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Die Denunziation wird von denjenigen in einem Staat befördert, die eine totale Kontrolle über die Bürger haben möchten. Wer andere beim Staat anschwärzt, gilt nicht in den Augen der Machthaber als unfair und gemein, sondern als der eine staatsbürgerliche Pflicht tuender Untertan. In Corona-Zeiten gilt es als eine Pflicht, Menschen an Ordnungsämter oder andere Behörden zu melden, um die Gemeinschaft vor denen zu schützen, die die vom Staat aufgestellten Regeln nicht beachten. Sie gelten als „gemeinschaftsschädlich“. Was steckt hinter dieser Absicht der Mächtigen und warum machen so viele mit?

  • Denunziation – eine Frage des Charakters: Woher kommt dieser Drang, andere Menschen an die Obrigkeit auszuliefern? Welche Charakterzüge zeichnen den Denunzianten aus?
    • Schadensfreude durch Verrat: Denunziation ist im Grunde ein Verrat, weil ein Vertrauensverhältnis missbraucht wird, um einen anderen bloßzustellen. Der Denunziant verrät dabei etwas von einem anderen, was bis dato geheim geblieben war und nur er oder ein kleiner Kreis von Eingeweihten wussten. Mit dem Verrat liefert einer den anderen an diejenigen aus, die eine Machtposition haben. Einem solchen Verrat fiel auch Jesus zum Opfer, als er von Judas Iskariot[1] an die Hohepriester in Jerusalem ausgeliefert wurde, was dann letztendlich zu seinem Tod am Kreuz führte. Verleitete ihn allein der Vorteil der 30 Silberlinge dazu, diese Tat zu begehen? Nein, denn ich könnte mir vorstellen, dass ein Motiv die Eifersucht und der Neid eine Rolle gespielt haben könnte, dies zu tun, denn er war im Kreis der Jünger derjenige, der die Gelder verwaltete und deshalb wahrscheinlich nicht sonderlich beliebt war – auch nicht bei Jesus. Der Verrat gab ihm die Möglichkeit der Rache, bewusst Jesus einen Schaden zuzufügen. Allgemein gesehen, bewirkt der Verrat für den Täter eine Genugtuung, andere schädigen zu können. „Die Schadenfreude ist die reinste Freude“[2], sagt man, wenn jemand Freude an einer Schädigung des anderen hat, sei es, dass er diesen Schaden selbst bewirkt hat (wie bei dem Verrat) oder unbeabsichtigt. Der Verräter ist jemand, der sich anderen dadurch überlegen fühlt, dass es ihm besser geht; das verschafft ihm einen Art „Überlebensvorteil“, weil sich der Schaden ja u. U. auch auf Gesundheit, Ansehens- oder Wohlstandsverlust beziehen kann. Die (klammheimliche) Freude über den angerichteten Schaden beruht auf der Fähigkeit des Nacherlebens[3], also erahnen zu können, wie der andere sich fühlen mag. Weil jeder schon einmal selbst gesundheitliche oder finanzielle Schäden erlebt hat, ist diese Möglichkeit, sich vorstellen zu können, in welcher Verfassung sich ein durch Verrat befindlicher Mensch befindet, ein wichtiges Element der Schadensfreude.
    • Vorteilsmitnahme: Der Denunziant hat also möglicherweise eine Freude an dem angerichteten Schaden, den er durch den Verrat angerichtet hat. Es ist aber auch denkbar, dass die Denunziation aus dem Grund geschieht, irgendeinen Gewinn daraus für sich selbst zu ziehen. Dieser Gewinn kann ein finanzieller Vorteil (z. B. eine Belohnung, die ausgesprochen wurde), ein Vorteil im beruflichen Wettbewerb (ein Mitbewerber wird im Kampf um einen beruflichen Posten ausgeschaltet) oder die Anerkennung durch die Gemeinschaft (der Verratene wird nicht zur Gemeinschaft derjenigen gerechnet, für die die Denunziation geschieht) sein. In Corona-Zeiten gelten die „Regelbrecher“ als sozialschädlich, so dass das Melden von Verstößen an die Obrigkeit als ein Akt angesehen wird, der vom Staat begrüßt wird. Diejenigen, die die anderen „anschwärzen“, fühlen sich deshalb als die „besseren Menschen“, weil sie glauben, im Sinne der Gemeinschaft zu handeln. In dem „Gutmenschentum“[4], das vor allem im Zusammenhang mit der so genannten „Flüchtlingskrise“ zu beobachten war, ist auch diese Art „moralischer Überlegenheit“ zu spüren gewesen. Diese besondere Art des sich moralisch Besserdünkens erlebt in der Corona-Krise ein Comeback. Diejenigen, die andere „verpfeifen“, wähnen sich in dem Kreis der „besseren Staatsbürger“ zu befinden, die mit ihrem Verhalten dazu beitragen, dass die Corona-Krise bewältigt wird. Sie lehnen deshalb auch jede Kritik an den staatlichen Maßnahmen ab und sind ihre eisernen Verfechter. Der subjektive Gewinn ist also das sich „Besser-als-andere-Fühlen“.
    • Obrigkeitshörigkeit: Denunziation gedeiht bei den Menschen am besten, die glauben, die Politiker, die sie vertretenden Behörden (Polizei, Ordnungsbeamte) und andere den staatlichen Gewalten nahe stehende Personen oder Institutionen, wüssten schon am besten, was das Richtige ist. Sie hinterfragen nicht, ob das, was von diesen verkündet wird, vielleicht doch nicht richtig sein könnte. Alles, was via Mainstream-Medien von der Obrigkeit kommt, wird als „bare Münze“ genommen. Diese Obrigkeitshörigkeit ist vielleicht eine typisch deutsche Unart[5], denn in anderen Ländern sind die Bürger eher bereit, der Obrigkeit nicht alles kritiklos abzunehmen (z. B. in Frankreich die „gelben Westen“). Der autoritäre Charakter[6] – noch oben buckeln und nach unten treten – repräsentiert diesen obrigkeitshörigen Duckmäuser.
    • Mitläufer: Diejenigen, die alles mitmachen, ohne selbst darüber nachzudenken, ob das auch richtig ist, nennt man allgemein als Mitläufer. Sie „hängen die Fahne nach dem Wind“, d. h. geben immer nach und sind rein opportunistisch orientiert: Alles was einen eigenen Vorteil bringt, wird mitgemacht. Wenn nun die Denunziation von Mitbürgern wieder salonfähig ist, wird es mitgemacht, wenn es opportun ist. Wenn es z. B. von den Lehrern gewünscht wird, werden Mitschüler gemeldet, wenn sie mal wieder ohne Mund-Nasen-Schutz gesehen wurden. Ob alt oder jung, der Mitläufer kennt kein typisches Alter, denn er ist universell in allen Altersklassen vorkommend und ohne jede eigene Meinung. Wenn er glaubt, eine zu vertreten, wird nur die von anderen „nachgeplappert“.
  • Sozialschädlichkeit der Denunziation

