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Heuschrecken sind Insekten, die durch ihre Gefräßigkeit ganze Landstriche verwüsten können. Ihre einzige Lebensaufgabe scheint es zu sein, sich durch Abnagen von Blättern zu ernähren, die abgegrasten Anpflanzungen zu verlassen, um sich dann neue Gebiete zu suchen, in denen sie aufs Neue das Spiel wiederholen können. Sie waren schon zu biblischen Zeiten eine Plage, als nämlich Moses versuchte, mit einer Heuschreckenplage den Pharao dazu zu bringen, sein Volk, die Israeliten, aus Ägypten ziehen zu lassen.  Auch heutzutage können Heuschreckenschwärme große Schäden anrichten und die mühsame Arbeit von Bauern und Farmern binnen kürzester Zeit zu Nichte machen.

Eine gute Metapher könnten diese Heuschrecken sein für Menschen, die sich ähnlich wie diese Insekten verhalten und nur darauf aus sind, sich durch das Abgrasen der Früchte und Bemühungen anderer zu bereichern, um dann, nachdem es nichts mehr zu holen gibt, über andere herzufallen. Das Phänomen ist nicht neu. Wer sich an die alten Wild-West-Filme erinnern kann, kennt diese Szenen: Eine Räuberbande zieht durch die Prärie, überfällt harmlos Farmer, die sie um ihre Viehbestände, ihre Pferde, ihre mühsamen Ersparnisse und andere Güter bringen, um dann weiter zu ziehen. Um lästige Zeugen der Überfälle zu vermeiden, wurden die armen Menschen oft auch noch umgebracht. In modernen Zeiten haben sich die Umstände geändert, unter denen solche Raubzüge stattfinden, aber das Ziel ist das gleiche: andere Menschen ausplündern, ohne Rücksicht darauf, dass diese dann in Schwierigkeiten geraten. Vielleicht denken einige dabei an Bankräuber, Straßenräuber oder Menschen, die in andere Leute Wohnungen und Häuser einbrechen, um diese um ihr Hab und Gut zu bringen. Das mag schon sein, dass diese Verbrecher auch das für Heuschrecken typische Verhalten an den Tag legen: Sie haben nur im Sinn, sich selbst auf Kosten eines anderen dessen Früchte zu ergattern. Aus dem Bühnenwerk von Bertold Brecht „Die Dreigroschenoper“ stammt der bekannte Satz: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Siehe auch. Der Sozialkritiker hat es wohl richtig erkannt: Derjenige, der „am Ende der Verbrecherkette“ steht, ist der klügere Verbrecher, also der „Hehler ist schlimmer als der Stehler“. Es sind die „Hintermänner“ der Kette der Drogendealer, auf welche die Polizei es abgesehen hat, wenn sie eine Verbrecherbande endgültig zur Strecke bringen will. Es sind die Bordellbesitzer, die die Prostituierten ausbeuten und es sind diejenigen, die mittels eines perfiden Zinssystems die Menschen versuchen auszuplündern: Die Geldverleiher, wie sie früher hießen und die Banken, die anderer Leute Geld verleihen. Es ist die „White-collar-Kriminalität“, bei der die raffiniertere Täter die wahren Meister ihres Faches sind. Der US-amerikanische Soziologe Edwin H. Sutherland hat diesen Begriff mit seinem Buch „White collar crime“ 1940 geprägt, in dem der darauf hinwies, dass auch Mitglieder der Mittelschicht und Oberschicht kriminell werden. Nur haben die Angehörigen dieser Bevölkerung eine geschicktere Vorgehensweise, um ihre Kriminalität zu tarnen. Die Rechtsbrüche werden oft im Geschäftsleben, im Staatsdienst oder in freien Berufen begange. Siehe auch Aber es werden immer noch Straftaten begangen, also Gesetze übertreten. Nur werden diese Täter aufgrund ihrer Intelligenz, die sie hierbei einsetzen, seltener bei den Gesetzesbrüchen ertappt. Wäre es dann nicht klüger, die Gesetze so zu ändern, dass die Raubzüge nicht als Straftaten gelten?  Das wäre doch die geschickteste Art der Ausbeutung von Menschen: Man „legalisiert“ die nach moralischen Gesichtspunkten zu verurteilende Verhaltensweisen. Warum fällt mir dabei ein, dass vielleicht Abgeordnete eines Parlamentes für ein solches Verhalten in Frage kommen? Wenn Abgeordnete ihre „Diäten“ erhöhen, ist dies ein solch geschickter Schachzug. Kaum war der Bundestag im Jahre 2017 gewählt, da beschlossen die frisch gewählten „Volksvertreter“, dass die Regelung aus der alten Legislaturperiode übernommen werden solle, wonach ihre Abgeordneten-Bezüge jeweils in der Mitte des Jahres auf der Basis der vom Statistischen Bundesamtes errechneten Lohnentwicklung „angepasst“ werden sollen. Siehe auch Der Automatismus dieser Anpassung wurde von Abgeordneten der AfD scharf kritisiert, weswegen diese Fraktion das Gesetzesvorhaben ablehnte, aber durch die Stimmen der anderen Parteien überstimmt wurden. In den Jahren zuvor musste jeweils neu über die Frage, welche Diäten die Abgeordneten bekommen sollten, abgestimmt werden, was in der Öffentlichkeit für Unmut („Selbstbedienung“) sorgte. Durch die Gesetzesregelung der Automatisierung der Diätenerhöhung, die erstmals im Jahr 2016 erfolgte, entzogen sich die Abgeordneten auf diese geschickte Weise der öffentlichen Diskussion zur Diätenerhöhung. Siehe auch Ist das nicht ein gutes Beispiel für die geschickteste Art, moralisch verwerfliches Verhalten durch eigene Gesetze zu legalisieren?

Wenn über das Thema Heuschrecken als Metapher für ausbeuterisches Verhalten nachgedacht werden soll, kann man an den Kirchen nicht vorbeikommen. Wenn man sich die deutschen Verhältnisse ansieht, dann stellt man fest, dass die heutige Haupteinnahmequelle der Kirchen die Kirchensteuer ist. Im Jahr 2017 nahm die katholische Kirche 6,43 Mrd. EUR und die evangelische Kirche 5,67 Mrd. EUR an Kirchensteuer ein. Die Einnahmen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen (2010 lagen die Einnahmen bei 4,79 Mrd. bzw. 4,26 Mrd. EUR), obwohl die Anzahl der Kirchenanhänger rückläufig ist. Siehe auch Etwa 2/3 der gesamten Einnahmen werden für die Bezahlung des Klerus und des anderen Kirchenpersonals verwendet (https://ibka.org/de/infos/ksteuer.html).  Nur ein geringer Anteil der Kirchensteuereinnahmen kommt so genannten sozialen Zwecken zu Gute. Die Schätzungen liegen zwischen 5- und 10 %. Siehe auch. Zu den Steuereinnahmen kommen aber noch staatliche Zuwendungen aufgrund vielfältiger Verträge zwischen Staat und Kirche hinzu, die zum Teil Jahrhunderte zurückliegen. Die Schätzungen für diese Steuersubventionen liegen bei ca. 20 Mrd. Siehe auch.cMit diesen Geldern werden z. B. die Gehälter der Bischöfe gezahlt, die zwischen 7.000 und 10.000 EUR im Monat verdienen (damit zahlt auch der nicht-konfessionell gebundene Steuerzahler die Bezüge der Bischöfe!), aber auch die Kosten für die Militärseelsorge und die Unterhaltung von Kirchengebäuden bestritten. Blickt man auf die Jahrhunderte alte Geschichte zurück, dann kann man feststellen, dass die Kirche immer schon sehr einfallsreich im Genieren von Geldquellen war. Die hauptsächlichen Geldquellen waren früher der Sklavenhandel (der Papst unterstützte den Sklavenhandel und unterhielt selbst Sklaven), Leibeigene (wurden von Klöstern gehalten und ausgebeutet), Urkunden- und Titelfälschungen (Fälschung von Urkunden, aus denen hervorging, dass Landstriche durch einen Fürsten einem Kloster vermacht wurden, „konstantinische Schenkung“), Verkauf von Segensbriefen und Titeln (aus einer Preisliste des Vatikan aus dem Jahr 1990 geht hervor, dass ein Segensbrief des Papstes 2.500 EUR kostet, 15.000 EUR kostet eine Privataudienz mit Video, für 25.000 EUR erhält man einen Ehrendoktortitel, für eine Spende von 60.000 EUR erhält man den Orden das Großkreuz des St.Gregor-Ordens, ein Heiligenprozess kostet 100.000 EUR), Ablasshandel (für die Zahlung eines Geldbetrages wurden Sünden erlassen), Raubmord (geraubtes Gold von den Völkern vor allem Lateinamerikas nach Eroberung Amerikas), die Inquisition (das Vermögen der Opfer wurde einkassiert), Erbschleicherei (es war früher sogar päpstlich verboten, dass kein Testament ohne Beisein eines kirchlichen Vertreters gültig war, vor allem alleinstehende Menschen wurden beerbt), der Zehnt (Abgaben der Grundbesitzer an die Ortskirche in Höhe von 10 % der Einnahmen) und sogar Prostitution (eigene Bordelle wurden von Päpsten errichtet, die Prostituierten mussten für das Ausüben des Gewerbes Steuern an den Papst abführen). Pfarrer und Bischöfe der deutschen Kirchen befinden sich in Deutschland in der privilegierten Position, quasi Staatsbeamte zu sein, die bis zu ihrem Lebensende eine sichere Stellung haben und sich um ihre Zukunft aufgrund ihres unkündbaren Status keine Sorgen machen müssen. Das liegt an dem Tatbestand, dass die Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts gelten, somit einen hoheitlichen Status haben, der normalerweise nur den Körperschaften des Staates, wie z. B. die Kommunen, selbst zukommt. Der Staat – namentlich die Finanzämter – treiben die Kirchensteuer mit der normalen Einkommenssteuer ein, notfalls auch durch Zwangsvollstreckung. Somit hat es die Kirche geschafft, den Staat zu ihrem Büttel zu machen. Sie selbst macht sich nicht die Hände schmutzig, sondern sitzt wie der Hehler am Ende der Geldkette und kassiert nur die Einnahmen aus der Kirchensteuer ein. Der Sündenfall der Kirche liegt nicht so sehr in dem „Missbrauchsskandal“ („Unzucht“ mit Minderjährigen), was selbstverständlich nicht verharmlost werden soll, sondern vielleicht in diesem Zusammenhang für ein Ablenkungsmanöver herhalten soll, sondern in dem Umgang mit dem Geld. Dabei hatte Jesus eine klare Trennung empfohlen, als er davor warnte, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen: Gott und dem Mammon (Matthäus 6,24). Warum die Kirche glaubt, an diese Empfehlung sich nicht zu halten zu müssen, wird ihr Geheimnis bleiben. Auch bei der Frage, ob man dem Kaiser Steuern zahlen solle, machte er deutlich, dass man zwischen der Welt und Gott unterscheiden müsse („gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist“, Matthäus 22,21). Wie harmlos erscheint unter diesem Aspekt gesehen derjenige, der in einer Kirche den „Opferstock“ stiehlt, obwohl hier eine solche Tat nicht verharmlost werden soll. Aber es macht deutlich, dass auch die Kirche nicht davor zurückschreckt, wie eine Heuschrecke das abzugrasen, was andere erarbeitet haben, denn die Kirche selbst schafft keine materiellen Werte, sondern sie nutzt die in der Volkswirtschaft erarbeiteten Einnahmen, in dem sie sich durch die Kirchensteuer und andere Subventionen einen Teil davon nimmt, ohne hierfür eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. Die oft zu hörende Begründung, dass doch die Kirche auch durch die von ihr unterhaltenen Heime, Pflegedienste, Krankenhäuser, Kindergärten, Obdachlosenunterkünfte oder anderen sozialen Einrichtungen einen Beitrag zum Gemeinwohl leistet, sticht nicht, da hier über die Versichertengemeinschaft  oder über aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanzierter Sozialleistungen in Form von Sozialhilfe eine Kostendeckung erfolgt.

