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Die Seenotrettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer ist ein Phänomen, das viele Menschen bewegt und auch in zwei Lager spaltet: in die einen, die diese Seenotrettung befürworten und dies auch noch mit christlichen Motiven begründen und in die anderen, die dagegen sind. Die europaweit seit 2018 agierende Organisation „Seebrücke“  richtet sich gegen die angebliche Kriminalisierung der Seenotrettung (https://de.wikipedia.org/wiki/Seebr%C3%BCcke_(B%C3%BCndnis) und unterhält auch in Deutschland zahlreiche Stützpunkte (https://seebruecke.org/), von dort auch Aktionen gestartet werden, um die Rettungstaten im Mittelmeer zu unterstützen. Viele Städte haben sich einem Bündnis „Sichere Häfen“ angeschlossen, um die Aufnahme von so genannten Flüchtlingen zuzusichern, gehen dabei aber kein Kostenrisiko ein, da der Bund nach Aussage des Innenministeriums die Kosten übernimmt (https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Buendnis-Sichere-Haefen-Bund-traegt-die-Kosten,hafen1606.html). Ich zähle mich zu dem zweiten Lager, die die Seenotrettung ablehnen und will dies hier begründen:

  1. Die Seenotrettung begünstigt nur die Starken: Diejenigen, die es auf dem afrikanischen Festland bis zur Meeresküste am Mittelmeer geschafft haben, gehören in mehrerer Hinsicht zu den Starken. Sie sind physisch stark genug, die Strapazen auf sich zu nehmen. Sie haben aber auch genügend Geld, die Schlepper bezahlen zu können. Diese Konstellation begünstigt vor allem junge Männer, während Frauen und Kinder dafür weniger geeignet sind.
  2. Die Schwachen bleiben zu rück und werden allein gelassen: Die Schlussfolgerung ist, dass die Schwachen (z. B. Alte, Kranke, Behinderte, Kinder, Frauen) es nicht so leicht schaffen, sich bis zum Mittelmeer durchzuschlagen, sie bleiben eher zurück in ihrem Heimatland. Die starken jungen Männer fehlen aber dem Land, aus dem sie kommen, um dort beim Aufbau zu helfen.
  3. Unterstützung von unsolidarischem Verhalten: Wer seine Heimat verlässt, um nach Europa zu gehen, sucht primär für sich selbst bessere Lebensbedingungen. Das ist verständlich. Jedoch hat er damit nur seinen eigenen Vorteil im Blickfeld. Er nimmt keine Rücksicht auf Angehörige, die zurückbleiben. Vielleicht könnte er doch noch für seine Eltern, Ehefrau oder Kinder sorgen. Möglicherweise verspricht er, sie aus dem Ausland finanziell zu unterstützen. Aber er sucht zunächst einmal sein eigenes Glück und lässt die anderen im Stich.
  4. Handlangerdienste für Schlepper: Weil die Schlepper davon wissen, dass es Seenotretter von Nichtregierungsorganisationen (NGO) gibt, die die Flüchtlinge aufnehmen wollen, können sie die Flüchtlinge in nicht für die Überfahrt nach Europa geeignete Boote setzen. Die Flüchtlinge wissen davon, dass es solche NGO-Schiffe gibt und dass die Mannschaften dieser Schiffe sie retten wollen. Das erleichtert ihnen es, sich dem Risiko auszusetzen, sich in ein für die Überfahrt ungeeignetes Schlauchboot zu begeben. Sie provozieren damit ihre eigene Seenotlage. Ohne dass man eine direkte Absprache zwischen Schleppern und NGO-Rettern unterstellen muss, ist es für beide klar, dass sie indirekt „Hand-in-Hand“ arbeiten. NGO-Retter machen sich somit zu Komplizen von modernen Menschenhändlern.
  5. Moralische Nötigung: Es wird immer wieder das Argument von den Befürwortern gebracht, dass doch Seenotrettung nicht kriminell und damit gerechtfertigt sei, so auch der Außenminister Heiko Maas, der auf Twitter schreibt: „Menschenleben zu retten ist eine humanitäre Verpflichtung, Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden“ (https://twitter.com/HeikoMaas/status/1144949474076319744).Nur oberflächliche Menschen würden auch behaupten, dass Seenotrettung kriminell sei, denn nach internationalem Seerecht ist die Seenotrettung selbstverständlich legal. Problematisch ist aber die Anfahrt eines europäischen Landes, um dort die Lanhdung in einem europäischen Hafen zu erzwingen, denn es besteht nach dem Seerecht nur die Verpflichtung, den Geretteten an einen sicheren Hafen zu bringen, so dass auch die Anfahrt  eines Hafens an der afrikanischen Küste, die zudem i.d.R. näher ist, möglich ist. Wenn die Landeerlaubnis eines europäischen Landes nicht sofort erteilt wird, verschlechtert sich zwangsläufig die Situation der geretteten Flüchtlingen mit der Folge, dass die Nichterteilung einer Landerlaubnis eine Zugzwangssituation hervorruft: Wird diese nicht erteilt, erhöht sich dadurch der Druck auf das ablehnende Land, doch noch die Landeerlaubnis zu erteilen, um in der Öffentlichkeit nicht als menschenverachtend dazustehen.  Ein solches Verhalten der NGO-Retter kommt einer moralischen Erpressung gleich, denn wenn die Landeerlaubnis nicht erteilt wird, setzte sich das Land einem moralischen Protest der veröffentlichen Meinung aus. Schlimmer noch ist die Variante – siehe das bekannte Verhalten von der deutschen Kapitänin Carola Rackete – die Landung in einem Hafen mit Gewalt zu erzwingen.
  6. Seenotrettung ist nicht christlich: Kirchenvertreter begründen die Seenotrettung gerne mit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe. Wenn dies der Fall wäre, dann müsste jeder, der einen Flüchtling aus dem Meer rettet und auf das europäische Festland bringt, alle Folgekosten übernehmen. Die Begründung ist die, dass Jesus in dem Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ erzählte, dass der Samariter den ausgeraubten Mann nicht nur gerettet hatte, indem er ihn auf seinem Reittier mitnimmt, sondern dass er ihn in eine Herberge brachte, für deren Kosten er selbst (!) aufkommt; er sichert dem Wirt auch noch zu, dass er ihm noch mehr Geld geben werde, wenn er zurückkommt (Matthäus 10, 35-37). Dass die Seenotretter sich bereit erklärt hätten, alle Folgekosten ihrer Lebensrettung zu übernehmen, ist mir nicht bekannt. Deshalb halte ich die Seenotrettung insofern für Heuchelei, als sie zwar vordergründig der Rettung von Menschenleben dient, aber alle Folgekosten der Allgemeinheit aufbürdet.
  7. Negierung des Willens der Bevölkerung: Man stelle sich folgendes vor: Es gäbe eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen vor der Obdachlosigkeit zu retten. Die Menschen dieser Organisation streiften durch belebte Straßen der Großstädte oder Parks, um dort Obdachlose aufzusammeln. Nachdem sie sie in ihren Wagen mitgenommen hätten, gingen sie auf die Suche nach geeigneten Unterkünften und versuchten die vor der Obdachlosigkeit geretteten Menschen in Häuser von aus ihrer Sicht wohlhabenden Leuten - durch moralischen Druck, notfalls auch mit Gewalt, gegen den erklärten Willen - unterzubringen. Sie kümmerten sich nach dem „Abladen“ der Obdachlosen nicht weiter um deren Schicksal, sondern bürdeten dieses den aus ihrer Sicht geeigneten Menschen auf, denen sie die Obdachlosen überlassen haben. Nichts anderes tun die NGO-Retter, in dem sie die Flüchtlinge einfach an Land bringen, ohne sich vorher zu vergewissern, ob dies auch dem Willen der Bevölkerung entspricht. 
  8. Verhinderung legaler Einreise: Wer auf dem Seeweg durch die NGO-Helfer auf das europäische Festland gebracht wird, muss sich nicht darum bemühen, bei der deutschen Botschaft in seinem Heimatland eine legale Einwanderung in die Wege zu leiten; letzterer Weg nach Deutschland ist nicht einfach, denn es müssten eine Reihe von bürokratischen Hürden überwunden werden, weil vor der Einreiseerlaubnis eine Überprüfung durch die deutschen Behörden stattfinden muss.
  9. Erhöhung des Drucks auf Benachteiligte: Man findet häufig Befürworter der Seenotrettung in der gehobenen Mittelschicht, die keine oder mäßige Existenzängste haben, die in bevorzugten Wohngegenden leben und dadurch wenig direkten Kontakt mit denjenigen haben, deren Einreise sie befürworten. Sie haben auch genügend Geld, um ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken, wo der Migrantenanteil nicht so hoch ist. Anders sieht es in ärmeren Bevölkerungsschichten aus: Dort kommt es zur direkten Konkurrenz auf dem enger werdenden preiswerten Wohnungsmarkt. Außerdem müssen sie in Stadtteilen leben, die durch einen hohen Migrantenanteil mit dem dazugehörigen Konfliktpotential gekennzeichnet sind.
  10. Isolierte Betrachtung der Seenotrettung und Glorifizierung der Retter: Wer einen Menschen aus Seenot rettet, betrachtet sich selbst als einen großen Helden – und lässt sich gerne auch so feiern. So wurde z. B. Carola Rackete vom Katalanischen Parlament am 10.09.2019 eine Ehrenmedaille für ihre Seenotrettung verliehen und sie damit als „Verteidigerin der Menschenrechte“ gewürdigt (https://www.jungewelt.de/artikel/362490.katalonien-auszeichnung-f%C3%BCr-seenotrettung.html). Er isoliert diese Handlung von allen Vorbedingungen und Folgen. Nur so erscheint sie ihm und auch der willfährigen Presse als eine glorreiche Tat. Was zur Flucht eines Menschen geführt hat, ob dies mehr oder weniger lobenswerte Beweggründe hatte, interessiert ihn nicht sonderlich. Auch die Folgen sind ihm egal. Ob er möglicherweise hilft, dass Kriminelle nach Europa gelangen, ob die aufgekommenen Flüchtlinge aufgrund der kulturellen Unterschiede überhaupt eine Integrationsmöglichkeit haben, liegt auch nicht in seinem Blickfeld. Ihn interessiert allein die Rettungstat. Diese Einschränkung der Perspektive ist im Grunde genommen verantwortungslos, sowohl gegenüber den Geretteten also auch gegenüber der  Bevölkerung, die diese aufnehmen sollen.

Die Seenotrettung hat eine Affinität zum Gutmenschentum oder sie ist ein Ausfluss dieser Attitüde, bei der ebenfalls ein blinder Fleck existiert, der bewirkt, dass bestimmte Aspekte der Realität ausgeblendet werden, damit sie aufrecht erhalten werden kann. Die Beschränkung der Sichtweise, dass die Seenotrettung ausnahmslos eine gute Tat ist, resultiert aus dieser Beschneidung der Wahrnehmung der Wirklichkeit auf die den eigenen Menschen- und Weltbild entsprechenden Einstellungen.

©Büren, 28.11.2019, Günther Birkenstock

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