Pin It

 

Der Begriff Heimat hatte früher noch einen hohen Stellenwert. Man denke nur an die Nachkriegszeit, als die „Heimatfilme“ eine Hochsaison erlebten. Das war kein Wunder, denn nach dem Krieg gab es ein starkes Bedürfnis nach Heimat, weil viele ihre Heimat verloren hatten, sei es, dass sie durch den Angriff der alliierten Truppen, vor allem aus dem Osten, aus dieser vertrieben wurden, sei es, weil sie als Kriegsgefangene fern der Heimat ausharren mussten. Aber eine ganze Generation später fand die Jugend diese Heimatverbundenheit als ziemlich antiquiert und lächerlich. Die Weltoffenheit war angesagt mit einer kosmopolitischen Ausrichtung. Gerade die junge Generation lehnte mehr und mehr den altmodisch empfundenen Heimatbegriff ab. Der nicht verwurzelte Mensch mit seinen vielfältigen, möglichst international ausgerichteten Interessen war angesagt. Weltreisen waren möglich geworden und wer sich immer nur auf derselben Scholle aufhielt, galt als altmodisch. Doch allmählich merken auch die Deutschen des 21. Jahrhunderts, dass die Heimat eine gewisse Bedeutung für das Leben hat. Und im Jahr 2017 wurde dem Innenministerium sogar noch der Heimatbegriff angehängt, so als ob man nun doch noch das Gefühl vermitteln wolle, dass man die Menschen mit noch einem  Restbedürfnis nach Heimat verstanden hat. Worin liegt nun die Bedeutung dieses Heimatbegriffes? Man kann vielleicht mehrere Aspekte unterscheiden:

