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Das Bundesverfassungsgericht hat den § 217 StGB für nichtig erklärt (2 BvR 2347/15, 2 BvR 651/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 2527/16) und damit auf eine Vielzahl von Klagen zu dieser Frage mit einem Urteil reagiert (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2020/bvg20-012.html). Das Gericht sah einen Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht nach Art 1 und 2 GG, wonach ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben nach der alten Rechtslage eingeschränkt war. Nach § 217 StGB konnte mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden, wer „die Selbsttötung eines anderen fördert, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt“ (https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__217.html). Als einen wesentlichen Aspekt der Entscheidung, sich das Leben selbst zu nehmen, formulierte das Bundesverfassungsgericht folgendermaßen: „Die selbstbestimmte Wahrung der eigenen Persönlichkeit setzt voraus, dass der Mensch über sich nach eigenen Maßstäben verfügen kann und nicht in Lebensformen gedrängt wird, die in unauflösbarem Widerspruch zum eigenen Selbstbild und Selbstverständnis stehen. Die Entscheidung, das eigene Leben zu beenden, ist von existentieller Bedeutung für die Persönlichkeit eines Menschen. Welchen Sinn der Einzelne in seinem Leben sieht und ob und aus welchen Gründen er sich vorstellen kann, sein Leben selbst zu beenden, unterliegt höchstpersönlichen Vorstellungen und Überzeugungen“ (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2020/bvg20-012.html). Das Gericht führt als weiteres Argument – neben dem der Selbstbestimmung – an, dass durch Verbot der Inanspruchnahme geschäftsmäßiger Hilfe die Autonomie faktisch genommen wird.  Mit der Entscheidung des Gerichts ist aber auch klar: Eine aktive Sterbehilfe ist nicht erlaubt, sondern der Akt des Handelns muss bei dem Sterbewilligen liegen. Nur ist nun die Ermöglichung des Aktes der Selbsttötung (assistierte Sterbehilfe) nicht mehr unter Strafe gestellt, wobei „geschäftsmäßig“ nicht mit „gewerblich“ gleichgesetzt werden darf, es bedeutet nur, dass ein „auf Wiederholung angelegtes“ Handeln zur Ermöglichung der Selbsttötung vorliegt (https://www.focus.de/gesundheit/news/bundesverfassungsgericht-entscheidet-sterbehilfe-paragraph-217-muss-ueberarbeitet-werden_id_11705001.html). Das Gericht hat mit dieser Entscheidung, das Handeln eines Arztes, z. B. ein Rezept für ein Medikament zur Selbsttötung auszustellen, straffrei gestellt. Die Kirchen und auch die Palliativverbände haben – wie zu erwarten war – das Urteil kritisiert, weil nun die Gefahr bestehe, dass Druck auf Patienten ausgeübt werden könnte (Reinhard Marx und Heinrich Bedform-Strom) oder die Erleichterung der Selbsttötung zur normalen Dienstleistung (Deutsche Palliativ Stiftung) würde (https://www.focus.de/gesundheit/news/bundesverfassungsgericht-entscheidet-sterbehilfe-paragraph-217-muss-ueberarbeitet-werden_id_11705001.html).

Der Akt der Selbsttötung und die Hilfe hierbei involviert schwerwiegende Fragen des Menschseins: Darf der Mensch überhaupt seinem Leben selbst ein Ende setzen? Ist die Selbstbestimmtheit eines Menschen, der sich das Leben nehmen will, wirklich auf einen freien Willen zurückzuführen? Gibt es nicht eine Pflicht eines jeden, einen anderen daran zu hindern, sich selbst das Leben zu nehmen?

Ich will im Folgenden auf diese drei Fragen eingehen:

 

