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Dieser Artikel wurde bereits im Jahr 2019 als Leserbrief verfasst, aber von mir noch einmal überarbeitet.

Es gibt die alltäglichen Nervensägen, die uns manchmal das Leben verderben können. Sie bevölkern unsere Welt und sorgen dafür, dass es uns nicht zu gut geht. Sie sind die „kleinen Sargnägel“, die uns allmählich ins Grab treiben. Ihnen ist gemeinsam, dass sie an unseren Nerven zerren wie ungezogene Kinder, die keine Rücksicht kennen. Und jetzt kommt eine – sehr subjektive – Auswahl:

  • Der Besserwisser[1]: Wie das Wort schon sagt, ist dieser Menschentypus immer besser informiert, hat für alles eine Antwort, ist um keine Ausrede verlegen und neigt leider dazu, das Besser-informiert-Sein auch den anderen spüren zu lassen. Lehrerhaft meint er, die anderen über alles informieren zu müssen, von dem er glaubt, dass er darüber besser Bescheid weiß. Frage nie einen Besserwisser nach einem Rat, denn dann ist er nicht mehr zu bremsen und „fängt bei Adam und Eva an“, dir alles bis ins Kleinste zu erläutern, ohne dabei im Geringsten irgendwelche Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Am schlimmsten ist noch derjenige, die ungefragt ihre Weisheiten unters Volk bringen, so als ob die Welt gerade auf seine geistigen Ergüsse gewartet hätte.  Zwischenfragen sollten nicht gestellt werden. Denn entweder ignoriert er sie oder er benutzt sie,  die Belehrungen des Fragestellers noch weiter auszubauen zu einem fast nicht enden wollenden Strom von angeblichen Weisheiten.
  • Der Bevormunder: Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Besserwisser. Nur ist er noch einen Grad schlimmer hinsichtlich des Belehrungsdrangs des Nicht-Informierten. Er meint immer dem anderen – und das auch noch ungefragt – Vorschriften machen zu müssen, wie er ein bestimmtes Problem lösen soll. „Mach bloß nicht den Fehler….Wenn du damit zu tun hast, dann achte darauf….usw.“, sind seine meistens einleitenden Sätze, denen dann Anweisungen der verschiedensten Art angehängt werden. Widerspruch ist sinnlos, den duldet er auf keinen Fall. Außerdem will er immer das letzte Wort haben. Er beendet also das Gespräch und das manchmal mit dem Satz: „Hast du das jetzt verstanden?“ Man sollte dann auf jeden Fall verständnisvoll nicken, sonst fängt er gleich wieder von vorne an. Und wehe man hat sich nicht an seine gut gemeinten Ratschläge gehört, dann kommt bestimmt  der Kommentar: „Das habe ich doch gleich gesagt…warum hast du nicht auf mich gehört…“. Am besten: Ja keine Fehler zugeben und alles leugnen. Wenn er es nur angeblich, wie der Besserwisser, einfach nur besser wüsste, nein, er glaubt neben seinem Belehrungsdrang auch noch dem Drang, das Leben des anderen bestimmen zu können, folgen zu müssen. Die Schauspielerin Inge Meisel spielte meistens diese bevormundenden „Supermütter“, die glaubten, ihren Kindern bis ins Erwachsenenalter hinein auch noch Vorschriften machen zu können, wie sie zu leben haben bis dahin, dass sie dabei auch noch manipulativ in das Leben eingriffen. Eine Horrorvorstellung für mündige Menschen sind diese Bevormunder!