Die gegenwärtige Corona-Krise offenbart einen Niedergang des fairen Umgangs miteinander. Gerade in totalitären Gesellschaftssystemen ist die Denunziation ein Teil des Systems der Unterdrückung. Das haben die Deutschen schon einmal während des Dritten Reiches und in der ehemaligen DDR erlebt – und leider jetzt wieder. Und leider gab und gibt es genügend Menschen, die bereit sind mitzumachen. In der DDR hatte die Stasi keine Nachwuchssorgen im Hinblick auf inoffizielle Mitarbeiter[7]. Das Bespitzeln des Mitbürgers verkommt in totalitären Gesellschaftssystemen zu einer Art Volkssport. Die zersetzende Kraft der Denunziation besteht in mehreren Elementen:

Saat des Misstrauens: Die Denunziation ist wie die Saat, die – wie im Gleichnis von Jesus von dem Weizen und Unkraut – der Feind in einem reinen Feld aussäht[8], durch die dann statt gegenseitigem Vertrauen und Rücksichtnahme das Misstrauen und die Rücksichtslosigkeit aufwachsen. Jeder könnte dem anderen sein potentieller Feind sein und die Angst macht sich breit, von dem lieben Kollegen, Mitschüler, Nachbar oder selbst von Freunden und Familienangehörigen verraten zu werden.

