Pin It

Die Annahme der Partei „dieBasis“, dass es so etwas wie Schwarmintelligenz gibt, die uns helfen könnte, zu besseren Lösungen zu kommen, birgt vielleicht einige Fußangeln, die bisher nicht gesehen wurden. Ich will versuchen, diesen auf die Schliche zu kommen. Wenn es eine Schwarmintelligenz gibt, könnte man denen entgegen halten, die meinen, dass ein Schwarm von Menschen klüger sei als ein einzelner Mensch, dann könnte es ja auch eine Schwarmdummheit geben.

  • Kollektives Bewusstsein in der Natur: Die Versuchung ist groß, uns die natürliche Umgebung als Vorbild zu nehmen, denn in ihr gibt es eine Schwarmintelligenz, etwa dann, wenn wir einen Schwarm Vögel beobachten, die anscheinend genau wissen, was sie tun wollen und dabei im Kollektiv auf einander abgestimmt handeln. Sie fliegen z. B. im Herbst gen Süden, um der kalten Jahreszeit in den nördlichen Breiten zu entkommen. Als Fische haben sie im Kollektiv den Vorteil, vor Fressfeinden sich besser schützen zu können, weil ein Raubfisch es schwerer hat, einen einzelnen Fisch aus diesem Schwarm herauszufinden und zu fangen. Es gilt vor allem bei Insekten, die im Schwarm leben und daraus einen Vorteil ziehen, wobei der Vorrang des Kollektivs vor dem Individuum gilt. Eine einzelne Ameise opfert ihr Leben für das Kollektiv, in dem sie, wie das bei Wanderameisen vorkommt, hilft mit ihrem Körper - im Kollektiv mit anderen - eine Art Brücke über ein Gewässer zu bauen, um der großen Zahl der anderen Ameisen den Überweg zu ermöglichen. Dabei riskiert sie den eigenen Tod durch Ertrinken. Die Königin scheint als einzige einen Überlebensvorteil zu genießen, weil sie für den Fortbestand des gesamten Stammes garantiert, während alle anderen Individuen ihr Leben aufs Spiel setzen müssen. Die Basis dessen, was man als kollektive Intelligenz bezeichnen könnte, bildet eine Art kollektives Bewusstsein, das sich in einer kollektiven Intelligenz[1] ausdrückt. Diese Art Intelligenz setzt eine Verbindung der Individuen voraus, die miteinander kommunizieren und dabei wichtige Informationen austauschen. Selbst ein Wald, der aus einzelnen Bäumen besteht, hat anscheinend eine solche kollektive Intelligenz, denn die Information über den Befall von Schädlingen auf einem Teil des Waldes wird sehr schnell an andere Bäume mitgeteilt. Sie teilen dies ihren Nachbarbäumen über ein gasförmiges Molekül, dem Äthylen, mit, das durch die Luftbewegung wegtransportiert wird. [2]Oder sie benutzen ihr Wurzelwerk, um sich auszutauschen. Gerb- und Giftstoffe, die ausgestoßen werden, sollen den Insekten „den Appetit verderben“. Gibt es sogar eine Art „mentale Kommunikation“? Denn wie sollten sonst die Bäume verstehen, um was es sich handelt; es muss also eine Art Information auf den vorhin beschriebenen Weg übertragen und verstanden werden, damit der Baum weiß, was zu tun ist. Selbst wenn z. B. die Enten auf einem Teich plötzlich wie auf Kommando wegfliegen, muss doch zuvor eine geistige Verbindung zwischen den Individuen vorhanden gewesen sein, bei der sich die Enten gemeinsam auf das Wegfliegen verständigt haben.