  • Der Fanatiker: Der Fanatiker hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Besserwisser und dem Bevormunder, nur ist der Unterschied, dass er in seinem Auftreten, in seinen Glaubensüberzeugungen und in der Wahl seiner Mittel völlig radikal ist. Da es für ihn nur die von ihm für wahr gehaltene Sicht der Wirklichkeit gibt, lässt er keine anderen Argumente gelten. Fakten prüfen? Fehlanzeige! Alles ist eine Frage des rechten Glaubens. Und er ist im Besitz dieses richtigen Glaubens. Deshalb gilt für ihn der Grundsatz: Willst du nicht meiner Meinung sein, dann schlag ich dir den Schädel ein. Das muss nicht unbedingt wortwörtlich genommen werden, aber es ist Vorsicht geboten, sich mit einem Fanatiker anzulegen, denn gerade in Glaubensfragen ist er äußerst empfindlich. Es ist bekannt, dass ein religiöser Fanatiker, wie z. ein radikaler Moslem, auch vor der Tötung nicht zurückschreckt, selbst wenn er selbst dabei sterben würde. Der missionarische Eifer, mit dem er dabei vorgeht, bedingt einen weiteren Grundsatz: Der Zweck heiligt die Mittel. Da sein Blick auf die Wirklichkeit verengt ist auf die nach ihm nur eine gültige Interpretation der Wahrheit, muss nach seiner Auffassung alles dem Erreichen eines von ihm gesteckten Zieles untergeordnet werden. So genannte Klima-Aktivisten kleben sich auf stark befahrene Straßen und behindern damit den Verkehr. Dem hehren Ziel der Rettung der Welt vor dem Untergang durch den Klimawandel werden alle anderen Interessen untergeordnet: Verkehrsteilnehmer können ruhig zu spät zur Arbeit kommen, sonstige wichtige Termine versäumen oder Rettungsfahrzeuge mit Verletzen oder Kranken müssen notfalls auf eine rasche ärztliche Behandlung  verzichten, weil deren Interessen der Weltrettung selbstverständlich untergeordnet werden. Da sie sich als die „letzte Generation“ ansehen, setzen sie alles auf eine Karte: Klimarettung, koste es was es wolle!   
  • Der Alleskönner: Oft handwerklich gut drauf, kann er alles, vom Dichtungsring in der Wasserleitung einbauen bis hin zu Computerproblemen. Sein Lieblingssatz ist: „Das ist doch ganz easy, da brauchst du doch nur…“. „Ja, ja“, antwortet man am besten gleich und tut so, als hätte man es verstanden. Denn der Alleskönner kann es überhaupt nicht verstehen, warum man nicht in der Lage ist, so eine Kleinigkeit hinzukriegen, denn man braucht ja nur dieses oder jenes tun, was doch eigentlich ganz einfach ist. Die Überheblichkeit des Alleskönners ist schwer zu ertragen, weil die unwillkürlichen Vergleiche mit dem eigenen Kenntnisstand und Vermögen, ein Problem zu lösen, unweigerlich negativ ausfallen.
  • Der Drängler: Er ist derjenige, der nicht warten kann. Weil er ja so beschäftigt ist, hat er selbstverständlich keine Zeit. Sei es im Supermarkt oder auf der Autobahn, immer ist er der Auffassung, dass er stets vorne sein muss. „Ach, kann ich mal schnell an ihnen vorbei, ich brauche nur…“, ist eine gängige Formulierung. Auf der Autobahn hängt er am Vordermann und deutet durch Lichthupe und dichtes Auffahren an: Ich will vorbei. Wenn er Widerstand spürt, wird er leicht bis hochgradig unangenehm und neigt dabei zur groben Beleidigung: „Mensch, haben sie nicht gehört? Sind sie taub? Ich habe ihnen doch gesagt, dass ich es eilig habe, mein Gott, können sie nicht mal zur Seite gehen!“ Wenn man es nicht auf eine Schlägerei ankommen lassen will, geht man tatsächlich besser zur Seite.
  • Der Streber: Jeder hatte einen solchen Typen in seiner Schulklasse. Er will immer die besten Noten schreiben, ist beim Lehrer auch sehr beliebt, weil er sich bei Fragen fleißig meldet, ist immer beim „Klassenspiegel“ der oder einer der Besten. Für seine Eltern ist er das Aushängeschild erfolgreichen eigenen sozialen Aufstiegs. Das ändert sich auch nicht später im Berufsleben, weil er dort immer meint, durch Bestleistungen glänzen zu müssen. Beim Chef ist er beliebt und wird nicht selten als vorbildlich erwähnt. Hohe Leistungsmotivation gepaart mit dem Hang zur Sucht nach Anerkennung sind seine Markenzeichen; die moderne Bezeichnung für ihn ist vielleicht der Workaholic. Die Strebsamkeit bezieht sich aber nicht auf eine objektive Verbesserung, die anderen zugutekommt, sondern nur darauf, sich selbst ins rechte Licht zu setzen.   