„Die Aliens sind unter uns“ lautete ein im Jahr 1999 erschienenes Buch von Christoph Beer. In diesem Buch schildert er diese besondere Spezies, die es selbst in einem demokratischen Zeitalter schafft,  ein auskömmliches Lebens zu führen, ohne sich großartig selbst anzustrengen. Über diesen Menschentypus wird im Einbandtext informiert: „Sie gehen nicht einkaufen, sie ziehen ihre Kinder nicht selbst groß, produzieren nichts, was man essen, anziehen, lesen oder anschauen kann. Dafür haben sie andere: Menschen eben. Denen können sie ganz genau begründen, warum sie effizienter werden und den Gürtel enger schnallen müssen.“  „Mitnichten geht es um Außerirdische, sondern vielmehr um die Aliens innerhalb unserer menschlichen Gesellschaft. Wer die sind? All diejenigen, die still und heimlich dafür sorgen, dass viele Mitbürger ohne zu murren ihre alltägliche unbefriedigende Arbeit verrichten, und die davon profitieren. All diejenigen, die uns Demokratie vorgaukeln, in Wahrheit aber ein verlogenes System von Lobbyisten und Machtgeilen stützen.“ Quelle bzw. hier. Beer beschreibt als markanten Punkt, ab dem diese Aliens die Herrschaft übernehmen: Es ist der Übergang von der persönlichen und zur abstrakten Herrschaft, die nicht so leicht zu erkennen und zu durchschauen ist und die doch von einigen genutzt wird, um ein fast unsichtbares Netz von Beziehungen der Herrschenden untereinander und ein Abhängigkeit  erzeugendes Netz von einem Wust an Regeln und Rechtsvorschriften zu kreieren, um die „Massen“ besser kontrollieren zu können. Kontrolle und Ausbeutung ist das Ziel dieser in den Spitzen der Wirtschaft, Politik und anderen gesellschaftlichen Institutionen befindlichen Aliens, die sich eben wie die Heuschrecken verhalten: Sie grasen nur ab, was andere mühsam erzeugt haben, ohne selbst einen eigenen Beitrag zu leisten, indem sie uns vorgaukeln, unser Bestes zu wollen, uns zu schützen, uns durch Regeln ein sicheres Leben zu garantieren, aber in Wirklichkeit uns nur für den Verkauf dieser Illusionen ausbeuten und uns zu ihren modernen Sklaven machen. Es wird Zeit, dass wir diese Heuschrecken der Neuzeit verjagen, statt sich von ihnen ausbeuten zu lassen.

©Büren, 23.11.2019, Günther Birkenstock

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