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Wer hat es nicht schon einmal erlebt, dass er ein Gerät gekauft hat, das eigentlich ganz gut funktioniert, bis auf eine Kleinigkeit, dass vielleicht ein Stecker lose sitzt, der An- und Ausschalter einen Wackelkontakt hat oder Ähnliches. Alles geht, aber dieses Detail bringt das alles zum Erliegen, weil dadurch das Gerät nicht in Gang gebracht werden kann. Der Teufel sitzt im Detail ist eine Beschreibung für ein Phänomen, das jeder aus dem Alltag kennt, entweder funktioniert etwas nicht – wegen einer Kleinigkeit – oder ein großartiger Entwurf für eine gesellschaftliche Reform funktioniert nicht, weil auch hier wieder, wenn man versucht, die Sache in ein Gesetzeswerk zu gießen, die Details die Sache zum Scheitern bringen. Es gibt aber auch eine Detailgenauigkeit und Detailverliebtheit, die in moralischer Hinsicht uns Probleme macht. Welche sind das? Oder sollten wir es mit der Moral nicht so genau nehmen und in Kleinigkeiten etwas großzügiger sein?

  • Moral - auch im Kleinen: Die meisten halten Moral etwas für die großartigen Modelle, mit deren Hilfe man menschliches Verhalten so steuern kann, dass der Schaden für andere stets auf ein Minimum begrenzt wird. Dabei glauben die meisten, dass es darauf ankäme, immer global zu steuern, in dem man in groß angelegten Kampagnen moralische Grundsätze zu vertreten versucht bis hin zu den berühmten „Sonntagsreden“, in denen mit einem gewissen Pathos die hohe Moral von Menschen eingefordert wird. Wenn man Moral als etwas Grundsätzliches ansieht, dann gilt sie sowohl auf der großen Bühne des Weltgeschehens als auch im Kleinen, wenn es z. B. um die Steuerklärung geht, bei der man versucht sein könnte, etwas zu schummeln, um Steuern zu sparen oder bei Anträgen, um bestimmte Geldleistungen zu erhalten. Moral zeigt sich oft dort, wo Menschen gerade in den Kleinigkeiten des Alltaglebens diese anwenden sollten, auch wenn es keiner sieht oder bemerkt, wenn es vielleicht nur kleine Geldbeträge sind, die man versucht zu ergattern. Es ist eine Frage des Prinzips: Will ich moralisch einwandfrei handeln oder nicht? Dann gilt der Anspruch auch im Alltag in den scheinbaren Nebensächlichkeiten des Lebens. Der Teufel sitzt insofern im Detail, weil viele Menschen glauben, dass man in den Kleinigkeiten großzügig sein könnte. Denn genau genommen sind es immer die Kleinigkeiten, die es am Anfang leicht machen, etwa einen moralischen Grundsatz, du sollst nicht stehlen, zu übertreten. Man tröstet sich mit den Gedanken, dass es ja nicht schlimm wäre, eine Kleinigkeit zu stehlen, weil es ja nicht auffiele oder weil der Schaden ja nicht so groß sei. Das ist aber ein prinzipieller Fehler: Verbrecherkarrieren beginnen immer mit Kleinigkeiten, denn zuerst sind es die kleinen „Mutproben“, wie z. B. in einem Kaufhaus ein kleines Teil mitgehen zu lassen, ohne dass es jemand merkt. Und nach dem Modell des „Lernens am Erfolg“ werden dann mit der Zeit die Dinge immer größer, die man mitgehen lässt – bis man erwischt wird.
  • Die Macht der Bürokraten: In der jetzigen Zeit fällt es besonders auf, dass diejenigen dominieren, die mit hoher Akribie an detailgenauen Regelungen von Vorschriften für die Bewältigung der so genannten Corona-Pandemie arbeiten. Die Gesetzes- und Vorschriftenflut ist kaum noch zu übersehen, die durch die Regelungswut von Bürokraten entstanden ist. Gesteuert wird diese Flut von Menschen, die einmal die Anweisungen hierfür geben (Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten) und den Beamten, die in den Büros von Ministerien sitzen und nichts anderes zu tun haben, als nach den Vorgaben der Politiker sich neue Vorschriften auszudenken, diese wieder zu ändern – aber selten einfach zu streichen. Wer schon einmal selbst etwas entworfen hat, wird feststellen, dass sich eine Art Verliebtheit in das eigene Werk bis ins kleinste Detail entwickelt. Wie kann ein solches Werk dann einfach in den Papierkorb wandern? Das geht doch gar nicht. Also wird z. B. ein Ministerialbeamter, der stunden- oder tagelang an einzelnen Paragraphen für eine Coronaschutzverordnung arbeitet, diese wie ein eigenes Kunstwerk ansehen, dass es zu schützen gilt. Selbst wenn es sich herausstellte, dass die Vorschriften unsinnig, unlogisch, ungerecht und kontraproduktiv sind, wird er sie verteidigen. Wie ein Künstler, der eine Statue gemeißelt oder auf eine andere Weise hergestellt hat, und statt die ganze Statue einfach zu zerschlagen, lieber dann da und dort noch einmal nachmodelliert, wird auch ein