  • Der Angeber: Er ist wie der Besserwisser immer über alles informiert und hat stets von allem das Beste. Mittelklassiges kommt für ihn nicht in Frage: Für ihn kann immer nur das Beste gerade gut genug sein. Er hat eine unbändige Anspruchshaltung gegenüber der Welt, die für ihn immer das Beste bereithalten muss, denn er ist eben auch der Beste, dem nichts anderes zusteht. Damit nicht genug, denn er muss seine eigenen Leistungen in den Himmel loben und zur Schau stellen. Prahlend und selbstlobend – „ich will mich ja nicht loben, aber das habe ich erstklassig gemacht“ – verkündet er seine Werke oder preist seine Besitztümer – „das ist das Beste, was es auf dem Markt gibt“ – an, denn er muss immer oben auf sein. Es ist zu empfehlen, stets freundlich und verständnisvoll zu nicken, denn eine Missachtung seiner Herrlichkeit kann er nicht vertragen. Die mediale Vermarktung über das Internet erleichtert seine Aufschneiderei, die stets sehr penetrant nach Eigenlob riecht.
  • Der Geizhals: Geiz hat zwei Seiten: Jemand will alles für sich haben, es gewissermaßen in sich einverleiben oder in seinen Machtbereich bringen – orale Seite – oder jemand will nichts hergeben, was sein Besitztum schmälern könnte – anale Seite. Der Geizige gleicht also einem Fass, das nach oben offen ist, um möglichst viel aufnehmen zu können, aber ohne einen Abfluss. Geiz ist die Sucht nach realem Besitz an sichtbaren Dingen wie Haus, Ländereien, aber auch Menschen, über die er verfügen kann oder Rechte an Besitztümern wie Aktien oder andere Wertpapiere. Dagobert Duck – die Comic-Ente aus der Feder von Walt Disney – schwamm in seinem Safe voll von Geld. Der Reiche „schwimmt im Geld“ wird auch umgangssprachlich gesagt, wenn jemand Vermögen im Überfluss hat. Der Überfluss ist das, was ihn reizt, der ins Groteske reichen kann, denn was soll jemand schonen mit einem Vermögen anfangen, das in die Milliarden geht. Aber halt: Reichtum und Macht liegen oft dicht beieinander, denn das Geld gilt als universelles Mittel zur Einflussnahme auf andere, denn viele sind bestechlich und lassen sich durch einen Geldspender gerne beeinflussen. Der Geize nervt uns deshalb, weil er nicht einmal – obwohl er es sich leisten könnte – einem anderen den kleinsten Cent gönnt, denn alles, was andere haben, würde er gerne selbst haben und nichts, was er selbst hat, kann er freiwillig abgeben, weil es ihm dann angeblich fehlt. Er sieht den Reichtum als eine Erweiterung seiner Person an, die ihn größer erscheinen lässt, als er selbst ist.
