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Seit nunmehr fast 9 Jahren, seit November 2013 verfolge Ich den Ukraine-Konflikt in seinen zahlreichen Facetten und vor dem Hintergrund seiner geopolitischen Dimension.

Um das Ergebnis vorweg zu nehmen; Ich vertrete aus einer Vielzahl von Gründen die Auffassung, dass wir in Deutschland uns grundsätzlich und vollkommen aus diesem Konflikt heraus halten sollten und - ob innerhalb oder außerhalb der NATO – eine Politik nach Schweizer Vorbild mit grundsätzlicher, jedoch wehrhafter Neutralitätserklärung  in Erwägung ziehen sollten.

- Ausgehend von der allgemein bekannten Prämisse, dass in jedem Konflikt „die Wahrheit das erste Opfer“ ist, gilt es, alle Ereignisse und Entscheidungen grundsätzlich von beiden Seiten her zu betrachten. 

Die westliche/NATO/USA-Perspektive auf den Konflikt deckt sich mit der Position der Bundesregierung und ist allgemein bekannt. Doch gleich der Erfahrung, die jeder Pädagoge oder Erzieher schon einmal in der Rolle eines Streitschlichters gemacht hat, sehen wir als Otto-normal-Medienkonsument momentan immer nur die eine, westliche Seite -  so wie der Lehrer, der den Schauplatz auf dem Schulhof betritt, wo Klein-Paulchen Klein-Fritzchen gerade „volle Kanne in die F….. gehauen hat.“ – Gut beraten ist bekanntermaßen der Pädagoge, wenn er nun nicht blind dem Impuls nachgibt, Klein-Paulchen sofort und einseitig hart zu bestrafen, sondern zunächst erforscht, was dem Schlag voraus gegangen ist und den tieferen Ursachen des Konflikts – oftmals eine  Eskalationsspirale - auf den Grund geht. – Einfache Prinzipien, die aber leider momentan weder in unserer Politiker-Kaste, noch in den Medien Berücksichtigung finden. Daher soll hier an dieser Stelle unter 2.) einmal die russische Perspektive gebündelt dargestellt werden:

  • Der inner-ukrainische Konflikt

Über die letzten Jahrzehnte hinweg haben sich innerhalb der in der Ukraine lebenden ethnischen Sprach- und Volksgruppen wie auch im politischen Spektrum zwei grundsätzlich entgegen gesetzte außenpolitische Orientierungen herausgebildet. Zum einen die pro-westliche, nach NATO- und EU-Mitgliedschaft strebende, vorrangig in der West-Ukraine ansässige, zum anderen die Russland-freundliche, dem Westen skeptisch gegenüber stehende Strömung. Diese Strömung decken sich - mit fließenden Übergängen - mit den Sprachgrenzen und –Mehrheiten (mehrheitlich ukrainisch vs. russisch-sprachige Regionen in allen ihren Abstufungen und Graduierungen, wobei der Dnjepr-Fluss zur groben Orientierungshilfe als eine Art Kultur-Grenze zwischen der westlich - ukrainisch - auch katholisch-lateinisch orientierten Strömung und der russisch – orthodoxen Strömung gelten kann. Insgesamt wird die Ukraine somit bis heute ihrem altostslawischen Namen Ukraina gerecht, was soviel wie Grenzland, Grenzmark bedeutet – in jedem Fall eine Region des Übergangs, des kulturellen Facettenreichtums, einer gewissen Unbestimmtheit, aber auch der Begegnung zwischen den Lebenswelten und Kulturen des Westens und des Ostens.

Die Wahlen, Unruhen und Revolutionen zwischen den wechselnden Regierungen Juschtschenko, Janukowytsch und Jazenjuk waren stets maßgeblich von der Frage nach einer pro-russischen oder pro-westlichen Orientierung,  die 2013 in einem EU-Assoziierungsabkommen münden sollten.

  • Die geopolitische Dimension und die Rolle der US-Eliten

In diese bereits existierenden gesellschaftlichen Sollbruchstellen begannen nun aus Sicht Moskaus zahlreiche Regierungen und Organisationen aus den US-geführten NATO-Staaten ihre Spaltkeile anzusetzen. - Der Regierungswechsel 2014 im Gefolge der sog. „Euro-Maidan“-Revolution war tatsächlich ein vom Westen maßgeblich inszenierter, organisierter und finanzierter Putsch, welcher eine US-dominierte, gleichzeitig anti-russische Regierung an die Macht bringen sollte. 

