Kabarett war schon immer politisch links angesiedelt. Das war in der konservativen Ära der BRD unter Adenauer, Kiesinger, Erhard und Kohl nachvollziehbar. Eine Änderung der politischen Verhältnisse in der Kanzlerschaft unter Angela Merkel hätte eine Änderung in der  Ausrichtung des politischen Kabaretts bewirken müssen, denn die CDU hatte unter ihrer Führung einen „Linksschwenk“ vollzogen und viele konservative Positionen  aufgegeben. Wenn  politisches Kabarett eine Korrekturfunktion haben soll, dann müsste es eigentlich diesen Wandel kritisieren und eine kritische Einstellung gegenüber dieser Politik einnehmen. Dies ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, es wird die gegenwärtig pseudo-linke Politik nicht aufs Korn genommen und stattdessen die politischen Kräfte kritisiert, die weiterhin konservative Positionen vertreten. Ich nenne die gegenwärtige Politik deshalb „pseudo-links“, weil sie nur vordergründig  die für die politische Linke entsprechenden Positionen vertritt, aber in Wirklichkeit eine systemkonforme Politik vornimmt, die auf den Erhalt vieler Privilegien der so genannten Elite abzielt. Deshalb stammen viele Wähler nicht mehr aus der Arbeiterschaft, sondern aus der bürgerlichen Mitte, die sich beruflich in gesicherten Positionen befinden und von der „Umverteilungsmaschine Staat“ durch eine oft kündigungssichere Anstellung im Beamten- oder Angestelltenverhältnis des öffentlichen Dienstes profitieren. Und für dieses saturierte Publikum haben die „Systemclowns“, die einen festen Stammplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben, die Funktion, die Kritik am gegenwärtigen System nicht so weit zu treiben, dass ihnen dieser feste Sendeplatz genommen wird, sondern sehr systemkonform für gute Unterhalt zu sorgen. Der Rauswurf von Uwe Steimle aus dem MDR zeigt, was passiert, wenn die Nähe zwischen politischem System und öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgedeckt wird.

Mit welchen Merkmalen könnte man diese „Systemclowns“ beschreiben? Hier der Versuch, diese aufzulisten:

  • Zielscheiben des Spottes sind rechts: In kaum einer Sendung wird es versäumt, die AfD in die Nähe der Nazis zu stellen und ihre politischen Akteure mit Nazigrößen wie Adolf Hitler zu vergleichen. Auch die CSU wird gern kritisiert, wenn auch jetzt verhaltener, da  dort ebenso wie bei der CDU ein Linksruck zu beobachten ist.
  • Trump wird lächerlich gemacht: Donald Trump, der schon in den Nachrichtensendungen immer einseitig dargestellt wird, ist ebenfalls häufig Zielscheibe des Spotts. Er wird gern als einfältiger Idiot dargestellt, der possenreißerisch durch die Weltgeschichte twittert.
  • Putin und Assad sind Feinde der Freiheit: Auch der Präsident Russland, Wladimir Putin, ist immer wieder eine beliebte Zielscheibe, ebenso der Präsident von Syrien Baschar al-Assad. Sie stehen immer auf der Liste der Systemclowns, weil sie als Feinde der Freiheit gelten.
  • Keine Kritik an Linken oder Grünen: Über diese Parteien hängen die Systemclowns das kabarettistische Schweigen. Wenn Kritik geübt wird, dann nur sehr verhalten und mit einem freundlichen Augenzwinkern.
  • Keine Kritik an Migrationspolitik: Die Migration wird grundsätzlich befürwortet und als eine positive Sache dargestellt. Es handelt sich stets um „arme, verfolgte Flüchtlinge“, für die wir „Wohlstandsbürger“ verantwortlich sein sollen. Wenn Kritik geäußert wird, dann in die Richtung, dass die Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber einer Masseneinwanderung völlig irrational sind.
  • Keine Kritik an der Klimapolitik: Die gegenwärtigen Positionen der Politik, wonach der Klimawandel von Menschen durch erhöhten Kohlendioxid-Ausstoß verursacht wird und dieser Klimawandel schädlich ist, werden nicht in Frage gestellt. Die alternativen Energieerzeugungsformen werden als ausnahmslos gut befunden und die klassischen Energieträger wie Kohle und Uran werden verteufelt. So genannte „Aktivisten“ (z. B. die im Hambacher Forst), die sich gegen die konventionelle Energieerzeugung einsetzen, werden als Helden gefeiert.
  • Kaum Kritik an Merkel: Wurde Merkel noch vor 2015 oft scharf kritisiert, gilt sie nach der Grenzöffnung als eine, die sich auf die „richtige Seite“ gestellt hat.
  • Kapitalismuskritik: Der Kapitalismus gilt als ein ausbeuterisches System, das stets verteufelt wird. Es ist verantwortlich für Unterdrückung, Ausbeutung und grenzenloses Wachstum, das zum Weltuntergang führt. Die pikante Pointe dieser Kapitalismuskritik ist, dass sich die Systemclowns mit Sicherheit insofern selbst kapitalistisch verhalten, als ihre Spitzenvertreter sicher ganz gut leben können.
  • Kaum oder nur verhaltene Islamkritik: Die Kritik am Islam ist zurückhaltend – wohl auch aus Angst vor Repressalien. Lieber werden die Bürger lächerlich gemacht, die kopftuchtragende Frauen für unsere Kultur nicht als passend ansehen.
  • Verhaltene Kritik an den Kirchen: Auch machen die Systemclowns einen weiten Bogen um die Kirchen, lediglich der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche kann mal Thema sein, aber die Pfründe der Amtskirchen mit den relativ hohen Gehältern für ihre Amtsträger findet keine Beachtung.
  • Klamauk ist wichtiger als essentielle Kritik: Der Stil der Systemclowns ist auf vordergründige Effekte ausgerichtet. Die Formulierungen müssen stets so sein, dass sie die Lacher auf ihre Seite ziehen – auch wenn dabei inhaltlich kaum etwas „rüber kommt“.

 

Die Pirols, Nuhrs und andere Protagonisten der kabarettistischen Unterhaltsszene liefern immer die Pointen, die ein konformgehendes Publikum gerne hören will.  Es findet gewissermaßen eine Symbiose zwischen Systemclowns und ihrem Publikum statt: Die Systemclowns liefern genau das, was das Publikum gerne hören will und das Publikum honoriert es mit entsprechenden Eintrittspreisen.

 

©Büren, 17.01.2020, Günther Birkenstock