  • Der Miesmacher: Dieser Menschentyp ist deshalb unangenehm, weil er an allem und jedem etwas auszusetzen hat. Die Miesmacherei bezieht sich entweder auf nicht-persönliche Zustände und Begebenheiten oder auf bestimmte oder unbestimmte Personen. Der apersonale Miesmachertyp findet das Wetter immer schlecht und wenn es wirklich sonnig und warm ist, wird er bestimmt schon argwöhnen, dass das Wetter sicher bald umschlagen wird. Er hat ein durch eine imaginäre rußgefärbte Brille immer den Eindruck von der Welt, dass diese im Grunde genommen verdorben und nicht mehr zu retten sei. Viele Sätze beginnen bestimmt mit den Worten: „Ich warne…“. Und dann kommen die vorausgesagten schlimmen Ereignisse der Zukunft, die unweigerlich eintreten, wenn nicht – ja wenn man nicht auf ihn hört. Selbst wenn es keine objektiven Probleme gäbe: er fände bestimmt welche. Er sieht also immer „das Haar in der Suppe“ – obwohl die Suppe sehr gut schmecken könnte. Der personale Typ kann an keinem etwas gut finden. Wenn sich jemand um andere kümmert, sich um sie Sorgen macht, also hilfsbereit ist, dann leidet er aus Sicht des Miesmachers bestimmt am „Helfersyndrom“. Diesen Begriff hat er irgendwo gelesen, kennt aber sicher nicht seine wahren Hintergründe, sondern er benutzt ihn nur als Etikett, um es jemand anzuheften, damit er ihn mies machen kann. Es wird stets unterstellt, dass bei dieser Hilfsbereitschaft bestimmt ein Hintergedanke im Spiel ist oder aber dass diese einen pathologische Note hat. Von anderen Menschen hält er allgemein nicht viel und neigt in der Übertreibung der Miesmacherei zu einem ätzenden Zynismus. Für ihn gibt es keine guten Menschen, denn der einzige der gut ist, ist er selbst.
  • Der Intrigant: Er ist ein Meister der Ränkeschmiede. Was andere erst hinterher durchschauen, hat er von vornherein gut geplant und eingefädelt, ohne dass die anderen es bemerken. Er kann wunderbar den einen gegen den anderen ausspielen, so dass die Aufgehetzten zu seinem Amüsement aufeinander losgehen. Damit hat er sein Ziel erreicht, ohne selbst als Kontrahent in Erscheinung zu treten, hat er es geschafft, dass die Streithähne sich in die Wolle kriegen. Er hat selbstverständlich nie etwas gesagt oder selten etwas auch so gemeint. „Das habe ich doch gar nicht so gemeint…Das hast du ganz falsch verstanden“, sind seine gängigen Formulierungen. Er scheut, damit seine böse Absicht nicht erkannt wird, deshalb etwas Schriftliches zu hinterlassen, denn Gesagtes kann man leichter dementieren und unterstellen, die anderen hätten es nicht verstanden. Am besten geht man diesem Typ ganz aus dem Weg, denn er hinterlässt immer bei seinen Mitmenschen einen Schaden, sehr zu seinem Amüsement.  
  • Die Schlafmütze: Er ist einer, der nicht durch sein Tun, sondern durch sein Nicht-Tun die anderen nervt. Ständig hat er etwas vergessen, sei es einen Termin oder die Abgabe einer wichtigen Arbeit, hält Verabredungen nicht ein, an die er sich dann nicht erinnern kann („hast du das wirklich gesagt, daran kann ich mich gar nicht erinnern“), bringt nicht das mit, worum man ihn gebeten hat („ach, das habe ich gerade vergessen, tut mir leid“) oder kommt zu Gesprächsterminen mit Sicherheit zu spät, weil ihm gerade etwas dazwischen gekommen ist. Die Bummelei ist sein Steckenpferd und er prahlt vielleicht auch noch damit („ich musste mich in meinem ganzen Leben noch nicht beeilen“) oder verbrämt es philosophisch („zu meinem eigenen Tod komme ich immer noch rechtzeitig“). Man sollte ihn nicht aufwecken, wenn er gerade verträumt in die Gegend schaut, denn er hat jetzt bestimmt ganz wichtige Gedanken, bei denen man ihn nicht stören sollte.