Die Frage, ob der Mensch sich selbst überhaupt das Leben darf, ist eine zutiefst religiöse Frage. In den monotheistischen Religionen gibt es die Auffassung, dass das Leben eines Menschen ein göttliches Geschenk ist, d. h. dass ein Gott der Verursacher von Leben überhaupt ist (Schöpfungsakt) und dass er auch individuell dieses Leben kreiert. Folgt man diesem Gedankengang, dann kann folglich auch nur dieser Gott das Leben  wieder insgesamt auslöschen (Weltuntergang) und auch individuell beenden (natürliches Sterben). Gott wäre somit der „Herr über Leben und Tod“ und nicht der Mensch. Das Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben stieße dann gegen das Recht auf Fremdbestimmung durch einen allmächtigen Gott („der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen“, Hiob 1,21). In der Geschichte von Hiob wird es nach einer Vereinbarung zwischen Gott und Satan dem Satan erlaubt, Hiob alles zu nehmen, außer seinem Leben, um ihn auf die Probe zu stellen, ob er auch weiterhin zu Gott seinem Herrn hält, wenn ihm alles genommen wird. Der entscheidende Passus ist hier, dass Satan nicht das Recht zum Töten erlaubt wird, sondern dieses bei Gott verbleibt. „Du sollst nicht töten“ hat dieser Gott den Menschen damals als 6. Gebot in einer seiner 10 Gebote aufgetragen (2. Mose 20,13), womit nur im eigentlichen Sinne das widerrechtliche Töten gemeint war und nicht das Töten allgemein. Das im hebräischen Text verwendete Wort „ratsah“ kommt dem unseren für „morden“ ziemlich gleich, so dass z. B. das Töten eines Tieres, um dann das Fleisch zu essen, nicht damit gemeint war (https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/du-sollst-nicht-morden/). Die spannende Frage wäre dann, ob die Selbsttötung dann auch unter dieses Gebot fiele. Im Islam ist die Selbsttötung nicht erlaubt, weil nach diesem Glauben Gott das Leben gibt oder nimmt (https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/s/selbsttoetung-im-islam). Auch im Judentum gilt, dass die Selbsttötung nicht erlaubt ist; nur die Selbsttötung wegen Verhinderung eines Inzestes, eines Mordes oder eines Götzendienstes erlaubt den Suizid (https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/s/selbsttoetung-im-judentum). Auch im Christentum gilt der Suizid als nicht erlaubt und führte in der Konsequenz dazu, nach katholischer Lehre kein christliches Begräbnis durchzuführen, was noch bis ins frühe 20. Jahrhundert galt, aber nach 1983 nicht mehr der Fall war (https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid). Die frühere katholische Kirche hatte infolge der strengen Kirchväter wie z. B. Augustinus den Suizid abgelehnt und ihn als eine Todsünde (endgültige Trennung von Gott) angesehen; wohingegen in der heutigen Zeit diese strenge Sicht aufgehoben wurde und die Hilfe für diese Menschen im Vordergrund steht (https://weltanschauungsrecht.de/Suizid). Freier ist da der Buddhismus. Diese Religion, die ohne einen personalen Gott auskommt, verurteilt nicht die Selbsttötung, sondern sieht es nur im Hinblick auf das Karma als schädlich an, da dadurch die vorhandenen Probleme nicht gelöst, sondern nur in das nächste Leben verschoben werden (https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/s/selbsttoetung-im-buddhismus). Wird das Leben unabhängig von einem Gott angesehen, also als ein auf rein biologische Prozesse zurückgehender Vorgang, kann noch freier über die Frage entschieden werden, ob jemand sich selbst das Leben nehmen darf. Für jemand dieser Auffassung ist es klar, dass er keinem Gott gegenüber verantwortlich ist und  es rein in die Autonomie des Menschen gestellt ist, sich das Leben zu nehmen. Diesem Gedankengang ist auch im Grunde genommen das Bundesverfassungsgericht gefolgt.  Man kann also festhalten: Wer an einen personalen Gott glaubt, lehnt die Selbsttötung ab, wer dies nicht tut, hat damit kein Problem.

 

