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Ich kann mich noch an ein Video erinnern, das ich leider im Netz nicht mehr gefunden habe, in dem in einer Schulklasse diejenigen von der Lehrerin die besten Noten bekamen, die irgend eine herausragende Eigenschaft besaßen, die sie als Minderheit kennzeichnete: Der farbige Schüler, der als Migrant eingereist war, der Schüler mit einer Körperbehinderung, der minderbegabte Schüler oder einfach die Schülerin, deren Eltern geschieden waren. Die übrigen Schüler, die aus einer „normalen Familie“ stammten, bekamen automatisch schlechtere Noten. Eine absurde Geschichte? Nicht ganz, denn die Identitätspolitik hat das Ziel der künstlichen Bevorzugung von Menschen, die angeblich oder wirklich benachteiligt wurden oder werden.    

  • Schweig, alter weißer Mann: Am 27.04.2021 strahlte das ZDF in Frontal 21 den Beitrag „Schweig, alter weißer Mann“ aus[1], in dem die Autoren Anna Feist und Ulrich Stoll die Identitätspolitik untersuchten und die Fragen stellten: „Darf beispielsweise eine Grünen-Politikerin sagen, sie wäre als Kind gern Indianerhäuptling geworden? Dürfen weiße Historiker über Kolonialismus reden? Oder darf Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht Aktivistinnen aus dem Bereich der Identitätspolitik als Lifestyle-Linke bezeichnen?“ In diesem Beitrag wird u.a. über den fehlgeschlagenen Versuch des Prof. em. Helmut Bley für „Neuere und Afrikanische Geschichte“ der Gottfried-Leibniz-Universität Hannover berichtet, der einen Vortrag zu der Auftaktveranstaltung der von der UN ausgerufenen Woche gegen Rassismus zu dem Thema zur „Kolonialgeschichte von Afrikanern und Afrikanerinnen her denken“ halten wollte. „Nach dem Input des Historikers sollten Mitglieder der Initiative für „Diskriminierungssensibilität und Rassismuskritik“ (Idira) eine Petition für rassismuskritische Lehre in niedersächsischen Bildungsinstitutionen vorstellen und mit Bley diskutieren. Doch die Initiative weigerte sich. Dass ausgerechnet ein weißer Mann im Kontext von Rassismus erklären solle, wie man Geschichte von Afrikanerinnen und Afrikanern her denkt, wolle man nicht unterstützen, entschieden die Mitglieder. Daraufhin sagte die Stadt die Veranstaltung ab.“[2] Der Satz, der bei dem Vorgespräch gefallen war, lautete: „Ein alter, weißer Mann kann grundsätzlich nicht über afrikanische Dinge denken und urteilen.“[3] Ein typischer Fall von „Cancel Culture“, denn hier hatte eine kleine Gruppe ihre Agenda durchgedrückt und eine offene Diskussion verhindert.
  • Merkmale einer Identitätspolitik: Es gibt Menschen, die sich Minderheiten zuordnen und nun meinen, durch die Brille ihres individuellen Schicksals gesehen, daraus ableiten zu können, dass andere an diesem Schuld seien. Nach Dr. Rüdiger H. Rimpler stellt die Identitätspolitik den Versuch dar, Menschen, die an Einsamkeit, Bedeutungslosigkeit und Orientierungslosigkeit aufgrund tatsächlicher oder geglaubter Benachteiligung leiden, Anerkennung und Gemeinschaft durch einfache Antworten zu geben[4]. Verschiedene Merkmale kennzeichnen die Identitätspolitik:
    • Individuelle Demütigungserfahrungen: Individuelle Demütigungen – aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Personen, die glauben deswegen benachteiligt und gedemütigt worden zu sein, dass sie ein bestimmtes Merkmal haben (dunkle Hautfarbe, Behinderung, Geschlecht) – werden generalisiert und immer wieder thematisiert. Die Demütigungen sollen allein durch die kollektive Diskriminierung durch die Mehrheit der Gesellschaft verursacht sein.
    • Pauschalierte Vereinfachung: Der Kunstgriff, die individuellen Demütigungserfahrungen nur auf die kollektive Diskriminierung zurückzuführen, stellt eine pauschalierte Vereinfachung dar, die nicht die viel komplexere Realität abbildet, sondern allein für die tatsächlich oder geglaubte Benachteiligung herhalten muss. Durch den „identitätspolitischen Wahrnehmungsfilter“ (Rimpler) werden alle anderen Gründe, die für die Demütigungserfahrung verantwortlich sein könnten, ausgesondert.