  • Der Mitläufer: Der Mitläufer ist der „Bestangepasste“ in Reinformat. Er ist die Krone der Evolution nach Darwins Verständnis, denn wer an seine Umwelt am besten angepasst ist, hat die besten Überlebenschancen. Diese „Anpasserei“ geht aber so weit, dass dabei alle Glaubensüberzeugungen – wenn überhaupt welche vorhanden sind – über Bord geworfen werden. Es geht dem Mitläufer nur darum, möglichst nicht anzuecken, nicht unangenehm aufzufallen, immer im Gleichschritt mit der Mehrheit zu gehen. Dabei will er immer zwei Ziele erreichen: Er will immer dazugehören, denn das Außenseiterdasein wäre ihm unerträglich. Er ist dabei stets darauf bedacht, die Anerkennung der anderen, die die gleiche Meinung vertreten, einzuheimsen. Dieser Drang nach Würdigung und Anerkennung ist das zweite Ziel, das er dabei  verfolgt, denn sein Selbstbewusstsein braucht immer die „Fütterung“ durch andere, damit es aufrechterhalten bleibt, sonst schrumpft es auf die wirkliche Größe zurück – und das wäre für ihn unerträglich. Warum, wenn er doch so gut angepasst ist, nervt er dann? Weil er mit seiner Lebensart gerne dabei ist, andere, die nicht der Mehrheitsmeinung sind, auszugrenzen oder schlecht zu machen, in der Anmaßung, mit der Mehrheit diese Andersdenken als "Schädlinge" bekämpfen zu müssen. Er ist somit ein willkommener „Parteisoldat“ oder Denunziant eines totalitären Systems.   
  • Der Streitsüchtige: Die Wortgefechte, bei denen die Fetzen fliegen, sind sein Spezialgebiet. Er sucht geradezu die Auseinandersetzung, geht keiner aus dem Weg, sondern gibt sofort kontra, wenn man ihn in irgendeiner Weise in seinen Ansichten zu korrigieren versucht. Ähnlich wie der Besserwisser glaubt er auch immer bestens informiert zu sein, Widerspruch duldet er nicht. Er hört auch gar nicht richtig zu, sondern sieht nur in dem, was der andere sagt, einen Anhaltspunkt, um sofort zu widersprechen. Nur sein Standpunkt ist der allgemeingültige. Das, was andere sagen, interessiert ihn auch gar nicht, denn er will nur in die Auseinandersetzung gehen, um Recht zu behalten. Fehler gibt er nie zu, denn was er tut und sagt ist immer richtig. Wenn er verbal unterlegen ist, wird es gefährlich, denn dann kann es passieren, dass er auch mal zulangt und den anderen tätlich angreift. Da er unbelehrbar ist, kann nur die Devise lauten: Wenn möglich aus dem Weg gehen und nicht reizen.
  • Der Nörgler: Man könnte denken, der Nörgler wäre eine Miniaturausgabe des Streitsüchtigen. Aber der Nörgler sucht gar keinen Streit, er vermeidet ihn geschickt dadurch, dass er dem Gegner mit kleinen Nadelstichen zu Leibe rückt. In Verbalien sind dies die kleinen, fast unscheinbaren Äußerungen, die nur bei näherem Hinsehen als Angriffe zu deuten sind. Die Worte fallen oft fast beiläufig, es wird nur angedeutet, nicht hart kritisiert. Eine offene Auseinandersetzung scheut er, weil er weiß, dass er da unterlegen sein könnte. Er dementiert dann sehr schnell, will das Gesagte nicht so gemeint haben und versucht auf diese Weise dem offenen Streit aus dem Wege zu gehen. Strategisch gesehen praktiziert er eine Zermürbungstaktik, in dem er dem Gegner oft „Nebelkerzen“ vor die Füße wirft und bei einer eingeforderten Stellungnahme zu seinen „Sticheleien“ mehr oder weniger geschickt „herumeiert“.
  • Der Absahner: Er meint, er wäre etwas Besonderes und hätte deshalb von allem immer die „Sahnehäubchen“ verdient. Der Absahner gleicht einem Zuschauer, der vor einer Theke steht und wartet, bis die Leckereien an ihm vorbeiziehen, auf die er es abgesehen hat. Er ist ein Kenner von allem, was es in der Welt gibt, das bei ihm einen Genuss auslöst oder zu seinem Vorteil gereicht. Genießen ist neben der Vorteilsmitnahme oder die schiere Habsucht das Hauptmotiv seines Handelns. Dafür tut er alles. Er steht auch mal Schlange, wenn es irgendwo „Schnäppchen“ gibt, ist sich auch für die unverschämt wirkende Schnorrerei nicht zu schade. Hauptsache, er erreicht sein Ziel. Geschickt kaschiert er seine Gier als „wirtschaftliches Handeln“, notfalls verweist er darauf, dass das doch heute alle machen: Wo für einen etwas herausspringt, gleich zupacken, ohne lange zu überlegen. Dabei macht er sich die Hände nicht schmutzig, denn sich dafür abmühen, kommt für ihn nicht infrage. Er wartet wie eine Spinne geschickt ab, ob ein Opfer an ihm vorbeizieht. Dann schlägt er zu und lässt es erst wieder los, wenn er es ausgesaugt hat. Er ist wie ein Parasit, der selbst nichts Produktives zu Wege bringt, sondern ständig auf der Suche nach einem Wirt ist, der ihn aushält. Wenn der Wirt nicht ergiebig ist oder ausgesaugt ist, sucht er sich ein neues Opfer.