  • Individuelle Intelligenz: Die Schwarmintelligenz beruht auch im Pflanzen und Tierreich auf einer Art individuellen Intelligenz. Diese individuelle Intelligenz hat die Eigenschaft, dem einzelnen Lebewesen die Möglichkeit zu geben, sich von den anderen als verschieden wahrzunehmen. Und damit kann es sich auch abgrenzen von dem, was kollektiv beschlossen wurde und seinen eigenen Willen dagegen stellen. Man könnte annehmen: Je höher eine Pflanzen- oder Tierart ist, desto stärker müsste also dieses individuelle Bewusstsein ausgeprägt sein. Eine Ameise wird keine freie Entscheidungsfähigkeit haben, denn wenn sie als „Kriegerin“ geboren wurde, muss sie sich dem Kampf stellen, wenn ihr Leben als „Amme“ bestimmt ist, wird sie nicht anders können, als sich um die Brut im Stock zu kümmern. Aber eine einzelne Ente muss nicht mit den anderen Enten auffliegen, sie kann entscheiden, auf dem Teich zu verbleiben und abzuwarten. Der Mensch gilt als höchst entwickeltes Wesen (das wir kennen) mit der am größten ausgeprägten individuellen Intelligenz. Diese befähigt ihm einen noch höheren „Freiheitsgrad“ als z. B. ein Schimpanse im Urwald, der ihn sogar dazu bringen kann, sich gänzlich gegen die kollektive Intelligenz zu stellen. Je höher dieser „Freiheitsgrad“ ausgeprägt ist, desto mehr ist eine Willensbildung möglich, die sich gegen die kollektive Intelligenz richtet.
  • Dumme Masse: Man sagt allgemein, dass die Masse (Mensch) dumm sei. Auch hier kann man eine Anlehnung an die Natur machen: Wenn eine Büffelherde oder eine Herde von Gnus, vielleicht durch das Auftauchen von Fressfeinden, sich kollektiv in eine Fluchtbewegung setzt, gibt es kein Halten mehr. Die Herde rennt in eine Richtung – ohne Rücksicht auf Verluste. Alles, was sich ihr den Weg stellt, wird niedergetrampelt, aber auch eigene Artgenossen, die nicht mithalten können, wie etwa Jungtiere, kranke oder alte Tiere, kommen zu Schaden. Der Mensch, in Panik versetzt, reagiert ähnlich. Bricht eine Katastrophe aus, können sich die Einzelnen kaum der Masse entgegenstellen. Sie werden niedergerannt, erdrückt oder anderweitig verletzt und getötet. Dies kann in Stadien passieren, wenn dort eine Panik ausbricht oder aber bei einer Schiffskatastrophe. Intelligentes Verhalten wird ausgeschaltet und der nackte Überlebenswille führt dazu, dass ein rücksichtsloser Kampf ums Überleben geführt wird. Die gegenwärtige Corona-Krise mutet auch so an, als ob eine Massenhysterie ausgebrochen sei und jeder nur noch darum kämpft, sich nicht zu infizieren. Dem Überlebenstrieb werden alle sozialen Belange untergeordnet. Menschen, die z. B. keine Maske tragen – obwohl sie aufgrund eines Attestes dazu berechtigt wären – werden als potentielle gefährlich angesehen und ausgegrenzt. Menschen, die nicht meinen, dass die Corona-Pandemie nicht so gefährlich ist, wie sie dargestellt wird, wird ebenfalls als „Corona-Leugner“ geächtet. Auch intelligente Entscheidungen scheinen unter dieser Massenhysterie abzunehmen. Der Mensch als rationales Wesen wird zu einem von der Masse getriebenes Individuum, das sich anpassen soll, um der angeblichen Pandemie Herr zu werden. Reagiert da die Masse intelligenter als der Einzelne? Nicht unbedingt. Die Masse Mensch ist dann dumm, wenn sie aus nicht reflektierenden Individuen besteht, die unhinterfragt, ohne nachzudenken nur die „Befehle von oben“ befolgt. Wir kennen dies aus der eigenen Geschichte, etwa in der Diktatur unter Hitler und in Ostdeutschland unter Ulbricht und Honecker: In beiden totalitären Staatsformen war die Masse dumm, solange sie unhinterfragt den Führern gefolgt ist. Im ersten Fall führte es in die Katastrophe des 2. Weltkrieges. Im zweiten Falle gelang der Sturz des Regimes – weil einzelne gegen den Strom schwammen!  
