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Der Mainstream ist ein modernes Schlagwort, das benutzt wird, um den Hauptstrom der Meinungsbildung in einer Gesellschaft zu charakterisieren. Der Vergleich mit dem Fluss drängt sich auf: Der Hauptstrom eines Flusses befindet sich immer in der Mitte, dort, wo sich hauptsächlich die meisten Wassermassen fortbewegen. Aber jeder Fluss hat auch Nebenarme, in denen sich das Wasser in der Landschaft verteilt, es fließt meistens ruhiger und dort befinden sich oft auch Laichplätze für Fische, weil die Fischbrut nicht durch die Geschwindigkeit des Hauptstromes hinweggerissen wird. Manchmal bildet sich aus den Nebenarmen des Flusses auch ein Hauptstrom, wenn dieser durch ein Hindernis am Fortfließen gehindert wird und er sich somit ein neues Flussbett suchen muss. Alle Gehölze oder andere schwimmende Gegenstände werden mit dem Hauptstrom mitgerissen und haben kaum eine Chance, irgendwo ans Ufer zu gelangen. Sie werden hinweggespült, bis der Strom irgendwann in einem See oder dem Meer ankommt. Ähnlich verhält es sich mit dem Mainstream in einer Gesellschaft: Hier werden die Menschen auch förmlich mitgerissen und scheinen keine Chance zu haben, dem Sog zu entkommen. Wer nicht mitschwimmt, wird zur Seite gedrängt oder landet in den Nischen der Gesellschaft, wo man keine Chance hat, „vorwärts zu kommen“. Vergleichbar mit dem Nebenarm des Flusses, verlangsamt sich das Tempo und diejenigen, die sich dem Mainstream entziehen – durch aktives Handeln - oder von diesem zur Seite gedrängt werden – durch Ausgrenzung durch die Gesellschaft – landen dort, wo sich diejenigen befinden, die anders denken, reden oder handeln. Diejenigen, die sich selbst aus diesem mitreißenden Strom herausbewegen, verweilen vergleichbar den Nebenarmen eines Flusses in ruhigeren Gewässern, in denen sie durch die Verlangsamung der Bewegung Zeit zum Nachdenken gewinnen. Sie überlegen sich, ob es wirklich sinnvoll ist, sich wieder in den Hauptstrom zurückzubewegen, in dem viele sich einfach mitreißen lassen in dem Glauben, dass die Richtung, die der Meinungsfluss nimmt, richtig ist. Diejenigen, die sich auf diesem Hauptfluss befinden, wähnen sich in der Sicherheit, dass die Richtung schon stimmen wird, weil ja alle, die sich neben ihnen befinden, in der gleichen Richtung davonschwimmen. Aber, um die Metapher weiter zu verwenden, wissen sie den wirklich, ob sich der Fluss tatsächlich in die richtige Richtung bewegt? Schließlich könnte ja der Fluss plötzlich an eine Grenze gelangen, an denen die Wassermassen in die Tiefe stürzen und alles vernichten, was sich auf ihm befindet. Die vermeintliche Sicherheit, die durch die gleichmäßige Fortbewegung aller, die sich auf dem Fluss der gemeinsamen Überzeugungen bewegen, kann täuschen. Die Täuschung liegt darin begründet, dass die Mehrheit glaubt, dass diese auch wisse, was richtig und wahr ist. Das ist aber nicht der Fall. Das bekannteste Beispiel ist sicher der Glaube, die Erde sei eine Scheibe. Die Mehrheit war dieser Überzeugung, diejenigen, die etwas anderes sagten und behaupteten, wurden sogar von der katholischen Kirche verfolgt und als Ketzer ausgegrenzt. Der Mainstream – damals wurde das nicht so genannt – war schon immer vorhanden. Er begründet sich durch die Eigenart des Menschen, sich dem Druck nicht aussetzen zu wollen, der entsteht, wenn sie eine andere Meinung als die Mehrheit vertreten. Dass es auch anders geht, zeigt der Film „Die zwölf Geschworenen“  (Originaltitel: 12 Angry Men“) aus dem Jahr 1957, der als Spielfilmdebüt des Regisseurs Sidney Lumet gilt (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_zw%C3%B6lf_Geschworenen_(1957 ). Ein wegen Todes angeklagter Puerto-Ricaner wird beschuldigt, seinen Vater ermordet zu haben. Nur ein einstimmiges Abstimmungsergebnis der Geschworenen kann zu einer Verurteilung und zum Tod des Angeklagten führen. Alle Geschworenen, bis auf die Nr. 8, sind von der Schuld überzeugt. Nr. 8 gelingt es in langen Diskussionen zwar nicht, die anderen von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen, aber er kann seine Zweifel an der scheinbaren Eindeutigkeit der Beweise auf die anderen übertragen, bis diese ihm zustimmen, so dass eine Verurteilung des Angeklagten nicht möglich ist. Es hat sicher schon jeder einmal die Situation erlebt, dass in der Schule oder am Arbeitsplatz Schüler oder