  • Der Bürokrat: Mir fiel kein besserer Begriff ein, der aber für mich fast für alles steht, was ich verachte: Kleinkariertheit gepaart mit Arroganz, Blindheit für die Bedürfnisse anderer Menschen gepaart mit roboterhafter Paragraphengläubigkeit. Der Bürokrat ist der gewöhnlich tatsächlich in einem Raum sitzende, stets etwas gelangweilt dreinblickende Mensch mit dem Charme einer ausgeleerten Konservendose, die kein Mensch mehr interessiert, weil der Inhalt schon längst verzehrt ist. Er ist umgeben von Aktenbergen, die für ihn Fetischcharakter haben, weil sie für ihn der anscheinend einzige Lebensinhalt darstellen. Das Böse stellen wir uns lieber imposant vor, grausig anzusehen oder zumindest furchteinflößend. Der Bürokrat ist oberflächlich gesehen fast das Gegenteil, sieht man vielleicht von dem Aussehen ab, das auch einmal unserem ästhetischen Empfinden zuwider laufen kann. Ohne mit der Wimper zu zucken schickt er Bescheide des Amtes heraus, die anderen Menschen die Lebensgrundlage entziehen, unterschreibt aber diese Briefe seelenruhig mit freundlichen Grüßen. Er scheut davor zurück, jede Art von Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen und beruft sich gerne auf die Sachzwänge, die sich aus der Rechts- und Aktenlage ergeben und die ihm keine andere Wahl lassen. Er stellt für mich das Böse in Reinkultur dar, weil es sich maskiert in scheinbarer Höflichkeit gepaart mit hinterlistiger Gemeinheit, die die Seelenlosigkeit des Bürokraten offenbart, weil jedes Mitempfinden geleugnet wird und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von anderen Menschen triumphiert.
  • Der „Arschkriecher“: Dem Bürokraten wohnt eine gewisse Unterwürfigkeit inne, doch der „Arschkriecher“ – in Anführungszeichen gesetzt, weil doch der Ausdruck etwas provokant ist – toppt die Devotheit und entwickelt sie zur Reinkultur. Sie dient nur dem Zweck, dass er damit sich bei einem Vorgesetzten, bei einem Parteiführer, bei einem Regierungschef beliebt machen will. Er scheut deshalb davor zurück, diesen zu kritisieren, sondern wird ihm stets nach dem Munde reden, um ihm zu schmeicheln. Er hinterlässt dabei immer eine „Schleimspur“, die ihn klar zu erkennen gibt. Schon durch seine Körperhaltung – leicht gebückt gehend mit vielleicht einem Blick nach oben wendend – signalisiert er seine Unterwürfigkeit. Er passt sich stets der Meinung der Obrigkeit an und verspricht sich damit Aufstiegschancen, denn irgendwann will er auch mal ganz oben sein oder zumindest in der Hierarchie eines bürokratischen Apparates aufsteigen. Eine eigene Meinung hat er nicht, denn die passt er immer an, so dass er nicht aneckt. Er ist konturlos, ohne feste Aussagen zu irgendetwas machend, ohne ein klares Persönlichkeitsprofil. Man weiß nie bei ihm, woran man ist und ein gesundes Misstrauen ist im Umgang mit ihm empfehlenswert. Er „verpfeift“ schon als junger Mensch seine Mitschüler beim Lehrer, um sich bei ihm beliebt zu machen – später sind es seine Arbeitskollegen, die er beim Chef anschwärzt.