  • Kritische Masse: Die Entwicklung in der DDR hatte gezeigt, dass es so etwas wie eine kritische Masse gibt. Das Wort „kritisch“ kann man in doppelter Hinsicht verstehen. Einmal kann damit gemeint sein, dass die Masse nicht mehr unkritisch alles als Wahrheit übernimmt, was ihr von den Herrschenden erzählt wird, diese also ihre Narrative infrage stellt. Es kann aber auch gemeint sein, dass die Masse der Menschen eine bestimmte Anzahl von Individuen überschreiten muss, damit ein Stimmungsumschwung zustande kommt. Dies war in der DDR Ende der achtziger Jahre der Fall. Es begann mit einigen Protestaktionen, die vor allem in den Kirchen stattfanden, die von der Staatsmacht noch nicht so ernst genommen wurde. Als aber die Protestaktionen über die lokalen Ereignisse hinausgingen und sich immer mehr Menschen anschlossen, wurde daraus eine kritische Masse gebildet, die zu einem globalen Stimmungsumschwung führt. In der Wirtschaft wird ein solch kritischer Massepunkt so definiert, dass bei Einführung eines Produktes dann es ab einem bestimmten Punkt zu einem „Selbstläufer“ wird, wenn die gewonnene Eigendynamik reicht, um das Produkt zu verkaufen.[3] In der Ex-DDR war dieser Punkt erreicht, als auch die Sicherheitskräfte nicht mehr gegen die Demonstranten vorgingen und die Massenmedien Bilder davon zeigten, dass Verhaftungen nicht mehr vorgenommen, sondern sogar erste Solidarisierungen stattfanden. Die „friedliche Revolution“ hatte eine Eigendynamik entfaltet, die nicht mehr zu stoppen war.
  • Individuelle Stärke: Zu allen Zeiten gab es Menschen, die in der Lage und auch Willens waren, gegen – wie man heute sagt – Mainstream anzukämpfen. Sie machten sich bei der Obrigkeit unbeliebt, wurde von ihr verfolgt und ausgegrenzt oder sogar getötet. Auch die „breite Masse“ sah diese Menschen immer schon kritisch. Das Höhlengleichnis von Platon[4] macht es bereits in der Antike deutlich: In dieser Parabel waren Menschen in einer Höhle so angekettet, dass sie nur in die Richtung einer Wand schauen konnten. Hinter ihnen wurden Figuren vorbeigeführt, die durch brennende Feuer Schatten an die Wand warfen, was sie für die einzige Wirklichkeit hielten. Platon erklärte seinem Bruder Glaukon, dass einem Mann, dem es gelänge, die Welt außerhalb der Höhle zu besichtigen, die Menschen in der Höhle nach seiner Rückkehr nicht von seinen Schilderungen überzeugen könnte und er auch von ihnen erschlagen werden würde. Der Grund sind die eigenen Glaubensüberzeugungen der „Höhlenbewohner“, die sie für die eigene Wirklichkeit hielten. Jeder stellte eine Gefahr dar, der diese infrage stellen würde. So erging es vielen „Querdenkern“, die die in der Gesellschaft allgemein akzeptierten Dogmen infrage stellten. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind offensichtlich, denn auch heute gibt es diejenigen, die die Corona-Dogmen infrage stellen. Nicht nur werden sie von Merkel und anderen Politikern angegriffen und verfolgt – und vielleicht nur noch „sozial getötet“, sondern auch von der „breiten Masse“ medial und auch real ausgegrenzt. Wenn man aber in die Geschichte der Menschheit schaut, wird man immer feststellen, dass es diese „Querdenker“ waren, die uns vorangebracht haben - und eben nicht die breite Masse, angefangen von Jesus von Nazareth, über Kopernikus und Galilei bis in die Neuzeit. Sie haben immer die festgefahrenen Überzeugungen von dem, was die Masse als richtig oder als falsch ansah, infrage gestellt.