Bürokrat nicht einfach eine solche Coronaschutzverordnung als unsinnig in Gänze verwerfen, sondern lieber noch einmal an verschiedenen Stellen kleine Veränderungen durchführen, nur um sie zu erhalten. Die Macht dieser Bürokraten ist auch verführerisch für sie, weil sie nicht nur einen gewissen Stolz entwickeln, ein Gesetzeswerk geschaffen zu haben, sondern weil sie sich vorkommen wie Puppenspieler, die nun an den Fäden ziehen können, um die Puppen nach ihrem Willen agieren zu lassen. Geschützt in den Bunkern der Machtapparate, abgesichert durch ein Beamtenverhältnis, sind sie mit den Folgen ihres Handelns nicht direkt konfrontiert. Wenn durch den einfachen Satz, dass der Betrieb von Schwimm- und Spaßbädern untersagt ist (§ 10 Abs. 1 CoronaSchVO weiterlesen), die Kassiererin in einem Schwimmbad nun in Kurzarbeit gehen muss oder vielleicht sogar arbeitslos wird, dann erleben die Bürokraten dies nicht unmittelbar. Ein kleiner Satz, geschrieben in einer Coronaschutzverordnung, kann aber Lebenspläne und tatsächlich Leben zerstören, ohne dass der Urheber davon etwas merkt.
  • Banalität des Bösen: Bürokraten machen sich also keine Gedanken über die Folgen ihres Handelns. Das hat auch die Autorin Hannah Arendt festgestellt, als sie 1963 das Buch „Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ herausbrachte (weiterlesen   ). Sie hatte in diesem Buch die Geschehnisse des Gerichtsprozesses in Jerusalem im Jahr 1961 gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, den sie mit verfolgt hat, zum Anlass genommen, die Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten (weiiterlesen). Sie beschreibt, dass die „Banalität des Bösen“ aus einer besonderen Form der „Gedankenlosigkeit“ entsteht (Stefan Busse: Dem Bösen auf den Grund gehen ab 25. Min. ansehen ). In totalitären Systemen entsteht so etwas wie ein „strukturelles Böses“, das bewirkt, dass der einzelne nicht merkt, dass er etwas Böses tut, weil er sich darüber gar keine Gedanken macht. Solange er sich in Übereinstimmung mit dem „strukturellen Bösen“ handelnd sieht, empfindet er nicht, dass das, was er tut, etwas Böses sein könnte. Statt sich Gedanken zu machen, ob das, was er tut, moralisch richtig ist, handelt er konform gehend mit dem Machtapparat, der diesen autoritären Staat stützt. Hierbei glaubt der Täter fatalerweise, dass es für sein Handeln – eben die gedankenlose Befolgung von Anweisungen und Befehlen – keine Alternative gibt. Die Gedankenlosigkeit bedarf keiner Begründung. Sie geschieht einfach in Übereinstimmung mit dem System. Sollte ein solche „Schreibtischtäter“ später einmal tatsächlich zur Verantwortung gezogen werden, wird es sich darauf berufen, auf Anweisung und aus Pflicht gehandelt zu haben und vielleicht sogar vorgeben, damit etwas Schlimmeres – in der heutigen Corona-Zeit die Verbreitung des Virus – verhindert zu haben, so dass er glaubt, dann ohne Schuld zu sein (entlehnt nach Stefan Busse: Dem Bösen auf den Grund gehen, Min. 27). Einher mit dieser Gedankenlosigkeit geht eine „Fraktionierung der Verantwortung“, d. h. dass in den undurchsichtigen Bürokratien die Verantwortlichen kaum auszumachen sind, weil jeder nur einen Teil der Verantwortung trägt, somit also nur schwer „dingfest“ zu machen sind.
  • Blick in die Zukunft: Werden die Historiker die Zeit von 2020 bis zum hoffentlich baldigen Ende der unsäglichen Corona-Krise ähnlich beschreiben, wie dies Hannah Arendt mit der Nazi-Vergangenheit getan hat? Die gegenwärtige „Teufelei“, die da im Gange ist, könnte eine Art Wiederholung der Geschichte der Deutschen während des Dritten Reiches sein. Vielleicht werden die Historiker dann Parallelen ziehen und fragen: Warum haben die Deutschen dies mit sich machen lassen? Wo blieb der Widerstand der „Anständigen“, die sich nicht haben durchsetzen können? Wo blieb die Unabhängigkeit der Presse als „vierte Gewalt“? Warum hat es keiner gewagt, die amtierende Bundeskanzlerin in die Schranken zu weisen? Diejenigen, die heute als „Verschwörungstheoretiker“ sozial isoliert werden, könnten dann als „Widerstandskämpfer“ gesehen werden.

 

Der Teufel könnte vielleicht tatsächlich im Detail sitzen. Er kommt nicht mit großem Getöse an, sondern leise, fast unauffällig, wäre sicher heute ein gut aussehender Mann oder eine attraktive Frau. Er versteckt seine Pläne in den „Kleinigkeiten“, die wir nicht sofort als etwas Böses erkennen, die aber zusammengenommen zu einem monströsen Ungetüm heranwachsen können. Wir sollten wachsam bleiben.

 

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