  • Der Frömmler: Wer seine Frömmigkeit durch öffentliche Zurschaustellung auslebt, gilt für mich schon suspekt, denn wer wirklich fromm ist, benötigt kein Publikum dazu, denn er hat den Glauben an Gott und muss dies nicht nach außen zeigen; seine guten Werke bleiben im Verborgenen. Der Frömmler legt es aber darauf an, dass seine Frömmigkeit von allen gesehen wird. Er genießt dabei die Bewunderung durch andere, die ihn für fromm halten. Man findet ihn als „aktiven Christen“ in den Kirchengemeinden, der regelmäßig an allen Veranstaltungen des Gemeindelebens teilnimmt, nach einer Funktion im Kirchenvorstand strebt und der es genießt, während einer heiligen Messe etwas vorzubeten oder vorzusingen. Ihm kommt es immer darauf an, dass die anderen ihn hierbei als einen vorbildlichen religiösen Menschen bewundern. Er wirkt gerne bei Benefizveranstaltungen mit, sammelt eifrig für einen neuen Glockenturm und legt Wert darauf, dass, wenn er etwas spendet, dies auch öffentlich bekannt wird. Manchmal gibt er auch an, in einer besonders engen Beziehung zu Gott zu stehen und von ihm Inspirationen oder Anweisungen zu erhalten. Kurzum: Er hält sich für etwas Besonderes, für ihn ist der fromme Schein wichtiger als das dahinterstehende wirkliche fromme Sein.  
  • Der Heuchler: Jeder Frömmler ist ein Heuchler, aber nicht jeder Heuchler ein Frömmler. Es gibt auch die nicht-religiöse Heuchelei. Die Heuchelei ist eine universelle Einstellung desjenigen, der in zweifacher Weise ein „doppeltes Spiel“ betreibt: Erstens tut er nicht das, was er vorgibt zu tun und zweitens legt er für sich selbst andere Maßstäbe an als für die Allgemeinheit. Der kategorische Imperativ nach Kant sieht vor, dass der eigene Maßstab nur dann einen glaubwürdigen moralischen Anspruch dokumentiert, wenn er auch für die Allgemeinheit Gültigkeit haben kann. Oder anders gesagt: Das, was man vorgibt, das jeder tun solle, muss auch für die eigene Person gelten. Wenn also ein Politiker den Anspruch erhebt, dass die Bürger Energie sparen sollen, dann ist es Heuchelei, wenn er selbst dann mit einer schweren, spritfressenden Limousine von einem Chauffeur durch die Gegend gefahren wird und er zu Konferenzen mit einem Privatjet fliegt. Die Doppelmoral, für sich andere Maßstäbe anzulegen, als für die Allgemeinheit, ist deshalb moralisch verwerflich, weil Moral eben einen Allgemeinanspruch hat, der keine oder nur gut begründete Ausnahmen kennt – und die Ausnahme darf nicht den subjektiven Bedürfnissen dienen. Der „Gutmensch“ ist der perfekte Heuchler, weil er stets von der Allgemeinheit eine Opferbereitschaft fordert (z. B. zu Gunsten von Flüchtlingen, die nach Deutschland wollen, um hier zu leben, in dem ihnen Unterkunft und Verpflegung sowie ärztliche  Behandlung zugutekommen), die er selbst nicht an den Tag legt (er nimmt selbst keinen Flüchtling bei sich auf und zahlt auch nicht für die Kosten).     
