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Wer hat es nicht schon einmal erlebt: Man hat eine gute Idee und erzählt sie jemand oder bringt sie in einer Gruppe ein. Entweder man gerät in einer Gruppe an einen Typus Mensch, der prinzipiell dafür ist oder derjenige, den man seine Idee unterbreitet, zeigt sich zunächst begeistert. Aber dann kommt die Wende in das Schreckliche: Ja, wird einem entgegnet, das sei ja alles ganz schön und gut, aber…; dann folgen eine Reihe von Bedenken, die die schöne Idee kaputt machen. Ich nenne sie die Ja-aber-Typen, die uns manchmal das Leben schwer machen.

  • Bedenken: Die Bedenken werden immer sehr breit und ausführlich dargelegt und dann so weit erläutert, dass die gute Idee, die man hatte, dagegen ziemlich erbärmlich aussieht. Bedenken-Träger werden sie auch genannt, diese Alleswisser, denn sie wissen immer etwas, was gegen die neue Idee sprechen könnte. Dabei kommen sie meistens sehr gescheit daher und wissen auch über allesmögliche Bescheid, angefangen von den rechtlichen Hindernissen bis hin zu dem dann gewaltigsten Totschlagargument: das Geld. Anstatt zu versuchen, die gute Idee, von der man selbst überzeugt ist, zunächst einmal rein objektiv und neutral zu beleuchten oder sogar zu versuchen zu überlegen, was man an ihr noch verbessern könnte, schmeißen sie vor den fahrenden Zug der guten Idee erst einmal ein paar Hindernisse auf die Schienen. „Ja“, sagen sie dann, „hast du denn schon einmal bedacht, welche Folgen das haben könnte?“ „Und wie sieht es mit der Finanzierung aus?“ Die gute Idee, die man entwickelt hat, wird so gleich, bevor sie nur die ersten Blüten entfalten konnte, mit einen paar Pflöcken, die vor diese Idee in die Erde gerammt werden, verdeckt. Die zarte Pflanze der guten Idee bekommt also erst einmal die Grenze ihres Wachstums aufgezeigt. „Ja, das kann doch gar nicht funktionieren, schließlich müsste doch jeder wissen, dass…“, wird dann vom Bedenkenträger fleißig referiert.
  • Bürokrat: Der Ja-Aber-Typ ist eine Art Bürokrat. Alles muss nach seiner Lebensphilosophie irgendwie in bestimmte Schubladen passen. Dass etwas irgendwie nicht von vornherein irgendwo eingeordnet wird, frei im Raum schwebt, als etwas völlig Ungeordnetes, nicht Kategorisiertes sich erst einmal entwickelt können sollte, gibt es nicht. Eine Idee, die spektakulär erscheint, ja völlig utopisch, macht ihm anscheinend Angst, löst eine gewissen Panik aus: „Ja, wo kämen wir da hin, wenn etwas einfach so frei im Raum steht, nicht zugeordnet, einfach als eine gute Idee, die sich erst noch entwickeln soll.“ Nein es müssen erst einmal ein paar Regeln überlegt werden, mit der man diese neue Idee kategorisieren und beurteilen kann. Hauptsache, die Idee kann erst einmal in eine saubere Schublade oder – das wäre ihm schon zu unordentlich – in einen Aktenordner abgeheftet und nummeriert werden. So, jetzt ist dann die Welt wieder in Ordnung, denn Ordnung ist das halbe Leben.
  • Finanzierungsvorbehalt: Es wurde schon als Totschlagargument erwähnt: das Geld. „Ja“, sagt der Ja-aber-Typ, „das klingt ja alles ganz toll, aber wie soll denn das finanziert werden?“ „Geld wächst doch nicht auf den Bäumen“, wird vielleicht noch flapsig hinterhergesagt, damit es nicht zu hart klingt. Der Finanzierungsvorbehalt ist wohl eines der kräftigsten Argumente des Ja-aber-Typen, denn er weiß immer auch die vielen anderen Ja-aber-Typen auf seiner Seite. „Ja, wo soll denn das ganze Geld herkommen?“, wird dem Ideengeber entgegen gebracht. Der Ideenlieferant sieht sich sofort in der Defensive, denn er hatte zunächst einmal die naive Vorstellung, dass sich dafür noch eine Lösung finden würde, es ging ihm ja erst einmal um die Entwicklung einer Idee. An die Finanzierung hat er – wenn überhaupt – als letztes gedacht. Denn Geld spielt für ihn erst einmal gar keine Rolle. Vielleicht lebt er noch in einer Märchenwelt, in der auch das Geld keine so große Rolle spielt. Er glaubt, dass eine gute Idee sich schon irgendwann durchsetzt und sich dann auch Wege finden werden, wie die Sache finanziert werden kann. Aber dem Ja-aber-Typen ist es der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schießt, bevor er sich mit der Idee des anderen befasst. „Wenn man nicht weiß, wie es finanzieren kann“, so entgegnet er dem naiven Ideengeber, „dann braucht man sich gar nicht erst mit der Idee befassen“. Rums! Da ist die Türe erst einmal zugeworfen und der arme Phantast steht mit seiner Idee alleine da.