    • Opfer-Täter-Festschreibung: Die Gesellschaft wird künstlich einseitig interpretiert, in dem man glaubt, dass die einen die Opfer sind (die benachteiligten, gedemütigten Minderheiten) und die anderen (z. B. die weißen Männer) die Täter. Dabei werden die Mitglieder der angeblich diskriminierten Minderheit stets in der Opferrolle gesehen und die Mitglieder der Mehrheit als Täter und ein Wechsel der Rolle des Opfers (das z. B. ein Farbiger durch sein provozierendes Verhalten auch ein Täter sein kann) niemals in Erwägung gezogen. So wurden z. B. die Frauen in der „me-too-Bewegung“ von Feministinnen immer nur in der Opferrolle gesehen, bei denen sie von „sexsüchtigen, mächtigen weißen Männern“ (Täter) sexuell belästigt wurden.
    • Freund-Feind-Festschreibung: Daraus wird auch eine vereinfachende Festschreibung des Freundes oder des Feindes vorgenommen, wonach diejenigen, die aufgrund des äußeren Merkmals (z. B. Hautfarbe) der vermeintlich diskriminierten Minderheit zugerechnet werden, stets als Freunde und die Menschen der angeblich diskriminierenden Mehrheit als Feinde angesehen werden. Dabei ist also auch klar wer gut oder böse ist: Die Mitglieder der eigenen Minderheit gehören zu den Guten und die anderen einfach zu den Bösen gezählt. In der linksideologisch geprägten Identitätspolitik ist „der alte weiße Mann“ das Stereotyp des generellen Feindes aufgrund der ihm unterstellten Diskriminierung der Frauen (Sexismus), der Farbigen (Rassismus) und der jungen Menschen (Altersdiskriminierung).  
    • Ergebnisgleichheit: Es zählt nicht die individuelle Leistung, sondern allein die Zugehörigkeit aufgrund eines äußeren Merkmals (Geschlecht) führt zu einer Bevorzugung bei der Leistungsbewertung oder Vergabe einer Arbeitsstelle. Die Frauenquote ist ein bekanntes Beispiel dafür, dass die angebliche Benachteiligung der Frauen bei der Jobvergabe in Politik und Wirtschaft durch eine Quotierung ausgeglichen werden soll. Das Streben nach Nachteilsausgleich wirkt sich z. B. in der Arbeitsmarktpolitik aus, in dem Arbeitgebern Gehaltszuschüsse von der Arbeitsagentur gewährt werden, wenn sie z. B. Langzeitarbeitslose (angeblich benachteiligte Gruppe) einstellen, wodurch die „normalen Arbeitnehmer“ benachteiligt werden. Auch die geplante Einführung einer „Migrantenquote“ von 35 % für den öffentlichen Dienst im Bundesland Berlin, mit der eine angebliche „strukturelle Diskriminierung“ (Elke Breitenbach, Linke) ausgeglichen werden soll, stellt eine solche künstliche Ergebnisgleichheit dar[5].  
  • Militante Minderheiten: Die sich diskriminiert fühlenden Minderheiten haben eine bestimmte Art, ihre Position nicht nur darzustellen, sondern auch durchzusetzen:
    • Niederbrüllen: Es ist ein Paradoxon, wenn die angeblich diskriminiert fühlende Minderheit für sich ein hohes Maß an Toleranz verlangt, diese Toleranz aber nicht gegenüber den Andersdenkenden zulässt. Prof. Bernd Lucke, früher Mitbgründer der AfD, wurde z. B. bei seiner Antrittsvorlesung an der Universität Hamburg im Oktober 2019 in Ökonomie durch eine militante Minderheit von Studenten durch lautstarke Proteste gehindert[6]. Ich hatte es selbst in den 70iger Jahren an der Uni Marburg erlebt, dass militante linke Studenten („Marxistisch-leninistischer Studentenbund“) die Vorlesungen von Professoren massiv gestört hatten. Es ist also keine neue Taktik linksideologischer Gruppen, sich mit einem militanten Auftreten Gehör zu verschaffen.
    • Diffamierung: In den sozialen Netzwerken oder in links-orientierten Gazetten ist es üblich, dass bei angeblich rassistischen oder sexistischen Äußerungen Menschen diffamiert werden. Die freie Meinungsäußerung wird dann nicht geduldet, wenn sie nicht in das Bild derjenigen passt, die sich für die angeblich diskriminierte Minderheit halten. Dabei wird wiederum das Paradoxon praktiziert, dass die Meinungsfreiheit, die man für sich selbst beansprucht, den anderen, die nicht die gleiche Meinung vertreten, nicht zugebilligt wird.
    • Ausgrenzung: Wer der vermeintlich diskriminierten Minderheit nicht angehört, wird ausgegrenzt. Die Strategie ist einfach: Durch militantes Auftreten in der Öffentlichkeit und diffamierende Äußerungen wird eine gewisse feindliche Stimmung erzeugt, durch die dann diejenigen unter Druck gesetzt werden, die an den entscheidenden Stellen sitzen und etwa über die Frage von Einstellung und Entlassung von Arbeitnehmern zu entscheiden haben. Angeblich rassistische Äußerungen führen dann nicht selten dazu, dass jemand seine Arbeitsstelle verliert[7]. Gerade im Kulturbetrieb ist die „Cancel Culture“ sehr ausgeprägt, bei der unliebsame „Kollegen“ ausgeladen werden, wenn sie Meinungen vertreten, die der militant auftretenden Minderheit nicht gefällt[8].