  • Der Funktionär: Diesen Menschentyp findet man überall dort, wo sich Menschen in Vereinen, in Parteien, in Gewerkschaften, Interessenverbänden wie z. B. Sportbund oder Arbeitgeberverbänden organisieren, um dadurch ihre Interessen besser durchsetzen zu können. Dazu benötigt man den Menschentyp des Funktionärs, der, wie das Wort schon sagt, bestimmte Aufgaben in diesen Organisationen übernimmt. Er funktioniert so zu sagen so, wie man es von ihm erwartet: Er setzt sich ein für die Belange der Institution, für die er tätig ist. Das ist sicher auch so in Ordnung. Nur geht dabei einher eine gewisse „Scheuklappenmentalität“, denn alles, was nun außerhalb der eigenen Organisation an Meinungen vertreten wird, gilt von vornherein als unakzeptabel, weil es eben nicht aus den eigenen Reihen kommt. Dafür gibt es ein internes Belohnungssystem: Je stärker er diese Denkweise praktiziert und je einseitiger er nur die Interessen der eigenen Institution vertritt, desto höher ist sein Ansehen und auch, wenn er dafür bezahlt wird, seine Entlohnung. Der Funktionär ist dabei dann am erfolgreichsten, wenn er jede kritische Distanz zu der von ihm gewählten Funktion verliert, damit gewissermaßen verschmilzt. Es fällt ihm dabei nicht auf, dass er eigentlich nur eine Rolle spielt und dabei seine Person, geschweige denn seine eigene Wesensart als unverwechselbare Persönlichkeit völlig unwichtig wird, dass er, wenn er eben nicht mehr richtig funktioniert, eigentlich auswechselbar ist. Der Prototyp dieses Funktionärs ist der Apparatschik, der sich immer in den Dienst der Partei stellt, dort ein mehr oder weniger hohes Ansehen erwerben kann, bis er irgendwann durch jemand anderes ausgetauscht wird.  
  • Mischtypen: Klar, diese Menschentypen gibt es nicht in Reinkultur. Man könnte sagen: Ein jeder hat auch etwas von diesen Typen in sich selbst, wobei diese nicht so ausgeprägt sein müssen, wie sie hier beschrieben sind. Das bedeutet, dass wahrscheinlich jeder eine gewisse Mixtur dieser „Nervensägen“ in sich hat, die ihn auch selbst nerven können. Es gibt auch den Mischtypus, der zwei oder drei dieser Typen miteinander kombiniert. Eine Kombination könnte die des Frömmlers mit dem des Funktionärs sein, der dann z. B. als Kirchentagspräsident auftaucht. Die Kombination des Strebers mit dem Bürokraten taucht oft in Organisationen auf, in denen die kritiklos Anpassung an das jeweilige System durch sozialen Aufstieg belohnt wird. Je autokratischer die Strukturen sind, desto mehr zahlt sich eine solche Kombination aus. Die Kombination aus Angeber und Geizhals ist auch eine unangenehme Mischung, weil der zur Schau gestellte Reichtum deshalb abstoßend wirkt, da bewusst diejenigen vor den Kopf gestoßen werden, die nicht über Reichtümer verfügen. Auch eine Dreierkombination ist denkbar. So könnte ich mir die Kombination des Strebers, Angebers und Intriganten als eine ziemlich gefährliche Mischung vorstellen, die deshalb brisant ist, weil sich die negativen Eigenschaften noch gegenseitig verstärken: Schon als Schüler war er immer einer der Besten, hat auch stets im Berufsleben danach gestrebt, nach oben zu kommen und scheut sich auch nicht auf dem Weg in die oberen Etagen einer Organisation durch intrigantes Verhalten unliebsame Konkurrenten auf die Seite zu räumen. Wenn er dann damit Erfolg hat, brüstet er sich zu allem Überfluss auch noch mit seinen angeblichen Leistungen und Reichtümern.

 

Die Nervensägen sind die lästigen Plagegeister des Alltages, die Mücken oder Fliegen gleichen, die uns auch auf die Nerven gehen, denen wir aber nur schwer entkommen können. Wir können sowohl die lästigen Insekten als auch die Nervensägen vielleicht verscheuchen, aber sie kommen immer wieder. Sie sind unangenehm bis hin sogar schädlich. Nervensägen haben aber etwas Gutes: Wir fühlen uns dann jedenfalls besser als diese Plagegeister. Oder sind wir dann vielleicht schon selbst wieder wie eine dieser Nervensägen?

 

© beim Verfasser

 

[1] Der Einfachheit halber sind die folgenden Typen im Maskulinum geschrieben. Die Ausführungen gelten entsprechend für beide Geschlechter und „Diverse“.

 

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