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Neale Donald Walsch gilt als einer der Großen der „Neuoffenbarungen“ Gottes. Ich habe schon einiges über ihn gelesen und mir kürzlich die Trilogie „Gespräche mit Gott“ (Arkana Verlag, 2009) gekauft. Dieses Machwerk hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich: Es wird darin postuliert, dass er bei diesen Werken die Antworten auf seine Fragen höchstpersönlich von Gott diktiert bekommen hat. Aber stimmt das wirklich?

  • Neale Donald Walsch – ein Schreibmedium: N. D. Walsch ist ein Schreibmedium. Die Eingaben, die er erhielt, bekam mit 49 Jahren, als er zuvor durch mehrere schwere Schicksalsschläge (Autounfall mit Genickbruch, Verlust der Beziehung und Arbeit sowie Wohnung, Leben auf der Straße ohne geregeltes Einkommen) aus der Bahn geworfen wurde und endlich, nach einem Jahr Obdachlosigkeit, eine kleine Wohnung und auch einen Job fand und dann sich den Mut fasste, Gott einen Brief zu schreiben. In diesem Brief schrieb er: „Warum funktioniert mein Leben nicht? Was war nötig, damit es endlich funktionierte? Warum konnte ich in meinen Beziehungen nicht glücklich werden? Sollte ich mein Leben lang niemals die Erfahrung machen, über ausreichend Geld zu verfügen? Und schließlich – und sehr nachdrücklich: „Was hatte ich getan, dass ich in meinem Leben ständig derart zu kämpfen hatte?“ (Gespräche mit Gott -GmG, S. 17, Arkana Verlag 2009). In einem Interview schilderte N. D. Walsch das Geschehen folgendermaßen: „Es war das erste Mal, dass ich Gottes Stimme hörte. Sie sagte: ‚Neale, willst du wirklich Antworten auf diese Fragen? Oder willst du nur deine Wut rauslassen? Denn wenn du wirklich mehr erfahren möchtest, kann ich dir Antworten auf diese Fragen geben.‘ Erst dachte ich, dass ich verrückt sei, weil ich Stimmen hörte. Aber im nächsten Moment überkam mich das Gefühl inneren Friedens.“ (weiterlesen). Das was Gott ihm dann diktierte, schrieb er einfach hin. Während er die Botschaft aufschrieb, war es zum Teil nicht bewusst, was er schrieb, wobei der Stift sich wie ferngesteuert von selbst bewegte (GmG, S. 17), er hatte das Gefühl, ein Diktat aufzunehmen (GmG, S. 18).   
  • Neuoffenbarungen: Als Neuoffenbarungen gelten alle Eingebungen, Inspirationen und die daraus resultierenden Publikationen, die nach der Beendigung der Offenbarung Johannes, die als letztes Buch in der Bibel steht, erschienen sind. Zu diesen Neuoffenbarungen können die des Joseph Smith (1805 – 1844), Begründer der Mormonen-Bewegung, oder des Jakob Lorber (1800 – 1864), die in die Lorber-Bewegung mündete, gerechnet werden (weiterlesen). Diese Autoren haben stets behauptet, die Inspirationen direkt von Gott erhalten zu haben. Die Aussagen stellen entweder Ergänzungen oder Erläuterungen zur Bibel dar oder stehen auch im Gegensatz zu ihr. So wird auch z. B. die Trinitätslehre nach einigen Neuoffenbarungen abgelehnt, wie dies Patrick Diemling in seiner Dissertation „Neuoffenbarungen: religionswissenschaftliche Perspektiven auf Medien und Texte des 19. Und 20. Jahrhunderts“. aufzeigt  (weiterlesen, S.250ff.). So gesehen ist die Abfassung von Neale Donald Walsch auch eine Neuoffenbarung.
  • Neuoffenbarungen – bei Theologen unbeliebt: Allerdings sind diese Neuoffenbarungen bei den Theologen nicht sonderlich beliebt. Sie sehen die Offenbarungen Gottes als beendet an. Die Begründung glauben sie in der Johannes Offenbarung zu finden, die da lautet: „Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht" (Johannes Offenbarung 22, 18-19). Die Kernaussage ist, dass der Offenbarung des Johannes nichts mehr hinzugefügt oder weggenommen werden darf, was aus dem Wortlaut („dieser Weissagung“) geschlossen werden kann und nicht der Bibel schlechthin. Es bedeutet also nicht, dass Gott – so wie die Theologen das gerne sehen – seit 2000 Jahren schweigt!