  • Zugehörigkeit: Der erste Aspekt ist der, dass jeder Mensch einen Bezugspunkt in seinem Leben braucht, der ihm das Gefühl gibt, zu einem Land oder einer Bevölkerungsgruppe zugehörig zu sein. Fanclubs im Fußball, Heimatvereine in Ortschaften, Schützenvereine, Parteien und sogar das Internet mit seinen sozialen Netzwerken vermitteln den Menschen ein wichtiges Gefühl: Du bist nicht allein. Du gehörst zu uns. Wer hier sich verorten kann, fühlt sich einer Gruppe von Gleichgesinnten verbunden, die das Gefühl vermitteln: Wir gehören zusammen.
  • Vertrautheit: Manchmal gehe ich über Google-Maps an die Orte meines Lebens zurück, zoome mich heran, um mir die Häuser noch einmal anzusehen, wo ich schon einmal gelebt habe. Es kommen Erinnerungen an frühere Zeiten hoch: Da hast du mal als Kind gespielt, da bist du mit dem Fahrrad entlang gefahren, da warst du zu Hause. Das Gefühl, dass man diese und jene Ecken noch kennt, dass sich die Häuser doch noch am selben Ort befinden, dass vielleicht der Baum noch dort steht, wo er schon früher stand – nur ein bisschen gewachsen, gibt jedem Menschen die Gewissheit: Hier war ich mal zu Hause oder, wenn man dort noch immer wohnt, hier bin ich noch zu Hause. Alles, was uns fremd ist, flößt uns ein ambulantes Gefühl ein: Einerseits sind wir vielleicht neugierig, etwas Neues zu entdecken, anderseits fühlt man sich aber auch verlassen, allein, sucht mit den Augen irgendeinen vertraut vorkommenden Punkt, wird aber nicht fündig. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich ein: Nichts ist mir bekannt, alles ist mir fremd, keine Person ist mir vertraut, du bist hier nicht am richtigen Ort.
  • Sicherheit: Jeder, der an einem bestimmten Ort eine Weile lebt, wird mit dem wachsenden Gefühl der Vertrautheit auch immer sicherer werden, denn er kennt inzwischen viele Straßen und Plätze. Und viele dieser inzwischen bekannten Orte vermitteln das Gefühl der Sicherheit: Hier kann dir nichts Schlimmes passieren, denn die Menschen kennen dich und du kennst sie auch. Es ist unwahrscheinlich, dass nun diese Menschen dir plötzlich etwas Böses antun. Menschen, die sich gegenseitig kennen, auch wenn es nur die alltäglichen Situationen der flüchtigen Begegnung am Morgen oder das scheinbar oberflächliche Gespräch über das Wetter sind, die zu Begegnungen einladen, geben das Gefühl der Sicherheit. Denn von ihnen hat man nichts Böses erfahren, hat vielleicht sogar als gute Nachbarn auch einmal sich gegenseitig geholfen. Nein, Schlimmes ist nicht zu erwarten. Dieses Gefühl kann aber verloren gehen, wenn Nachrichten von Übergriffen von Menschen in ihrer eigenen Heimat kursieren. Wenn harmlose Jogger bei ihrem alltäglichen Training auf einem schon vertraut geglaubten Weg überfallen werden und diese Nachricht sich verbreitet, macht sich Unsicherheit und Misstrauen breit. Das Argument, dass es doch eigentlich selten vorkommt, wie es oft zu hören oder lesen ist, schafft keine Abhilfe, im Gegenteil: Die Menschen empfinden sich nicht verstanden.
  • Geborgenheit: Ein weiteres wichtiges Gefühl wird vermittelt, das nicht nur Sicherheit vermittelt, sondern auch Ruhe und Frieden. Es gilt als das zweitschönste Ort der deutschen Sprache, das nicht in die englische übersetzt werden kann (https://de.wikipedia.org/wiki/Geborgenheit): Geborgenheit. Es ist also ein typisch deutsches Wort. Vielleicht ist es nicht nur ein Wort, das nur die Deutschen kennen, sondern es ist vielleicht auch eine typisch deutsche Sicht- und Lebensweise. Ein Kind braucht diese Geborgenheit, das ihm die Möglichkeit verschafft, unerschütterlich an die Verlässlichkeit seiner Eltern und seines Daseins glauben zu können, damit es unbesorgt aufwachsen kann. Auch ein Gemeinwesen kann und sollte sogar dieses Gefühl vermitteln. Es wird gestört, wenn die gemeinsame Basis eines Wertekanons verloren geht und alles der Beliebigkeit unterworfen wird, wenn z. B. Politiker für keine festen Werte stehen und ihre Meinung opportunistisch der jeweiligen Situation anpassen. 
  • Verlässlichkeit: Wer in einer fremden Umgebung leben muss, fühlt sich oft verlassen, sieht sich von dem allein gelassen, was ihm vertraut war. Die Verlässlichkeit gehört zum Heimatgefühl dazu, weil es ausdrückt, dass man sich auf die Menschen stützen kann, ihnen vertrauen kann, die man vielleicht von Kindheit an kennt, die immer da waren, wenn man sie brauchte. Jedes Kind hat die Ur-Angst, von seiner Mutter, seinem Vater und anderen wichtigen Person verlassen und allein gelassen zu werden. Wer sich heimisch fühlt, vertraut auf die Personen, die eigentlich immer schon da waren, die ihm das Gefühl vermittelt haben: Du bist nicht allein, du kannst dich auf uns verlassen. Die mangelnde Verlässlichkeit im öffentlichen Raum ist leider fast schon alltäglich. Wenn von staatlichen Stellen gemachte Zusagen nicht eingehalten werden, wenn das Recht gebeugt wird, weil dies politisch opportun erscheint, wird Vertrauen verspielt und es entsteht eine Spaltung in einem Land, die so oft von öffentlicher Seite beklagt wird. Dabei sind es gerade diese politischen Kräfte, die diese Spaltung durch ihre Unzuverlässigkeit verspielt und dafür gesorgt haben, dass ein Misstrauen zwischen Volk und Regierenden entstanden ist.
  • Beständigkeit: Zum Heimatgefühl gehört auch die Beständigkeit dazu. Der ständige Wandel unserer Lebensverhältnisse vermittelt uns das Gefühl, dass das, was heute richtig ist, schon morgen falsch sein kann. Dem steht der starke Wunsch entgegen, dass der ständigen Wandelbarkeit der Welt etwa entgegen stehen muss, das uns das Gefühl vermittelt: Auch morgen ist das noch gültig, was heute gilt. Für religiöse Menschen gilt Gott als derjenige, der immer schon war und der immer auch sein wird. So sehr sich alles ändern kann, bleibt nach ihrer Ansicht Gott immer der gleiche. In der heutigen Zeit wird dieses Bedürfnis nach Beständigkeit verspottet und als altmodisch dargestellt. Wer konservativ ist, gilt schon als rückständig und ewig gestrig. Dabei haben die Menschen auch im Hinblick auf politische Akteure ein Bedürfnis, dass nicht alles ständig neu revidiert, diskutiert, und das Gefühl aufkommt: Was heute richtig ist, kann morgen schon falsch sein!