  • Dominanz: Vielleicht rumort in dem Ja-aber-Typen noch etwas anderes: Könnte es vielleicht sein, dass der mit der guten Idee ihm vielleicht irgendwann „die Schau stehlen kann“? In ihm herrscht auch die Befürchtung vor, dass jemand ihm seinen Posten streitig machen könnte. Die Ja-aber-Typen sind leider oft auch Vorgesetzte, Gruppenführer oder andere dominante Personen, die einen gewissen Herrschaftsanspruch verkörpern; und da kommen diese Leute mit neuen Ideen ihm in die Quere. Es könnte ja sein, so befürchtet er, dass diese dann auch noch Anhänger finden, sich zusammenschließen und dann beginnen, an seinem Thron zu sägen, auf dem er sich wähnt sicher zu sitzen. Das darf nicht passieren, deshalb muss dem Ideengeber gleich von vornherein das Wasser abgegraben werden. Bedenken müssen selbstverständlich von diesem nach Dominanz strebenden Ja-aber-Typen aber immer so geschickt verkleidet werden, dass sie möglichst neutral und objektiv erscheinen, damit niemand merkt, dass er damit eigentlich sich selbst eine vielleicht unliebsame Konkurrenz vom Halse halten will.
  • Geistige Armut: Er wird es sicher weder vor anderen noch vor sich selbst zugeben: Selbst hat er kaum oder gar keine Ideen. Er ist eher der Verwalter von Ideen anderer oder er kopiert sie einfach und gibt sie als eigene aus. Seine Phantasielosigkeit spricht Bände, sie ist sein Programm: Immer so weiter, nur nichts ändern, denn es ist ja auch so immer gegangen. Ihm fallen leider auch tatsächlich keine guten Ideen ein, das weiß er insgeheim, deshalb muss er, um sein seelisches Gleichgewicht zu halten, dominant auftreten und diejenigen niedermachen, die neue Ideen haben. Die geistige Armut übertüncht er mit Rechthaberei, dominantes Auftreten um jeden Preis, um ja keine Schwäche zeigen zu müssen.
  • Politik: Findet man die Ja-aber-Typen in der Politik sehr häufig? Vielleicht ist es leider so, denn dort trifft man sie deshalb nicht selten, weil die Phantasievollen bessere Betätigungsfelder suchen. Sie werden Künstler, schreiben Gedichte, komponieren Musikwerke oder werden wirklich noch nach der Wahrheit suchende Wissenschaftler. Stundenlang sich Reden seiner Parteikollegen anhören, immer wieder dieselben Rituale im politischen Geschäft mitmachen, Gesetzeswerke durchlesen, Paragraph für Paragraph, mit denen die Wirklichkeit eben in die Kategorien gepresst werden soll, die er innerlich so verabscheut, ist nicht sein Ding. Die sprechblasenproduzierenden Politiker sind die perfekten Ja-aber-Typen, sie sind wie dafür geschaffen: Sie streben nach Dominanz, wollen alles in kleine Schubladen stecken und damit beherrschbar machen. Sicher gab es in der Politik auch Visionäre, Menschen mit Idealen, die versuchten, eine gute Idee in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber nicht selten scheiterten sie im politischen Alltagsgeschäft, in dem doch eher die Ja-aber-Typen zu dominieren scheinen.
  • Transzendenz: Sind die den Ja-aber-Typen gegenüberstehenden Menschen mit einer höheren Macht verbunden, lassen sich inspirieren? Das könnte sein. Zu glauben, dass wir nur selbst Ideen produzieren, dass alles gewissermaßen nur in unseren Köpfen entsteht, ist doch eine Anmaßung. Dass die Welt mehr ist als die, die wir mit unsren fünf Sinnen wahrnehmen können, ist ihnen bewusst. Sie spüren, wenn die Ideen kommen, lassen ihnen Raum, sich zu entfalten und sperren sie nicht sofort in Gefängnisse des kritischen Verstandes ein. So kann Neues entstehen und eine Brücke geschlagen werden, in eine jenseitige Ebene der Existenz, die mit unseren über die Welt der Ideen verbunden ist. Der Ja-aber-Typ steht „voll im Leben“; damit ist die materielle Wirklichkeit gemeint mit allem, was man anfassen, riechen, sehen und schmecken kann. Die Transzendenz kennt er nicht, sie existiert für ihn gar nicht. Sie ist reine Fiktion, etwas für Spinner und Esoteriker. Deshalb hält er davon nichts. Vielmehr hält er sich für einen Skeptiker. Alles, was über diese für ihn erkennbare Welt hinausgeht, ist für ihn nicht existent, weil dies alles gewissermaßen sprengen würde; sein kleines Ich, das er mit seinem Dominanzstreben aufgeblasen hat, ist für die Welt der Ideen zu winzig. Das „Über-sich-hinaus-gehen“ als ein kreativer Prozess ist für ihn undenkbar. Er bleibt lieber in seiner kleinen, armseligen, von Regeln, Sachzwängen und Finanzierungsvorbehalten beherrschten Welt, in der er sich zu Hause fühlt.

Die Ja-aber-Typen begegnen uns tagtäglich. Wollen wir ihnen wirklich die Welt überlassen, damit sie noch erbärmlicher und kleiner wird?

© beim Verfasser

                                                     

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