Als maßgebliche Drahtzieherin auf US-Seite gilt bis heute die damalige US-Unterstaatssekretärin für Europa-Angelegenheiten Victoria Nuland (aka Nudelman, Zitat: „Fuck the EU“), berühmt geworden durch das abgehörte und geleakte Telefonat mit dem US-Botschafter in Kiew, in welchem beide sehr offenherzig die Vorauswahl von gewünschten Personen treffen, aus denen die zukünftige westlich dominierte ukrainische Putschregierung bestehen sollte. Als Quellen hierzu und zur Beteiligung des Westens insgesamt an der inner-ukrainischen Tragödie seien hier zum Einlesen die folgenden Links genannt, letzter ein halbstündiger Zusammenschnitt von Beiträgen des damals in 2014 noch einigermaßen objektiv berichtenden ARD-Monitor-Magazins zur Rolle der NATO in der Ukraine:

Entsprechend war die ukrainische Politik seither darauf ausgerichtet, die russische Seite maximal zu provozieren: Erst Diskriminierungen, dann schwerste Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Morden und Massakern an den russischen Menschen der Ost-Ukraine (besonders schwerwiegend das Massaker vom 02.05.2014 im Gewerkschaftshaus der Hafenstadt Odessa) machten die Sezession der östlichen Oblasten Lugansk und Donezk beinahe unabdingbar, schließlich die stete Annäherung an die NATO, welche letztlich dazu führen würde, dass NATO-Atomraketen wenige hundert Kilometer vor Moskau stehen könnten – eine Situation die die russische Seite – ganz egal, welche Partei in Russland die Regierung stellt - genauso wenig tolerieren kann, wie seinerzeit die USA in der Kuba-Krise von 1962.

 

  • Die besondere Rolle Deutschlands im geopolitischen Schachspiel

Am 04.02.2015 veröffentlichte der US-amerikanische „Think-tank“ STRATFOR (ein regierungsnahes, global agierendes Strategie-Beratungs-Unternehmen) im Rahmen des Chicago Council on Global Affairs einen Vortrag des Strategen und Regierungsberaters George Friedman, welcher klar und deutlich die Verhinderung von zu guten Beziehungen und Zusammenarbeit  zwischen Deutschland und Russland als das primäre Ziel der US-Außenpolitik sowohl in den letzten 100 Jahren als auch für die Gegenwart definierte. Ausdrücklich ordnete er andere außenpolitische Herausforderungen diesem einen – auf US-Seite angeblich Politiker-Generationen übergreifenden - Primärziel unter, auch unter Rückgriff auf andere geostrategische Vordenker wie Brzinzki.[i] – Dies sollte jedem Deutschen zu denken geben, da es nicht nur ein völlig anderes Licht auf die bisher erzählte Geschichte des  20. Jahrhunderts und die Rolle der USA wirft, sondern uns und allen Europäern gerade für die Gegenwart auch deutlich zeigt, wo wir stehen und wer wir wirklich sind: mit Sicherheit betrachten die maßgeblichen US-Eliten uns und die Europäer eben nicht als ihre Freunde, sondern eher als Verfügungsmasse, eben als klassische „Bauernopfer.“ – Fazit: Dementsprechend sollten wir Europäer uns eben nicht zugunsten Dritter gegeneinander ausspielen lassen und sollten gerade das aktuelle deutsche Regierungshandeln als Ergebnis eines Spielens über Bande begreifen, mit denen nicht nur unsere Wirtschaft, sondern unser Gemeinwesen insgesamt nachhaltig geschädigt werden wird. Stattdessen schlage ich vor, uns auf die viel ältere Rolle des Mittlers zwischen Ost und West zurück zu besinnen. Die Rolle eines „ehrlichen Maklers“ im Bismarck´schen Sinn, ohne das damalige Säbelrasseln zu wiederholen, würde uns wesentlich besser zu Gesicht stehen und unseren tatsächlichen ur-deutschen Interessen von Frieden und Gerechtigkeit, europaweitem Handel und Wandel und Interessenausgleich entsprechen.        

 

Siegfried Göbel, Geschichtslehrer

 

[i]https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc - (Verlinkung vom 03.03.2022)

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