher: Es kommt der April und dann wird alles besser, vielleicht sogar schon ab 01. April, denn dann dürfen alle wieder öffnen, egal wer, ohne wirkliche Beschränkungen, einfach so. Aber leider dürfte dies nur ein Aprilscherz sein.

© beim Verfasser

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