Das, was dem Gefühl der Heimat entgegensteht, ist das Gefühl der Fremdheit. Heimat muss nicht immer nur etwas sein, was geographisch begrenzt ist, wobei dies auch häufig der Fall ist, wenn man z. B. an einen Heimatort denkt, wo man wohnt. Aber ein Heimatgefühl entsteht auch dort, wo man sich gewissermaßen nur virtuell begegnet: In den sozialen Netzwerken des Internet kann auch ein Heimatgefühl entstehen. So passt als Antonym zur Heimat der Begriff der Fremdheit eher als der der Fremde, weil das Gefühl der Fremdheit nicht lokalisiert sein muss. Dieses Gefühl stellt sich durch allmähliche Veränderung der Umgebung ein, aber auch durch das Entfremden von der Welt an sich, die einem immer unheimlicher werden kann. Heimlich fühlt man sich, wenn sich Behaglichkeit einstellt, wenn die Welt, in der man lebt, in Übereinstimmung steht mit dem eigenen Befinden. Unheimlich wird es, wenn diese mangelnde Übereinstimmung entweder sich allmählich einstellt (Entfremdung) oder abrupt erfolgt (Angst auslösende Situation). Die Entfremdung kann auch dort erfolgen, wo sich die eigene Heimat befindet. Wenn z. B. die Stadt, in der man lebt, sich immer mehr durch Zuzug von Menschen verändert, die weder von der Hautfarbe, noch von der Art sich zu kleiden, sich zu benehmen, zu reden, nicht den Menschen, mit denen man es bisher zu tun hatte, übereinstimmen, entsteht auch ein Gefühl der Entfremdung. Man fühlt sich dann fremd im eigenen Land. Nach der Leipziger „Autoritarismus-Studie“ aus dem Jahr 2018 vertritt fast jeder dritte Deutsche ausländerfeindliche Positionen. Im Osten des Landes stimmt jeder Zweite, im Westen fast jeder Dritte der Aussage zu, dass Ausländer den Sozialstaat ausnutzen, 36 % halten Deutschland für überfremdet, ein Viertel der Befragten meinten, sie würden die Ausländer dann wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn es mit den Arbeitsplätzen in Deutschland knapp wird. Fühlten sich  noch 2010 rund 33 Prozent der Befragten durch die vielen Muslime als Fremde im eigenen Land, sind es 2018 in Ost wie West 55 Prozent.  (https://idw-online.de/de/news705489). Diejenigen, die diese Studie durchgeführt haben, sehen diese Einstellungen als ein Indiz für ein „Autoritarismus-Syndrom“, das die Wurzel des Rechtsextremismus darstelle. Es ist verständlich, dass die Autoren zu dieser Schlussfolgerung kommen, sind doch die Herrn PD Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler Leiter des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig. Der Name ist schon Programm und verrät, in welche Richtung die Forschung geht: Nicht die Überfremdung ist ein Problem, sondern die Menschen, die damit ein Problem haben, haben eine Persönlichkeitseigenschaft, die als rechtsextrem oder autoritär bezeichnet wird, neigen eben zu rigiden Lebenseinstellungen, was hierfür typisch ist (https://idw-online.de/de/news705489). Die Blickrichtung geht also nicht in die zu prüfen, ob das Gefühl der Überfremdung eine gewisse Berechtigung hat, ob sich die Lebenswirklichkeit der Einheimischen durch den Zuzug von Ausländern geändert hat. Sondern es wird nur die Reaktion auf diese Entfremdung unter die Lupe genommen und dabei diese „pathologisiert“: Mit diesen Menschen, die sich nicht freuen über die kulturelle Bereicherung, kann etwas nicht stimmen, dies wäre die Schlussfolgerung aus dieser Studie.

Heimat ist mehr als nur ein Landstrich. Heimat ist ein Stück Identität, das  uns vermittelt wird aus der Konstanz von Beziehungen, die uns ähnlich sind, die vergleichbare Einstellungen teilen, die die gleiche Sprache sprechen und die eine gemeinsame Geschichte haben. Dies verbindet alle miteinander und schafft einen Konsens, der die Basis dieses Heimatgefühls darstellt. Diejenigen, die in unser Land einreisen, um sich hier dauerhaft niederzulassen, teilen diese Gemeinsamkeiten i.d.R. nicht, sie bringen ihre eigene Heimat (mit eigenen Traditionen, Sprache, Kultur oder Religion) mit, die sie hier fortsetzen wollen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass hier eine Vermischung stattfindet. „…und wir sind ein Land, das im Übrigen Anfang der sechziger Jahre die Gastarbeiter nach Deutschland geholt hat, und jetzt leben sie bei uns. Wir haben uns ´ne Weile lang in die Tasche gelogen. Wir haben gesagt, die werden schon nicht bleiben. Irgendwann werden sie weg sein. Das ist nicht die Realität, und natürlich war der Ansatz zu sagen, jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so nebeneinander her und freuen uns übereinander. Dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert! ..." Das sagte noch Angela Merkel am 01.12. 2003 auf dem 17. Parteitag der CDU in Leipzig (https://www.youtube.com/watch?v=am1iKqzY9G4). Davon wird sie heute nichts mehr wissen wollen.

Heimat, das sollte hier aufgezeigt werden, ist ein Wert, den jeder Mensch schätzt, der in einem Gemeinwesen leben will und nicht nur überleben will. Das Überleben ist auch in einer völlig heterogenen Gemeinschaft, die durch den Zuzug von Menschen aus anderen Kulturen gefördert wird, möglich, in der aber ein gemeinsames „Wir-Gefühl“ nur schwer entstehen kann. Hier entwickeln sich eher Einzelkämpfer in einer „Ellenbogengesellschaft“, in der jeder sich selbst der nächste ist. Das Gefühl der Einsamkeit, das viele heute haben, resultiert – und selbstverständlich nicht nur – aus einer immer unübersichtlich werdenden Gesellschaft, in der die Beziehungen anonymer und gleichgültiger werden und in der viele das berechtigte Gefühl haben: Hier bin ich nicht mehr daheim.

©Büren, 02.03.2020, Günther Birkenstock

 Als Leserbriefe gekennzeichnete Beiträge spiegeln nicht (unbedingt) die Meinung der Redaktion wider, sondern stellen die subjektive Meinung des Einsenders dar.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren