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Wir leben in einer Welt, die anscheinend beherrscht wird von Systemen: Das System des Kapitalismus, in dem das Geld die dominierende Rolle spielt, zwingt uns zu bestimmten ökonomischen Entscheidungen, die uns nicht immer passen. Das Gesundheitssystem bereitet uns Probleme, weil wir manchmal das Gefühl haben, als Individuum dort nicht recht verstanden zu werden, weil es dort zwar vielleicht gute Ärzte gibt, die hehre Absichten haben, aber das System, so hört man oft, erlaube keine auf die Patienten zugeschnittene Lösungen, sondern gehorche eigenen Gesetzen. Hier bin ich bei meiner Recherche auf das merkwürdige Paradoxon gestoßen, dass nur 3 % der Onkologen nach einer anonymen Befragung, wenn sie selbst oder ein Angehöriger Krebs hätten, die Chemotherapie anwenden würden, obwohl sie dieses Therapieverfahren bei ihren Patienten anwenden (https://www.youtube.com/watch?v=2bpcStvwaSw). Gehorchen sie dann einem Gesundheitssystem und folgen dessen Vorgaben ohne dabei Gewissensbisse zu haben? Das politische System in dem wir leben erlaubt auch anscheinend nicht immer das zu sagen und zu tun, was uns selbst passt, weil die „political correctness“ etwas anderes verlangt. Wer heutzutage Kritik an der Flüchtlings- und Asylpolitik übt, wird sehr schnell als rechtsradikal und nationalistisch verurteilt, denn die „herrschende Meinung“ des politischen Systems begünstigt die zu Lasten der Allgemeinheit gehende Politik der Einwanderung nach Deutschland, ohne die Folgen zu bedenken. Was ist aber das System? Dieses Wort kommt aus dem Griechischen (ύστημα sýstēma)  und bedeutet, dass aus mehreren Einzelteilen zusammengesetze Ganze (https://de.wikipedia.org/wiki/System). Das Individuum kann ein Teil dieses Ganzen sein oder sich außerhalb davon befinden. Ist es ein Teil des Systems, dann ist es integriert und muss, um zu funktionieren, sich nach den Regeln verhalten, die in diesem System bestehen. Tut es das nicht, dann treten Mechanismen in Kraft, die dazu tendieren, den Einzelnen dazu zu zwingen, sich nach dem Regelsystem zu richten, nach dem es funktioniert. Dies tut das System aus dem einfachen Grund: Es will selbst überleben! Dafür leistet das System auch einen Beitrag für den Einzelnen: Es schützt ihn vor allem, was außerhalb des Systems an Gefahren lauert. Wir sind von Natur aus aber anscheinend für überschaubare Gruppen gemacht, in der die „Face-to-face-Kommunikation“ dominiert. Man sieht sich an wenn man miteinander spricht und man kann somit ganz konkret und unmittelbar erkennen, wie das, was man sagt und tut, bei dem anderen ankommt. Die Verhaltenskorrektur kann somit unmittelbar erfolgen. Anders ist es in Systemen. Hier ist die Situation für den Einzelnen unübersichtlich, weil kein Sichtkontakt mehr besteht. Es besteht ein quasi unsichtbares Netz von Beziehungen der Mitglieder des Systems, deren Absichten, Regeln und Aktionen nicht unmittelbar zu erkennen sind. Die einzelnen Akteure in diesem System identifizieren sich oft mit den nicht immer offen dargestellten Interessen des Systems insgesamt. Die „Systemler“, also diejenigen, die sich angepasst haben, werden durch dieses System geschützt, solange sie bereit, nach diesen Interessen zu handeln. In dem Film „Matrix“ war dieses System ein von Maschinen beherrschte Scheinwelt, in der die Menschen gefangen gehalten wurden. Die Aufpasser und Mitglieder dieser Matrix verteidigten das System gegen die Rebellen, angeführt von Morpheus, die dafür eine sichere Position erhielten und damit gut überleben konnten. Der erste Schritt, dieses System