  • Unterschiede zwischen den „Göttern“: Die spannende Frage ist doch: Welcher Gott hat recht? Ist es der Gott der Bibel und sind die anderen seit dem gemachten Aussagen „Teufelswerk“ oder sind die Neuoffenbarungen auch aus derselben Quelle stammend? Es ist klar, dass die Theologen kein Interesse an dem haben, was an neuen Mitteilungen hereinkommt, denn ihre Machtstellung hängt davon ab. Der Grund ist einfach: Solange sie behaupten können, dass nur das, was in der Bibel steht, Gottes Wort ist, können sie die Vormachtstellung als „Alleininterpreten“ und sogar mit „Stellvertreterfunktion“ – das Papsttum wird hierauf gegründet - aufrechterhalten. Dass allein diese Stellvertreterfunktion fraglich ist, wurde bereits an anderer Stelle ausgeführt (weiterlesen). Kommen aber nun andere Menschen hinzu, die ebenfalls meinen, dass sie Botschaften von Gott erhalten haben, die möglicherweise auch noch Angaben in der Bibel widersprechen, verlieren sie die Kontrolle über ihren vermeintlichen „göttlichen Auftrag“. Deshalb tun sie i.d.R. alles, um diese Neuoffenbarungen als unglaubwürdig darzustellen. Stellvertretend soll hier die Meinung des Theologen Michael Kotsch widergegeben werden, der die Neuoffenbarung des Neale Donald Walsch sehr kritisch sieht: „Schlussendlich muss festgestellt werden: Walschs Religion ist weder glaubwürdig noch tolerant, sie ist in sich widersprüchlich, sie verdreht die alltäglich erlebte Wirklichkeit, steht im Gegensatz zu allen bekannten Religionen und ist aufgrund ihrer ethischen Aussagen nicht wünschbar.“ (weiterlesen). Das, was ihm einen besonderen Dorn im Auge ist, gibt er klar zu erkennen: „Insbesondere die biblischen Vorstellungen eines einmaligen Lebens, einer menschlichen Schuld vor Gott, der Notwendigkeit der Todes Jesu, fester ethischer Gebote, der Existenz von Himmel und Hölle usw. werden von Walsch verneint.“ Und in der Tat vertritt „der Gott des Donald Walsch“ klar die Reinkarnationshypothese:  „Es ist kaum zu glauben, dass dies immer noch in Zweifel gezogen wird, obwohl so viele Berichte über vergangene Leben aus absolut zuverlässigen Quellen existieren. Manche dieser Menschen haben mit solch erstaunlich detaillierten Beschreibungen von Ereignissen aufgewartet und derart absolut verifizierbare Informationen geliefert, dass die Möglichkeit, dass sie sie erfunden haben könnten oder die ihnen nahestehenden Personen und die Forscher irgendwie zu täuschen versuchten, völlig ausgeräumt wurde.“ (GmG, S. 240). N. D. Walsch erhielt sogar die Information, dass er sich in seinem 648. Leben befände. An anderer Stelle erläuterte N.D. Walsch´s Gott den Grund der Kirche, die Reinkarnationslehre abzulehnen: „Du musst verstehen, dass die Menschen viele auf Angst gegründete Religionen haben, deren Lehren um einen Gott kreisen, der angebetet und gefürchtet werden muss….Mit Hilfe der Angst brachten die Priester anfänglich die Menschen dazu, von ihrem lasterhaften Leben zu lassen und sich zu bessern und das Wort des Herrn zu befolgen. Durch die Angst gewannen und kontrollierten die Kirchen ihre Mitglieder.“ (GmG, S. 678). Über die Beichte hätten die Kirchen doch die Reinkarnationsidee – in dem Sinne, dass immer wieder eine neue Chance gegeben wird – in ihre Religion eingebaut, in dem sie suggerierten, dass nach einer Beichte alle Sünden vergeben sind und ein Neustart möglich ist (GmG, S. 680). Auch die Leugnung einer Hölle wird von Theologen anders gesehen, denn die Hölle gilt – zumindest nach katholischer Lehre – als fester Bestandteil des Glaubens. Nicht so bei N.D. Walsch´s Gott, denn nach ihm gibt es keine Hölle. Er legt die Absurdität des „Höllenkonzepts“ im Zusammenhang mit dem freien Willen dar: „Da gibt es die, die sagen, dass ich euch einen freien Willen gegeben habe, doch dieselben Leute behaupten, dass ich euch zur Hölle schicke, wenn ihr mir nicht gehorcht. Was für eine Art freier Wille ist das?“ (GmG, S. 59). Er begründet die Abwesenheit der Hölle: „Warum sollte ich, selbst wenn ich den außerordentlichen ungöttlichen Gedanken hegte, dass ihr den Himmel nicht „verdient“ habt, das nach Bedürfnis nach einer Art Rache und Bestrafung haben, wenn ihr scheitert? …Welcher rachsüchtige Teil von mir sollte fordern, dass ich euch einen ewigen, unbeschreiblichen Leiden unterwerfe?“ (GmG, S. 60). Auch die von der Kirche vertretene „Erbsünde“, die auf eine Übertretung des Gebotes, nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, herrrührt, wird von Gott abgelehnt: „Euch wird von frühesten Tagen gesagt, dass ihr schlecht seid. Ihr akzeptiert, dass ihr in Sünde geboren seid. Schuldgefühle sind eine erlernte Reaktion. Euch sind Schuldgefühle wegen begangener Taten eingeredet worden, noch bevor ihr überhaupt in der Lage wart, irgendetwas zu tun. Euch ist beigebracht worden, dass ihr euch dafür schämen solltet, nicht ganz vollkommen auf Welt gekommen zu sein. Dieser angebliche Zustand der Unvollkommenheit…ist der, den eure religiösen Eiferer in ihrer Unverschämtheit als die „Erbsünde“ bezeichneten….Doch zur Rechtfertigung der Vorstellung von einem strafenden Gott mussten die Religionen etwas erschaffen, worüber ich wütend werden könnte. …Weil selbst für jeden Menschen, die ein vorbildliches Leben führen, irgendwie die Notwendigkeit gesteht, errettet zu werden. Wenn sie nicht vor sich selbst gerettet werden müssen, dann müssen sie von ihrer implantierten Unvollkommenheit errettet werden.“ (GmG, S. 147). Die von den Kirchen gelehrte Errettung wird von N.D. Walsch´s Gott infrage gestellt und zwar mit dem Argument, dass es bedeute, Gott hätte die Menschen als unvollkommene Wesen geschaffen, die dann erst vollkommen werden müssten. Er fragt deshalb: „Warum hat mich Gott, wenn er mich auf eine bestimmte Weise haben möchte, nicht schon ganz einfach von Anfang an so erschaffen? Warum muss ich all diese Kämpfe durchstehen, um zu „überwinden“, wer ich bin und so zu werden, wie Gott mich haben will?“ (GmG, S. 165). Auch das Konzept des Sündigens wird deshalb infrage gestellt, weil dies eben eine unvollkommene Schöpfung unterstellt, die sich darin ausdrückten, dass die Menschen „natürliche Neigungen“ hätten, die als Sünden bezeichnet werden. „Ihr wurdet gelehrt, dass ihr sündig geboren wurdet, sündig sterben werdet und dass das Sündigen in eurer Natur liegt. Eine eurer Religionen lehrt euch sogar, dass ihr daran nichts ändern könnte. Eure persönlichen Handlungen sind irrelevant und bedeutungslos….Es gibt nur einen Weg in den Himmel (zur Rettung), und der hat nicht mit irgendwelchen Unternehmungen eurerseits zu tun, sondern geschieht ausschließlich durch Gnade, die euch Gott durch Annehmen seines Sohns als Mittler zuteilwerden lässt.“ (GmG, S. 166) Die so genannte „Erlösungstat“ von Jesus wird abgelehnt. Nach N. D. Walsch´s Gott wurde also der Mensch vollkommen geschaffen. Er muss sich nur daran erinnern, dass er es wirklich ist und versuchen, dies auch zu verwirklichen. Eine scharfe Trennung zwischen dem „allmächtigen Gott“, wie es die christlichen Kirchen lehren, und den schwachen Menschen, gibt es nicht. N.D. Walsch´s Gott sieht die Menschen in einer Art Partnerschaft mit Gott. Ja, er geht sogar so weit zu sagen, dass der Mensch sich als einen Aspekt der Göttlichkeit bewusst werden könne (GmG, S. 127). Da es die strikte Trennung von Gott und den Menschen nicht gibt, gibt es auch keine „Zehn Gebote“, denn er sei kein Herrscher oder König, sondern nur ein Schöpfer. „Doch ein Schöpfer herrscht nicht, er erschafft nur, erschafft und erschafft immerdar.“ (GmG, S. 120). Was er aber eingegangen sei, ist ein Bund – dies habe er bereits Mose versprochen – der aufgrund seiner Zusage immer gültig sei. Wenn die Menschen den Weg zu ihm aufgenommen hätten, dann würden sie die Zeichen der Veränderungen bei sich feststellen, die ihnen zeigen, dass sie auf dem richtigen Weg sind und diese ähneln den 10 Geboten, sind aber nicht als Gebote gemeint (wenn du sie nicht einhältst wirst du bestraft), sondern als gegenseitige Verpflichtungen (GmG, S. 121).

 

Die Trilogie „Gespräche mit Gott“ ist eine anspruchsvolle Kost und nicht immer leicht verdaulich, etwa dann, wenn N. D. Walsch´s Gott behauptet, dass Hitler sich im Himmel befände (GmG, S. 305) oder das George Bush jemand sei, der zu den Führungspersönlichkeiten gehörten, „die einsichtig und mutig genug waren, den Beginn einer solchen neuen Weltordnung vorzuschlagen. Eurer Präsident George Bush, den die Geschichte als einen Mann beurteilen wird, der weitaus mehr Weisheit, Weitsicht, Mitgefühl und Mut  zeigte, als die zeitgenössischen Gesellschaft anzuerkennen will oder fähig war, war eine solche Führungspersönlichkeit.“ (GmG, S. 483). Aber vielleicht kann sich Gott auch mal irren. Das macht ihn mir auf jeden Fall sympathischer als diesen auf Perfektion getrimmten Gott der etablierten christlichen Religionen.

 

©beim Verfasser

 

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