Heuchelei als Tugend getarnt: Gerade in dem Gutmenschentum ist die Heuchelei sehr verbreitet[9]. Man tut so, als ob man gut sei ohne aber wirklich gut zu sein. Der Gutmensch hat immer auf den Lippen, dass es gut sei, Regeln einzuhalten und predigt anderen, dass es z. B. wichtig sei, die Corona-Maßnahmen einzuhalten. Aber gerade die Politiker, die diese Regeln als tugendhaftes Verhalten propagieren, halten sich nicht daran, wenn sie sich unbeobachtet wähnen[10]. Das sich Verstellen in einem Land, in dem jeder den anderen jederzeit bei der Obrigkeit anschwärzen kann, wird zu einem Überlebenstraining. Jeder versucht, sich keine Blöße zu geben, um unangreifbar zu sein – auch gegen die eigene Überzeugung.

Opportunismus als Überlebensstrategie: Wenn jederzeit und überall der Verrat droht, ist die bedingungslos Anpassung an das Regelwerk der Obrigkeit die gut geübte Überlebensstrategie. Auch gegen eigene Überzeugungen zu handeln, aus Angst, denunziert zu werden, weil man sich kritisch über Maßnahmen der Regierung geäußert hat, könnte bei den potentiellen Denunzianten, die überall vermutet werden, den Verdacht wecken, dass man gegen die Regeln verstößt. Die gegenwärtige Gleichmacherei in der Politik ist der Auswuchs dieses Opportunismus. Nur nicht von der Linie abweichen, um nicht einen „Shitstorm“ zu erleiden, ist die die Devise vieler angepasster Politiker. Der markige, selbstbewusste, auf seine Prinzipien sich berufende Politiker ist ein Auslaufmodell geworden. Diese Art „Vorbilder“ des opportunistischen Politikers liefern auch jede Menge Vorlagen für willige Nachahmer in der Bevölkerung: Opportunismus um jeden Preis – auch um den der Selbstverleugnung.

Feindschaft statt Freundschaft: In dem Film „Die drei von der Tankstelle“ wird ein hohes Lied auf die Freundschaft gesungen („Ein Freund, ein guter Freund…“[11]), die sogar mancher Liebschaft vorgezogen wird. Diese Freundschaften stehen in der Gefahr, durch die Kultur der Denunziation in die Brüche zu gehen. Wer Angst haben muss, selbst von nahe stehenden Personen an die Ordnungsbehörden gemeldet zu werden, wird sich hüten, zu enge Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen, denn die Vertrauensbeweise durch ehrliche Meinungskundgaben und Erzählungen, die gegen die Regeln des totalitären Staates verstoßen, könnten gefährlich sein. Die potentielle Feindschaft ist der beständige Begleiter auch leider in vertrauten sozialen Beziehungen.

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“[12]. Diese „Volksweisheit“ bewahrheitet sich leider heutzutage wieder all zu sehr. Dem Druck nicht nachzugeben und standhaft zu bleiben ist eine Grundvoraussetzung, um dieses Gift aus der Gesellschaft wieder zu entfernen. Die Bürger haben es am 26.09.2021 bei der Bundestagswahl zum Teil selbst in der Hand, die Parteien abzustrafen, die diese Saat der Boshaftigkeit gesät haben.

© beim Verfasser

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_Iskariot

[2] https://www.aphorismen.de/zitat/8827

[3] Philipp Lersch: Aufbau der Person,11. Auflage, S. 256.

[4] https://perikles.tv/leserbriefe/722-der-gutmensch-leben-auf-vom-moralischen-hochsitz

[5] https://perikles.tv/philosophie-und-religion/1447-das-duckmaeusertum-eine-deutsche-krankheit

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4rer_Charakter

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Inoffizieller_Mitarbeiter

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichnis_vom_Unkraut_unter_dem_Weizen

[9] https://perikles.tv/philosophie-und-religion/1447-das-duckmaeusertum-eine-deutsche-krankheit

[10] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_89911542/haelt-sich-die-politik-an-die-eigenen-corona-regeln-.html

[11] https://www.youtube.com/watch?v=UbvBC6t_YlQ

[12] https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_august_heinrich_hoffmann_von_fallersleben_thema_verrat_zitat_21298.html

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