 

Die Kultur der Meinungsfreiheit, die ein Grundpfeiler unserer Demokratie ist, gerät in eine Schieflage, bei der nur noch bestimmte Meinungen zugelassen werden. Es darf selbstverständlich nicht die Diskriminierung von anderen Menschen verharmlost werden. Aber es darf nicht die gegenseitige Diskriminierung unerwähnt bleiben: Auch dunkelfarbige Menschen diskriminieren Weiße[9], Frauen sind nicht immer nur die Opfer von sexwütigen Männern, sondern verstehen es auch geschickt, eine Opferrolle vorzutäuschen, um einen Mann zu schädigen. Wir sind aufgefordert, dieser Einseitigkeit in der Betrachtungsweise von angeblicher Diskriminierung mutig entgegen zu treten.  

 

© beim Verfasser    

 

[1] https://www.zdf.de/politik/frontal-21/cancel-culture-wie-die-identitaetspolitik-spaltet-100.html

[2] https://taz.de/Streit-um-Rassismus-Vortrag/!5758214/

[3] https://www.zdf.de/politik/frontal-21/cancel-culture-wie-die-identitaetspolitik-spaltet-100.html, 1.45 Min.

[4] https://www.youtube.com/watch?v=Ev44hS_P3o0

[5] https://www.tagesspiegel.de/berlin/erster-vorstoss-deutschlandweit-berlin-plant-eine-migrantenquote-von-35-prozent-fuer-die-verwaltung/26822470.html

[6] https://www.t-online.de/region/hamburg/news/id_86627860/hamburg-demonstranten-verhindern-bernd-luckes-uni-vorlesung.html

[7] https://www.haufe.de/personal/arbeitsrecht/kuendigung-wegen-fremdenfeindlicher-whatsapp_76_505964.html

[8] https://perikles.tv/1617-cancel-culture-die-moderne-zensur

[9] https://perikles.tv/leserbriefe/1136-werden-auslaender-in-deutschland-zu-unrecht-diskriminiert

rden-auslaender-in-deutschland-zu-unrecht-diskriminiert

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