Bei der nächsten Frage, ob der Selbsttötungsakt auf eine freie Willensentscheidung zurückgeführt werden kann, ist zu bedenken, dass der Suizid eine häufige Folge psychischer Erkrankungen ist; Schätzungen gehen von 90 % als Ursache aus, wohingegen Lebenskrisen wie z. B. Scheidung oder wirtschaftlicher Ruin nur zu 5-10 % eine alleinige Ursache darstellen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#Heutige_Erkenntnisse). Depressionen z. B. bergen immer ein erhöhtes Risiko für eine Selbsttötung (etwa 50 %; https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/suizidalitaet#Ursachen%20und%20Risikofaktoren). Ein weiterer hoher Risikofaktor stellt das Alter dar, denn mit steigendem Alter nimmt auch die Häufigkeit des Suizids zu, was mit der verschlechterten Lebensqualität durch Krankheiten und Gebrechen erklärt werden kann (https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid). Selbsttötung ist somit oft eine Folge die freie Entscheidungsfreiheit einschränkender Faktoren, die dann zu dem Entschluss führen, sich das Leben zu nehmen. Man könnte auch sagen, der Grad der Willensfreiheit nimmt mit wachsenden Risikofaktoren wie z. B. psychische Erkrankung, Alter, ständige Schmerzen, ausweglos erscheinende Lebenssituationen, ab. Es ist also nicht so, dass hier scharf unterschieden werden kann zwischen freier Willensentscheidung auf der einen Seite, die dann zu einem bewusst herbeigeführten Selbsttötungsakt führt („Bilanz-Selbstmord“) und Willensunfreiheit, die dann zu einem Suizid führt. Es gibt somit graduelle oder schleichende Übergänge von der völligen Willensfreiheit zur Willensunfreiheit. Dass es etwa zehnmal  so viele nicht „gelungene“ Selbsttötungen  (ca. 100.000 im Deutschland gegenüber 10.000) als „geglückte“ Suizide gibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#cite_note-DOI10.1017/S0033291713001207-32), deutet darauf hin, dass nicht immer die Absicht der Selbsttötung im Vordergrund steht, sondern damit auch ein Signal an die Umwelt ausgesendet werden soll, um auf die eigene Notlage hinzuweisen („demonstrativer Selbstmord“). Die Selbsttötung kann deshalb auch so gesehen werden, den Problemen und Konflikten des Lebens aus dem Wege gehen zu wollen. Gerade die Berichte von Menschen, die nach einem Suizid eine Nahtoderfahrung gemacht haben, zeigen eine veränderte Auffassung, wonach erkannt wird, dass es ein Fehler war, sich das Leben nehmen zu wollen (Nahtoderfahrung – ein Indiz für ein Leben nach dem Tod?: https://www.guentherbirkenstock.de/neue-seite). Sie sehen danach  das Leben als eine Aufgabe an, die zu lösen und zu bewältigen der Mensch sich vorgenommen hat (Seelenplan), bevor er zur Welt gekommen ist (Inkarnation). Der vorzeitige Tod zerstört diesen Lebensplan und verhindert ein sich im Jenseits vorgenommenes spirituelles Wachstum. Die Verkürzung des Blickwinkels auf das eine Leben, das viele glauben, mit einem Akt beenden zu können, verstellt den Blick auf die weitere Dimension unseres Lebens, wonach wir nicht nur Teil dieser materiell/irdischen Welt sind. Hierzu ist eine Erweiterung eines Weltbildes notwendig, welches auch ein Weiterleben des Menschen nach dem Tod  bejaht und somit spiritueller Natur ist (https://www.guentherbirkenstock.de/das-materialistische-und-spirituelle-weltbild).

 

Nun zur letzten Frage, ob es eine moralische Pflicht gibt, Menschen zu helfen, die sich selbst das Leben nehmen wollen. Diese Frage lässt sich auf jeden Fall bejahen, was sich schon allein aus dem Umstand ableiten lässt, dass sich jemand strafbar macht, der einen Menschen nicht daran hindert, sich das Leben zu nehmen, was als unterlassene Hilfeleistung bezeichnet werden kann (https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__323c.html). Die Verpflichtung endet dort, wo man sich selbst dabei in Gefahr bringt. Jede Hilfe ist somit erlaubt und geboten, jemand von seiner Absicht abzubringen, sich das Leben zu nehmen. Aber es gibt keine Verpflichtung, jemand bei der Selbsttötung zu assistieren. Dennoch: Der bekannte und schon verstorbene Krebsarzt Julius Hackethal (1921 – 1997), der einmal sehr früh schon eine assistierte Tötungshilfe durchgeführt hat, hatte einmal gesagt (aus meiner Erinnerung wiedergegeben), dass der Arzt der beste Freund seines Patienten sein müsse, was auch beinhalte, dass er nicht nur dabei helfen muss, ihm am Leben zu halten, sondern ihm auch beistehen muss, wenn dieser aus eigenem Willen aus dem Leben scheiden will. Er hatte damals einer Patientin, die an Krebs litt und der schon Teile des Gesichts weggeschnitten worden waren, auf ihren Wunsch hin Zyankali gegeben, das diese selbst eingenommen hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Hackethal). Er ist mit dieser Handlung, trotz zahlreicher standesrechtlichen und strafrechtlichen Prozeduren (er wurde nie verurteilt), die er hatte über sich ergehen lassen müssen, dieser Lebensphilosophie treu zu bleiben. 

 

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts macht deutlich, welch eine Wandlung in der Gesellschaft vollzogen wurde, um die Selbsttötung vom Makel der Strafbarkeit endgültig zu befreien. Es ist in seiner Grundaussage völlig atheistisch, da es jede durch einen Gott festgelegte Lebensdauer ablehnt, was zwar nicht expressis verbis formuliert wurde, sich aber aus der Art der Argumentation ergibt. Es hat den Menschen die Freiheit zurückgegeben, mit seinem Leben verantwortungsvoll umzugehen, ohne hierbei befürchten zu müssen, dass er selbst oder assistierende Angehörige oder professionelle Helfer in strafrechtliche Schwierigkeiten geraten.

 

©Büren, 28.02.2020, Günther Birkenstock

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