anzugreifen, bestand darin, dass Neo als der „Auserwählte“ darüber von Morpheus aufgeklärt wurde, dass er überhaupt in dieser Matrix lebt und dass er für die Maschinen nur als Energielieferant diente. Fortan entschied er sich, diese Matrix zu bekämpfen und stellte sich gegen das System. Wer schon einmal selbst in einer Kleingruppe erlebt hat, wie sehr der Gruppendruck ihn dazu bringen kann, gegen seine eigenen Überzeugungen zu handeln, wird vielleicht nachvollziehen können, welche Macht ein System haben kann, eine von diesem erwartete Verhaltenskonformität zu erzwingen. Denn in der Kleingruppe mit dem „Face-to-face-Kontakt“ kann man noch die Akteure erkennen und mit ihnen kommunizieren und seine eigenen Absichten erläutern, kann diese auch eventuell gegen den Gruppendruck durchsetzen. In einem System dagegen sind die Gegenspieler oft unsichtbar und Verantwortliche für bestimmte Vorgaben des Systems nur schwer auszumachen. In der Soziologie hat sich hierfür der Begriff der „strukturellen Gewalt“ (Johan Galtung) eingebürgert, der die oft verschleiernden Macht- und Gewaltverhältnisse eines Systems beschreibt. Manchmal treffen diese strukturelle Gewalt und die tätliche Gewalt aufeinander, wenn z. B. ein „Hartz-IV-Empfänger“ versucht, sich mit körperlichen Aktionen (anschreien oder sogar tätlicher Angriff auf Bedienstete des Systems „Jobcenters“) gegen von ihm als schikanös empfundene Zumutungen zur Wehr zu setzen. Der genau nach Vorschrift vorgehende „Systemler“ des Jobcenters – er hat als Gegenleistung für einen sicheren Arbeitsplatz seine eigene Meinung aufgegeben und funktioniert genau nach den ihm vorgegebenen Dienstanweisungen – ist sich eines Unrechts seines Handelns nicht bewusst, weil er mit den in diesem System geltenden Regeln konform geht. Inge Hannemann hatte als ehemalige Mitarbeiterin des Jobcenters (https://de.wikipedia.org/wiki/Inge_Hannemann) diese Situation selbst erlebt und dann versucht, dieses System „von innen zu ändern“, indem sie aus ihrer Sicht die unmenschliche Praxis der Sanktionen angeprangert hat. Das „System“ hat sich aber gewehrt und sie schließlich aus ihrer Position verdrängt. Dies zeigt, dass es schwer bis fast unmöglich ist, als Einzelner eines Systems dies als „Interner“ zu reformieren, weil es oft nicht im Interesse dieses Systems ist; es reagiert wie die Maschinen in dem Film „Matrix“, die versuchten, die „Störenfriede“ zu eliminieren. Entweder der Einzelne wird auch zum „Systemler“ oder er stellt sich außerhalb des Systems, wird zu einem Art „Robin Hood“, der von außen versucht dieses zu bekämpfen. Wir haben also die Wahl: Entweder wir leben als konforme Mitglieder von diversen Systemen oder wir haben den Mut, uns außerhalb dieser Systeme zu stellen, um unseren eigenen Weg zu gehen, uns selbst und unserem Gewissen treu zu bleiben. Der für mich prominenteste Vertreter dieses Weges ist Jesus Christus. Er musste erfahren was es heißt, sich sowohl gegen das weltliche Machtsystem (römischer Staat) als auch gegen das geistliche Machtsystem (jüdische Schriftgelehrte und Pharisäer) zu stellen: Er wurde gekreuzigt. Er erfuhr aber, dass er trotzdem nicht allein geblieben ist, obwohl er zum Schluss das Gefühl hatte, von Gott verlassen zu sein ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" - Mk. 15,34), und die uneingeschränkte Hilfe von seinem „Vater“ erhielt, indem er ihn am dritten Tag von den Toten auferweckte. Vielleicht kann uns dieser Bericht Mut machen, diesem Beispiel, wenn es auch nur ansatzweise ist, zu folgen.

©Büren, 29.11.2018, Günther Birkenstock

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