Arbeitnehmer sich über den Lehrer oder den Chef beschwert hatten und sich dann einer bereit erklärt hatte, diese Beschwerden an geeigneter Stelle vorzutragen mit dem Ergebnis, dass dann diejenigen, die sich zuvor vehement beschwert hatten, dann einen Rückzieher machten, als sie sich dann öffentlich zu ihrer Meinung bekennen sollten. Die Feigheit ist eine weitverbreitete Untugend, die jede Solidarisierung erschwert oder gar unmöglich macht. Wer heute sich nicht auf die Mainstream-Meinung einlässt, dass das Kohlendioxid ein gefährliches Gas ist oder dass die Einwanderung nach Deutschland für unser Land ein Gewinn ist, wird öffentlich diffamiert. Das gemeinschaftliche „Draufhauen“ – neudeutsch: Bashing genannt – wird zur Tugend erklärt (Beispiel: „Kampf gegen rechts“) und von den Presseorganen gefeiert. Die breite Mehrheit schweigt meistens dazu und erhebt nicht ihre Stimme dagegen, aus Angst, dann ausgegrenzt zu werden. Dabei wird häufig der Fehler begangen zu glauben, dass die Wahrheitsfindung gleichzusetzen sei mit der Mehrheitsbildung oder mit anderen Worten gesagt: Wer die Meinung der Mehrheit vertritt, glaubt, dass diese auch der Wahrheit entspricht, denn eine Mehrheit kann sich ja nicht irren. Das ist ein leider weit verbreiteter Irrglaube. Ein weiterer schwerer Irrtum ist es zu glauben, dass der Einzelne ohnehin nichts machen könne („da kann man ja sowieso nichts machen“). Dass das Gegenteil manchmal uns eines besseren belehrt, versuchte in seinem Vortrag mit dem Titel „Die Welt im Übergang“ Geseke von Lüpke (https://www.youtube.com/watch?v=ZfUERZHI9BM) deutlich zu machen, in dem er aufzeigte, dass Veränderungen in der Welt oft im Geheimen oder durch „Einzeltäter“ in Gang gesetzt wurden – außerhalb des gängigen politischen Betriebes (der nur den „Status quo“ erhalten will). Er berichtete in diesem Vortrag von zwei Beispielen, die beeindruckend sind. Das erste Beispiel handelt von der Entstehung der Perestroika (Min. 19.16). Geseke von Lüpke berichtete, der Physiker Hans-Peter Dürr (1929 – 2014) habe ihm erzählt, dieser habe einmal Michail Gorbatschow  gefragt, wie er auf die Idee gekommen sei, das politische System in der Sowjetunion zu verändern und der hätte ihm berichtet, sein Fahrer wäre krank gewesen und er musste mit dem Taxi fahren, und das wäre eine Fahrt von 1 ½ Stunden gewesen. Er habe den Taxifahrer – der den ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion nicht erkannte – über die Zustände in der Sowjetunion befragt und der hätte ihm so ein chaotisches Bild des Landes gemalt, dass das für ihn der Wendepunkt gewesen ist. Das Bild vom Schmetterling, der einen Wirbelsturm auslöst, drängt sich auf: Dieser so genannte „Schmetterlingseffekt“ geht auf den US-Meteorologen  Edward N. Lorenz (1917 – 2008) zurück, der die Frage formuliert hatte: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? (https://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterlingseffekt). Es handelt sich um nicht-lineare Veränderungen, d. h. dass auch nicht nur minimale Anlässe große Wirkungen hervorrufen („Schneeballeffekt“: ein kleiner Schneeball kann eine Lawine auslösen), sondern diese auch nicht vorhersehbare (chaotische) Auswirkungen haben können, bei denen die Verbindung zwischen Anlass und Wirkung gar nicht mehr zu erkennen ist. Der Taxifahrer, so vermutete Geseko von Lüpke, wird wahrscheinlich niemals erfahren, dass  er den Anstoß für die Perestroika gegeben hat. Es gibt aber nicht nur die unvorhersehbare, unbeabsichtigte Veränderung durch kleine Anlässe, sondern auch Fälle, bei denen einzelne Menschen mit einer Idee aufwarten und diese in die Tat umsetzen, die dann „Schule machen“. Die „Green-Belt-Movement“ (Grüne-Welt-Bewegung)  geht auf die Trägerin des alternativen Nobel-Preises Wangeri  Maathai (1940 -2011), zurück, über die auch Geseko von Lüpke berichtete (Min. 21.37), die eines Tages im Jahr 1977 die zunehmende Versteppung ihre Landes Kenia mit begleitender Landflucht, Wachstum der Slums, zunehmende Gewalt festgestellt und gesagt hatte, dass dem Land die Verwurzelung mit der Erde fehle und anfing, an „einem Tag der Erde“ einen Baum zu pflanzen. Aus dieser beispielhaften Handlung ist eine weltweite Bewegung geworden mit der Folge, dass 45 Mio. Bäume gepflanzt worden waren (lt. Wikipedia sollen es 30 Mio. Bäume geworden sein (https://de.wikipedia.org/wiki/Wangari_Maathai).

 

Der betörende Glanz des Mainstream (die Formulierung ist angelehnt an den Buchtitel von Esther Vilar: „Der betörende Glanz der Dummheit“) besteht darin, dass sich diejenigen, die sich darin bewegen, in der vermeintlichen Sicherheit wähnen, von dieser Mehrheit geschützt zu sein. Doch die Masse schützt niemand – man könnte es „Titanic-Effekt“ nennen –, denn wenn es um das eigene Leben geht, hört jede Rücksichtnahme auf. Im politischen Alltag haben das schon viele erfahren müssen, dass es dort weder Rücksicht noch Einfühlungsvermögen gibt, hier zählt nur der Erfolg und die Kriterien sowie die damit verfolgten Ziele hierfür  – und das scheint das Paradoxon zu sein – werden von einer Minderheit diktiert. So gesehen ist der Mainstream doch nur eine durch wenige der so genannten Elite der Gesellschaft vorgegebene Marschrichtung, in die alle zu gehen haben, die am Machtgeschehen teilnehmen und die Früchte der  Machtausübung mit genießen wollen. Dem können einzelne ihre eigenen Ideen entgegensetzen, können etwas verändern, wenn sie dies nur wollen. Sie müssen nur den Mut haben, „aus der Reihe zu tanzen“, sich der Kritik auszusetzen, indem sie sich auf ihre eigene Person und auf ihre Überzeugungen verlassen. Es ist die Macht der scheinbar Ohnmächtigen, die mit Beharrlichkeit, Ausdauer und Geduld etwas verändern, weil sie sich nicht vom Mainstream beirren lassen. Vielleicht haben schon sehr viele etwas in die positive Richtung verändert, ohne dass sie selbst oder auch ihre Mitmenschen davon etwas gemerkt zu haben.

 

© Büren, 01.12.2019, Günther Birkenstock

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