  • Schwarmdummheit: Die Frage, ob der Menschenschwarm klüger ist als der Einzelne, kann nicht abschließend beantwortet werden. Die Masse ist aber, das kennt man schon aus der Physik, träge, sie neigt immer dazu, sich in eine Position zu begeben, die für sie ein Höchstmaß an Stabilität bringt. Aus einer Reihe von psychologischen Untersuchungen, wie z. B. die von Solomon Asch, weiß man, dass Menschen dazu neigen, sich der Mehrheit der Meinungen anzupassen. Bei einem Experiment hatte die Versuchsperson – es war immer nur eine echte Versuchsperson, die anderen waren eingeweihte Personen, die absichtlich in einem fingierten Wahrnehmungsexperiment falsche Urteil abgaben – die Aufgabe, eine Linie mit drei anderen Vergleichslinien zu vergleichen, wobei nur ein davon genau gleich war. Die Versuchspersonen wurden in der Weise einem Gruppendruck ausgesetzt, in dem die eingeweihten Versuchspersonen absichtlich falsche Urteile abgaben. Nur ein Viertel der Versuchspersonen konnten dem Gruppendruck standhalten[5]. Es besteht also die Gefahr, dass bei der Meinungsbildung auch im politischen Raum ein „virtueller Gruppendruck“ entsteht, dem sich die Mitglieder anpassen, so dass die Abweichler sich dem Meinungsbild aller anzupassen bemüht sind, um nicht ausgegrenzt zu werden. So kann dann statt einer Schwarmintelligenz auch eine „Schwarmdummheit“ entstehen.
  • Schwarmintelligenz: Dass doch im Kollektiv Probleme vielleicht besser gelöst werden können, zeigt z. B. das Internet-Lexikon „Wikipedia“, das sich aus einer Vielzahl von Informationen von Internet-Usern speist oder die kollektive Überprüfung einer Doktorarbeit auf Plagiate hin durch das „GuttenPlag Wiki[6]. Auch im politischen Raum könnte der Ansatz, allgemeine Probleme in einer Gesellschaft nicht „Experten“ zu überlassen, sondern sie selbst zu lösen, hilfreich sein. Schon in der Psychotherapie oder auch in dem Mediationsverfahren werden bereits Techniken angewandt (z. B. „Brainstorming“), bei denen die Klienten animiert werden, sich als „eigene Experten“ zu zeigen. Man könnte auch sagen: Was auf der individuellen Ebene funktioniert, dass nämlich Menschen, wenn sie Probleme haben, gar nicht so gut damit geholfen ist, ihnen „Ratschläge“ – in dem Wort steckt ja bereits verdächtigerweise das Wort Schlag drin – zu geben, sondern es ihnen eher hilft, die in ihnen steckenden Potentiale zur Problemlösung zu wecken, so könnte dies auch auf der kollektiven Ebene klappen. Die Probleme in der Gesellschaft sind also am besten von denen zu lösen, die als Mitglieder dieser Gesellschaft von diesen zu lösenden Problemen betroffen sind. Die in dem etablierten Politikbetrieb gängige Praxis der fremdbestimmten Lösungsstrategien, bei denen immer „von außen“, also außerhalb eines breiten gesellschaftlichen Diskurses, Lösungen kreiert werden, könnte vielleicht besser durch mit einer erheblichen Eigendynamik ausgestatteten Prozess der kollektiven Lösungsfindung ersetzt werden.

Schwarmintelligenz oder Schwarmdummheit? Die Frage lässt sich nur beantworten, wenn man es ausprobiert, wie es funktioniert.   

© beim Verfasser

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz

[2] http://www.geschenkewald.de/aktuelles/newsbeitrag-4.html

[3] https://www.onpulson.de/lexikon/kritische-masse/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hlengleichnis

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Konformit%C3%A4tsexperiment_von_Asch

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren