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Die Moral ist in Verruf gekommen. Viel zu oft wurde sie missbraucht, um unliebsame Kritiker los zu werden. Die jeweils herrschenden Eliten haben sie gebraucht, um die „breite Masse“ in Schach zu halten, Angst und Schrecken wurden bemüht, um sie zu kontrollieren. Also scheinen viele zu denken: Warum brauchen wir dann noch Moral? Ist das nicht „ein alter Hut“? Moral war noch nie so wertvoll wie heute – um es im Stil eines bekannten Werbeslogans zu sagen (weiterlesen). Warum ist das so? Hier meine Antworten:  

  • Mangelnde Instinkte: Im Tierreich gibt es feste Regeln, die von so genannten Instinkten gesteuert werden. Der Hirsch wird nicht gefragt, ob er im Herbst auf „Brautschau“ gehen will, denn die Natur fordert ihr Recht und die Brunftzeit beginnt. Der Hirsch hat keine Wahlfreiheit zu sagen: „Ich habe keine Lust mit dem herbstlichen Röhren und auf den Kampf mit Rivalen schon gar nicht.“ Die schwarze Witwe hat nach ihrer Begattung nichts Eiligeres zu tun, als das arme Männchen nach der Begattung zu verspeisen, wenn es diesem nicht gelingt, der viel größeren Gattin rechtzeitig zu entkommen. Auch hier bewirken wohl Instinkte den Gattenmord. Und der Mensch: Nun, nach Ausbruch der Pubertät sieht er sich konfrontiert mit der Tatsache, dass der wachsende Sexualtrieb ihn zu manch unüberlegten Handlungen bringen kann wie z. B. eine ungewünschte Schwangerschaft. Aber er hat es in der Hand, sich nicht nur treiben zu lassen, sondern sich selbst zu kontrollieren, um dem unerwünschten Malheur Paroli zu bieten. Der Grund ist Moral: Die Kontrolle des Sexualtriebes verleiht ihm die Möglichkeit der Steuerung und Begrenzung des eigenen Verhaltens durch Verhaltensvorschriften, die dies bewirken. Man stelle sich vor, es gebe keine Moral, die hier einschreitet: Frauen könnten nicht mehr sicher sein, nicht von jedem Mann vergewaltigt zu werden. Eigentümer müssten ständig in Angst leben überfallen und ausgeraubt zu werden.
  • Der Irrtum der 68-Generation: Die „antiautoritäre Bewegung“, die in Folge der Studentenunruhen einsetzte, hatte auch das Ziel der Befreiung von autoritären Strukturen der konservativen Väter. Dabei haben sie sprichwörtlich aber „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“: Alle Autoritäten wurden „in den Dreck gezogen“, was sich z.B. in den siebziger Jahren in den „Lümmelfilmen“ zeigte, in denen die armen Lehrer als vertrottelte Idioten dargestellt wurden, die von cleveren Schülern ausgetrickst wurden. Das war die filmische Vorausschau auf chaotische Verhältnisse in den Schulen, die dann folgen sollten. Der Lehrer wurde seiner Autorität beraubt und nicht mehr als Vorbild gesehen und die Schüler sahen in ihm nicht mehr jemand, der sich bemühte, ihnen noch etwas beizubringen, was sie selbst nicht wussten. Die Demontage der Autoritäten ging durch alle gesellschaftlichen Gruppen und reicht bis in die heutige Zeit hinein, in der der mangelnde Respekt vor Vertretern staatlicher Institutionen beklagt wird. Hat dieser Autoritätsverfall etwas mit Moral zu tun? Sehr wohl, denn die Moral wird eben verkörpert durch Autoritäten, die diese Moral transportieren, um der nachfolgenden Generation die Vorstellungen der Gesellschaft über die Art und Weise des Zusammenlebens zu vermitteln. Werden diese Autoritäten demontiert, verliert die Gesellschaft einen wichtigen Motor dieses Vermittlungsprozesses. Dies heißt nun nicht, dass die Werte und Normen, die via Autoritäten transportiert werden, immer 1 zu 1 übernommen werden sollen, denn diese Vermittlung findet immer in einem regen gesellschaftlichen Diskurs statt. Aber wenn diese Protagonisten demontiert werden, wird ein wichtiger Teil dieses Prozesses zerstört.
  • Gegen die Ich-Gesellschaft: Das im Jahr 2000 erschiene Buch „Die Ich-Gesellschaft“ von Uta Hess (weiterlesen) spiegelte die schon vor 20 Jahren aufkommende Ich-Zentrierung in unserer Gesellschaft wider, in der der Zusammenhalt immer mehr durch diesen Zeitgeist verloren geht. Uta Hess hatte nur den Fehler begangen, die beschriebene Egozentrik als die schlimmste Form der Ich-Bezogenheit darzustellen. Dabei ist sie aber nur die schwächste Form, die leider noch steigerungsfähig ist. Während der Egozentriker nur unabsichtlich andere schädigt, ist es beim Egoisten sehr wohl gewolltes Kalkül. Der Narzisst ist eine weitere Steigerungsform, bei dem noch eine besondere Art der Kränkbarkeit hinzukommt, die es ihm nicht erlaubt, eine solche Kränkung zu vergessen. Und der Psycho- oder Soziopath sind die übelsten Sorten der Ichbezogenheit, die sich in mangelnder Empathie und Gewissenlosigkeit auszeichnen (weiterlesen). Damit die Gesellschaft nicht in dem Meer dieser ichbezogenen Menschen versinkt, benötigt sie eine Moral, die diese Auswüchse unter Kontrolle hält. Diese Moral hilft aber nur dann, wenn die Werte und Normen, auf die sich die Moral stützen, vermittelt werden. Dieser Vermittlungsprozess geschieht in dem, was man klassischerweise mit Erziehung, wissenschaftlich mit Sozialisation, bezeichnet. Findet dieser Prozess nicht statt, wird der Gesellschaft ein wichtiger Teil ihres lebensnotwendigen Konsenses entzogen und sie landet in einem Chaos.
  • Verlust der Vorbilder: An einer anderen Stelle habe bereits über den Verlust der Vorbilder geschrieben (weiterlesen) und ihren Verlust beklagt. In dem genannten Sozialisationsprozess, in dem die Werte und Normen den nachfolgenden Generationen vermittelt werden, spielen aber diese Vorbilder eine entscheidende Rolle. Hier werden uns leider Menschen gezeigt, oft heuchlerisch gut getarnt hinter leeren Worthülsen und Appellen, die nicht gerade als Vorbilder dienen können. Als jüngstes negatives Beispiel fällt mir der jetzige Gesundheitsminister ein, der in einer Zeit, in der durch die von ihm zu verantwortenden Corona-Maßnahmen viele ihr wirtschaftliche Existenzgrundlage verlieren, es sich erdreistet, sich mit seinem Ehemann eine Villa in Berlin zu kaufen, die einen Wert von über vier Millionen EUR hat (ansehen). Das ist gelinde gesagt zumindest „geschmacklos“. So etwas kann eben nur einem Menschen einfallen zu tun, der zumindest als Egozentriker bezeichnet werden kann. Überhaupt ist die so genannten „Doppelmoral“ typisch für die negativen Vorbilder, die oft nach dem Motto verfahren „Wasser predigen, aber selbst Wein trinken“ (weiterlesen).
  • Wahre Moral kommt von innen: Staatliche Kontrolle durch Polizei und Staatsanwaltschaft sowie andere Ordnungskräfte reichen nicht aus, um die „innere Moral“ zu ersetzen. Diese Art der Moral die dem Menschen „in Fleisch und Blut“ übergeht, kann man darauf zurückführen, dass in dem Sozialisationsprozess die von Autoritäten im positiven Sinne vorgelebten und vermittelten Werte und Normen internalisiert werden. Es entwickeln sich daraus gewisse Tugenden, die im Gegensatz zu den Lastern, ein moralisch wertvolles Verhalten ermöglichen. Auf diese Weise  verhilft z. B. die Tugend der Großzügigkeit auf der Verhaltensebene zu einer Freigiebigkeit gegenüber Menschen, die sich in Not befinden. Das entgegengesetzte Laster des Geizes befördert ein Verhalten, bei dem in Not geratenen Menschen im Stich gelassen werden. Die innere Haltung ist also wichtig, wenn moralisch positives Verhalten herauskommen soll. Für Immanuel Kant war es „der gute Wille“, den eine Handlung moralisch rechtfertigt und nicht das Ergebnis oder die Konsequenz der Tat. Dieser deontologische Ansatz (Handeln nach Grundsätzen und Regeln) ist deshalb dem utilitaristischen Ansatz, der nach dem erreichten Nutzen fragt, den Vorzug zu geben, weil kein Recht gegen das andere verrechnet werden darf, was z. B. das Bundesverfassungsgericht bereits 2003 so entschieden hat (weiterlesen). Es ging hierbei um die Frage, ob bei einem Terrorangriff, bei dem ein Flugzeug von Flugzeugentführern gekapert wurde, dieses Flugzeug abgeschossen werden darf, um einem größeren Verlust an Menschenleben auf dem Boden zu verhindern, wenn die Flugzeugentführer mit einem Absturz der Maschine in ein bewohntes Wohngebiet oder großes Gebäude (Anlass war der Anschlag auf das Word Trade Center im Jahr 2001) drohen, bei dem mehr Menschen ums Leben kommen als sich in dem Flugzeug befinden. Diesen Abschuss hat es nicht für verfassungsgemäß gesehen, weil dadurch das Recht auf Leben und die Würde des Menschen verletzt würden. Werte sind eben nicht verrechen - und verhandelbar.
  • Religiöse Fundierung: In allen Religionen gibt es die Auffassung, dass es eine absolute (nicht dem menschlichen Willen unterlegene) und universelle (für alle Menschen ohne Ausnahme gültige) Gerechtigkeit gibt, der sich keiner entziehen kann. In den monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) ist es ein personaler Gott, der hierüber wacht, dass diesem Anspruch Geltung verschafft wird, in den nicht-monotheistischen Religionen (Buddhismus, Hinduismus) ist es ein unpersönlich wirkendes Prinzip, das Karma genannt wird, das für den gerechten Ausgleich sorgt, so dass weder gute Taten nicht unbelohnt und böse Taten nicht ungesühnt bleiben. Der Unterschied liegt in der Chancenverteilung: Im Christentum herrscht nach dem Konzil von Niciäa im Jahr 325 (weiterlesen) der Glaube vor, dass es nur ein Leben gibt, dass über das ewige Schicksal entscheidet, im Buddhismus ist es die schier unendliche Abfolge von Reinkarnationen, die im Endeffekt das Ziel die Vollkommenheit des Menschen haben. Diese religiös fundierte Moral ist diejenige, an der sich die von Menschen gemachte Moral messen lassen muss.

 

Moral ist also nicht überflüssig geworden. Sie ermöglicht erst unser Menschsein im besten Sinne und gibt uns die Chance, uns auf den Weg zu machen in eine bessere Zukunft, wobei wir uns nicht von unseren ich-bezogenen Zielen in die Irre führen lassen dürfen.   

 

© beim Verfasser

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